Sharon Dodua Otoo
ZDF/SRF/ORF/3sat
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„Dürfen Schwarze Blumen Malen?“

Sharon Dodua Otoo nachlesen ist Aktivistin und Bachmannpreisträgerin. Ihre Rede ist angesichts weltweiter Proteste gegen Rassismus nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners Georg Floyd durch Polizeibeamte ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die deutschsprachige Literatur nicht in einem Elfenbeinturm befindet.

Verehrtes Publikum, erlauben Sie mir bitte eine Anmerkung, bevor ich mit der Rede beginne. Es geht um die Schreibweise des Wortes „Schwarz“ in meinem Titel. Sie werden vielleicht festgestellt haben, dass er zweideutig ist, je nachdem, ob „Schwarz“ groß oder klein geschrieben wird. Eventuelle Irritationen deswegen möchte ich zunächst aus dem Weg räumen. Es wäre mir eine große Freude, Ihnen von malenden schwarzen Blumen zu erzählen. Von ihren Duftnoten und Farbtönen, ihrer Resilienz und ihrem Großmut, ihrer Nahrhaftigkeit, von ihren heilenden Kräften. Was wir alles von diesen seltenen Blumen lernen könnten! Aber darum soll es heute Abend nicht gehen. Tatsächlich werde ich über Menschen reden. Paradoxerweise habe ich genau dieses Wort – „Menschen“ – weggelassen, um sicherzugehen, dass der Titel von anderen richtig geschrieben wird.

Blume von Sharon Dodua Otoo
Sharon Dodua Otoo
Zeichnung von Sharon Dodua Otoo

Im englischsprachigen Raum ist es üblich, bestimmte politische Selbstbezeichnungen auch als Adjektive großzuschreiben. Denken wir an „Black“ und „Deaf“ zum Beispiel. Der Großbuchstabe am Anfang signalisiert, dass es sich keineswegs bei „Black“ um die Beschreibung eines vermeintlichen Hauttons beziehungsweise bei „Deaf“ um eine Unfähigkeit zu hören handelt. Es sind widerständige Begriffe, die eine Zugehörigkeit zu einer Community kennzeichnen. Die Mitglieder der jeweiligen Communitys teilen Erfahrungen und Überlebensstrategien, aber auch kulturelle Referenzen und tradiertes Wissen. Menschen der afrikanischen Diaspora überbrücken nationale Grenzen und erhebliche Barrieren, um für Anerkennung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu mobilisieren und zu kämpfen.

Sharon Dodua Otoo
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Ich habe gelernt, dass Gebärdensprachgemeinschaften ähnliche Herausforderungen kennen. Diese Communitys sind vielfältig und selbstbestimmt. Mit Sicherheit sind sie sich untereinander nicht immer einig – nicht einmal in der Frage, ob „Black“ beziehungsweise „Deaf“ groß oder klein geschrieben werden soll. Das müssen sie aber auch nicht sein. Die Verwendung der Großbuchstaben am Anfang des Wortes kann zeigen, dass wir der Community angehören oder, wenn dem nicht so ist, dass wir uns mit der Bewegung solidarisieren. Das hat auch in deutschsprachigen Ländern Tradition. Seit über dreißig Jahren bemühen sich Communitys der jüngeren Schwarzen Generation, ihre Eigenbezeichnungen auch in diesem Kontext durch Organisationen wie ADEFRA (Schwarze Frauen in Deutschland), ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland), Pamoja (die Bewegung der jungen afrikanischen Diaspora in Österreich) und Bla*Sh (das Netzwerk Schwarzer Frauen in der Deutschschweiz) zu prägen. Somit werden Schwarze Erfahrungen in den jeweiligen Ländern dokumentiert.

Klagenfurter Rede zur Literatur

Es werden Treffen koordiniert, es werden Veranstaltungen organisiert, es werden Netzwerke gebildet, es wird Theoriearbeit geleistet. Für einen respektvollen Umgang mit unserer gemeinsamen deutschen Sprache gibt es Lösungen und Angebote. Und schließlich kennt die deutsche Sprache bereits Veränderung. Eine Sprache, die es geschafft hat, sich von „Fräulein“ zu verabschieden und ein Wort wie „Safari“ willkommen zu heißen, ist stark genug, um weitere Upgrades zu verkraften. Oder zumindest, um einen souveränen Aushandlungsprozess zuzulassen. Leider wird jedoch in den überwiegend weißen deutschsprachigen Redaktionen – progressiv wie konservativ – noch immer zu eng am Duden festgehalten.

Die ganze Rede als .pdf

Die Rede ist erschienen bei Edition Meerauge im Verlag Heyn.