Jurydiskussion Özlem Özgul Dündar

Özlem Özgül Dündar las auf Einladung von Insa Wilke den Textauszug „und ich brenne“. Der Text sticht durch vollkommene Abwesenheit von Großbuchstaben und Satzzeichen hervor. Es gibt vier Ich-Erzählerinnen, allesamt Mütter. Die Jury lobte einhellig.

Wiederkehrende Motive sind Leid, Ungerechtigkeit und Feuer, im Ton schwingt Melancholie mit. Einerseits gibt der Ausschnitt Einblick in das Innenleben der Mütter, andererseits enthält er eine gesellschaftskritische Note.

Zu Beginn der Diskussion ergriff Nora Gomringer die Initiative. „Eine Sprachwucht, vielen Dank“, begann sie ihre Interpretation. Sie fragte sich nach den vielen Müttern. Sie fand es gehe darum, wie mündliches Erzählen funktioniere. „Ich kann nur dankbar stottern“, reichte sie das Wort an ihre Kollegen weiter.

TddL 2018 Özlem Özgül Dündar
ORF/Johannes Puch
Özlem Özgul Dündar

Keller: Text ist angekommen

Für Hildegard Keller sei das Tolle am Text das Verschwimmen von Innen und Außen. Wieder spreche eine Tote, verschiedene Generationen kommen vor. Die Grenzen zwischen Opfer und Tätern verschwimmen, das sei paradox. Es gehe auch um Begegnung. Interessant fand sie, dass Medienkritik eingebaut ist. „Ich glaube, dieser Text ist angekommen.“

Michael Wiederstein meinte, eine alltägliche Situation zu erkennen, wenn sich zwei Mütter auf der Straße treffen. Dann seien aber andere Elemente in den Text gewebt. Die „Sprachlosigkeit ist der Kern“ dieses Texts. Bei Mutter 1 gebe es eine Sprachbarriere. Mutter 2 wollte die Täterschaft nicht wahrhaben. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass es sich um einen tatsächlichen Vorfall vor einigen Jahren handelt. Mutter 1 und Mutter 2 würden aneinander vorbeigehen, die Schuldfrage belaste dann alles.

Keller
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Winkels, Keller, Wiederstein

Erinnerungen an tödlichen Brandanschlag

Hubert Winkels erinnerte daran, dass sich der tödliche Brandanschlag von Solingen mit rechtsextremem Hintergrund dieses Jahr zum 25. Mal jährte. Er wolle nicht sagen, dieser Text greife Solingen als Referenzpunkt auf. Die Form sei eine „der Wiederholung, der Schleifen“. Es gebe kein logisches Äußern, sondern eine Schleifenform. „Passives, trauerndes, schützendes Gedenken“ werde von den Müttern betrieben, was eine „Gleichförmigkeit in das Ganze bringt“. Ob das zwingend sein müsse, wisse er nicht. Am Ende des Textes gelinge es nicht. Die Gleichförmigkeit habe etwas „Bleiernes bei der Rezeption“.

Jury dritter Tag
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Gmünder, Winkels, Keller, Wiederstein

Stefan Gmünder wollte über die Sprache sprechen. Man komme in eine „unglaubliche, mörderische Sprachmaschinerie“, es handle sich um eine „Simulation der Mündlichkeit“. Mütter 3 und 4 würden verbrennen. Der Text sei „gut gemacht und konsequent geführt“, zeigte er sich begeistert.

Kastberger teilt Einschätzungen

Winkels fühlte sich an ein Exerzitium und das Motiv der Pieta erinnert.

Klaus Kastberger fand die bisherigen Einschätzungen plausibel. Vieles stehe aber nicht im Text. Er hatte es interessant gefunden, dass sich sehr viel erst im Kopf zusammensetzen musste. Er habe beim Lesen ständig an die Makrostruktur gedacht und habe sich gefragt, wie die Dinge zusammenhängen. Die Dimension, die dazukomme sei, dass es sich um einen Auszug handle. Blank in den Text hineinzugehen, machte laut ihm das Leseerlebnis aus. Auch er habe die Genealogien gesehen, aber ohne Hintergrundwissen könne der Text mehr Potenzial haben.

