Jurydiskussion Lennardt Loß

Auf Einladung von Michael Wiederstein las Lennardt Loß den Text „Der Himmel über 9A“. Was als Reise des scheinbar vom Unglück heimgesuchten Hannes Sohr beginnt, entwickelt sich nach und nach in eine spannungsgeladene Geschichte über das Überleben auf offenem Meer.

Rückblenden enthüllen Sohrs Vergangenheit als RAF-Terrorist. Er ist auf dem Weg nach Buenos Aires, um sich eine Kugel entfernen zu lassen, die seit Jahren in seiner Bauchhöhle steckt und gefährlich Richtung Lunge wandert. Eine Operation in Deutschland wäre mit dem Risiko der Enthüllung seiner wahren Identität verbunden. Der Flug nach Argentinien soll somit sein weiteres Überleben ermöglichen, hat jedoch das Ringen ums Überleben im Pazifik zur Folge. Mit Carla, einer weiteren Überlebenden, teilen sie sich den auf dem Wasser treibenden Sitz 9A, doch einer von ihnen muss loslassen.

Lennardt Loß
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Wilke war angetan

Insa Wilke machte den Anfang: Ihre gefielen drei Dinge: Erstens, das Interesse für die Figuren. Auch sie als Leserin werde dadurch neugierig. Zweitens, die Hauptmotive und die Details drum herum. Das Hauptmotiv sei ein Mann, der mit Buße zu kämpfen hat. Die Hauptgeschichte sei so wie „Knochen und die werden mit Fleisch bedeckt“. Die Details seien Berufe, historische Elemente. Ihr gefiel auch die Rückblendentechnik.

Winkels fragte nach Sinn der Geschichte

Hubert Winkels‘ Interesse an den Personen hielt sich hingegen in Grenzen. Er fragte sich, warum jemand so eine Geschichte erzähle. Der erste Satz passe nicht mit Sohrs Schicksal am Ende des Texts zusammen. Es könne auch als paranoide Flugangstgeschichte gelesen werden. Zusätzlich werde noch die Geschichte Deutschlands nacherzählt. Aus den Elementen entwickle sich eine „burleske Räuberpistolengeschichte“, da sei von allem ein bisschen drinnen.

TddL 2018 Publikum
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Das ORF-Theater ist immer gut gefüllt

Kastberger: „Völlig unglaubwürdig dahingerammelt“

Klaus Kastberger meinte, es gebe eine klare Vorstellung vom klassischen Erzählen, das ein außergewöhnliches Ereignis enthalte. Hier seien viele außergewöhnliche Ereignisse vorhanden. Wenn die alle zusammenkommen, „dann glaub ich dem Text nicht mehr viel“. Der Text sei überladen. Zu „viel außergewöhnliche Schauknochen mit zu viel Fleisch“, er wusste auch nicht, was daran witzig sein solle. Das Setting sei ein typisches „Titanic“-Setting, er fand es „völlig unglaubwürdig dahingerammelt“.

Gmünder: Wahnsinnige Stärken im Text

Für Insa Wilke lag die Komik darin, wie die Motive miteinander verbunden sind. Das habe eine ironische Lässigkeit. Winkels dagegen sah ein Problem im Realitätsgehalt.

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Stefan Gmünder erkannte keine Flugangst im Text. Laut ihm habe der Text „wahnsinnige Stärken“. Er funktioniere. Der Text spiele im Jahr 1992. Zum Teil seien es fingierte RAF-Anschläge. Wenn die SS und die Kindheitsgeschichte reinkommen, sei es aber zu viel. Er ortete eine „gewisse Reizüberflutung“. Das fand er „schade“, da ihm der Text in der Anlage gefallen hatte.

Winkels sah einen Willen zur Burleske, das könne man witzig oder übertrieben finden.

Keller sah mehr eine Kurzgeschichte

Aus Kellers Sicht wolle der Text als Kurzgeschichte gelesen werden. Auch sie sah weniger Witz, dafür aber Aberwitz. Loß hätte sich die Dinge zusammengesucht, sei ein fleißiger Rechercheur, er finde tolle Puzzlestücke. Sohr wolle sich in Buenos Aires verstecken, genau wie bestimmte historische Persönlichkeiten. Das sei alles sauber recherchiert, bis hin zur Kindheit im Heim. Aber es sei unheimlich zusammengezogen. Die Zahnärztin aus der anderen Geschichte, nahm Keller auf „Der Nächste, bitte!“ von Corinna T. Sievers Bezug, hätte ihr vielleicht erklären können, wie man auf diesem auf dem Wasser treibenden Sitz in eine Socke pinkelt, um es dann zu trinken.

Gomringer mochte, dass da „so viel anzitiert ist“. Es sei nach dem amerikanischen Erzählschema gearbeitet, das ihr gefalle, dadurch werde Omnipotenz durch alle Beteiligten suggeriert. Carla interessiere sie im Gegensatz zu Wilke nicht, als Figur sei überdeckt von Sohr. Gleichzeitig sei sie sein Untergang, „das ist schon gut“, sagte sie lachend.

Jury Winkels
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Hubert Winkels

„Ein absurdes Schicksal“

Winkels las eine Stelle aus dem Text erneut vor und legte dar, der Text arbeite mit Verschiebungen. Wiederstein meinte, ein paar von den schönsten Bildern seien unscheinbar. Dieses Jahr sei der Typus der 68er immer wieder vorgekommen. Machos seien eitel gewesen, so einer sei auch Hannes Sohr. Es ziehe sich von Anfang bis Ende durch, dass es sich um einen ironisierte Geschichte handelt, wie ein Kebab, der am Ende schmeckt. Sohrs Schicksal sei absurd, „ein krasseres Bild für Absurditäten im Kapitalismus gibt es gar nicht“. Die Geschichte sei hochinteressant montiert, eine Räubergeschichte spiele hier keine Rolle.

Winkels stimmte zu, die Geschichte sei plausibel. Die Frage sei, wie lebt einer mit so einer Geschichte. Er fand vieles analytisch richtig gesagt, aber die Beliebigkeit, die der Text laut ihm hat, werde man nie ganz los. Wenn er gut unterhalten würde, fände er ihn gut, aber er wurde eine „ganze Strecke nicht mitgenommen“.

Die dieses Jahr zum ersten Mal mitwirkenden Jurorinnen Wilke und Gomringer bekräftigten lächelnd ihr Urteil. Sie mochten den Text.