Kameras
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Wiederstein hatte sich an die Anschläge erinnert, die dieser Text behandelt und fragte sich, wo er das Hintergrundwissen herhatte. Dündar fügte erklärend hinzu, sie habe die Hintergründe im Anschreiben, mit dem sie sich bei drei Jurymitgliedern beworben hatte, erläutert.

Wilke freute sich über Erfolg ihrer Autorin

Insa Wilke freute sich über die Reaktionen auf die vielen Impulse. Dündar gehe ein großes Risiko mit dem Text ein, da das Thema riskant sei. Auch sei es ein Risiko, sich selbst mit solchen Anschlägen in Verbindung zu bringen. Der Text arbeite auf riskante Weise mit Motiven, auch mit Paradoxen, dann falle aber auch den Medien die Geschichte des Jungen in den Schoß. Dündar gehe auf besondere Weise mit Motiven um. Die Erweiterung von Motiven habe sie beeindruckt.

Wilke machte geltend, man müsse sich in den Text hineinarbeiten.

Kastberger fand am spannendsten, dass „Spannung zwischen dem maximalen Trauma und der Rahmung der kleinen Geste“ aufgebaut werde. In der kleinen Geste könnte das Trauma aufgearbeitet werden, er wies aber auch darauf hin, dass man das nicht unbedingt so verstehen müsse. Es sei eine spannende Frage, wie an dem Text weitergearbeitet wird.

„Kleinigkeiten unheimlich wichtig“

Auch Gmünder fand die Kleinigkeiten unheimlich wichtig. Die Kleinigkeiten wären auf Widerstand gestoßen, wenn man ihn nur lese, aber beim Zuhören sei der Text viel erzählender gestaltet als zunächst angenommen. Zum Stichwort „Verwebung“ nahm Keller Bezug. Die vier „Mütter haben keine eigene Sprache, sie lassen sich nicht unterscheiden“. Die Tätermutter spreche auch in der gleichen Sprache. Das „Verschwimmen von Grenzen zwischen Opfern und Tätern“ sei beabsichtigt. Es sei kein Brei, sondern „fein gearbeitet“. Die Mütter seien letztlich „verknäuelt zusammengeschlossen“.

Wiederstein kam auf das Wort „explizit“ zurück. Der Text sei zu explizit, er sei gewebt und enthalte zu viele Redundanzen ohne Steigerung. Die Szene um Mutter 4 erfülle eine dramaturgische Aufgabe, aber es werde nichts Neues erzählt. Das sei ihm ein bisschen zu viel. Bezüglich der Details meinte er, sei es „ein bisschen schief“.

Die Entdifferenzierung sei beabsichtig, so Winkels. Der „Text verschleift etwas in der Litanei“.

Keller meinte, Mutter 4 beschreibe den Prozess anders, sie pulverisiere sich. Die Omnipräsenz dessen, was passiert ist, trage diese Figur. Wiederstein bestand darauf, das sei zu explizit.

Jury Wiederstein Gomringer
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Wiederstein, Gomringer

„Mitleid belastend für den Text“

Gomringer meinte, bei anderen Texten hätten sie sich diese Tage oft gegen Klischees gesträubt. Durch Mütter würde sich alles determinieren, das ganze Mitleid, das man beim Lesen hat, sei belastend für den Text. Sie störte sich an der Bezeichnung „Mutter“ und warf ein, dem Text hätte es besser getan von „Frau“ zu sprechen. Wilke hingegen fand den Begriff „Mutter“ wichtig, da es um Ursprung gehe. Sie sehe hier keine Pieta. Es gehe um die Frage nach der Kontinuität der körperlichen Unversehrtheit. Winkels stellte noch einmal klar, dass es tatsächlich um Mütter gehe, die ihre Kinder verlieren. Das sei klar eine Pieta.

Kastberger glaubte, die Frage der Mütter sei in der Interpretation herausgearbeitet worden. Wenn die Hoffnung der Versöhnung nur aus den Müttern herauskäme, müsse man es tatsächlich kritisch sehen, aber das sei nicht unbedingt im Text enthalten.

Laut Gomringer mache das „und“ alles artifiziell, man kenne es aus der Bibel. Diese Künstlichkeit mochte sie. Mit dem „und“ werde auch keine Kausalität geschaffen, ergänzte Winkels.