Jurydiskussion Jakob Nolte

Der Deutsche Jakob Nolte las auf Einladung von Hubert Winkels den Text „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“. Die Jurymitglieder waren tief gespalten und versuchten, einander gegenseitig von ihrer Meinung zu überzeugen.

Die wie aus dem Kontext gerissen erscheinenden Tagebucheinträge lassen eine Erzählerin erkennen, die paranoide Züge aufweist, neue Kleider kauft und sich an fluoreszierendem Plankton erfreuen kann. Vieles wird angedeutet, aber nur Manches wird erklärt. So erfährt man zum Beispiel nicht, wo das ungute Gefühl und die Sorgen der Ich-Erzählerin ihren Ursprung haben. Sie wirkt unsicher, was sich auch in der wiederkehrenden Reflexion einzelner Wörter und der Sprache im Allgemeinen spiegelt.

Gmünder: Ein starkes Bild

Stefan Gmünder machte den Anfang und nahm auf die Unterbrechung von Noltes Lesung Bezug: „Ich bewundere die Nerven von Nolte und hoffe, dass er der Dame besser geht mit dem Kreislauf.“ Eines der Phänomene in Klagenfurt sei laut Gmünder, dass es immer wieder Thematiken gebe, die sich durchziehen, hier sei es der Sternenhimmel, er endet mit dem Bad, dem Versinken in diesem Himmel. „Das ist ein starkes Bild“.

Jakob Nolte
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Stephan Gmünder

Kein Mensch schreibe so Tagebuch, es sei aber keines der Erinnerung, sondern eines der Selbstvergewisserung. „Am Anfang versucht die Frau, die Wahrnehmung vom Himmel zu fassen, eigentlich sehr sprachkritisch. Das Fassen der Wirklichkeit des Gesehenen, eine gewisse Paranoia ist im Spiel.“ Die Paranoia habe mit einem Fall zu tun, mit einem Prozess, man wisse nicht genau, worum es geht. Es dürfte um Drogen gehen, um Kokain. „Ich bin immer wieder im Text abgerutscht, wie auch die Schreiberin die Holländerinnen nicht fassen kann. Ich habe mich schwergetan, mich im Text und Sternenhimmel zurechtzufinden“, so Gmünder.

Keller: Nicht damit warm geworden

Hildegard Keller: „Ich bin mit diesem Text nicht warm geworden, weil ich den Text für nicht konstruiert halte. Ich finde keine Figur, die mich anspricht und mitnimmt.“ Das weibliche Ich, das Tagebuch führe, konsolidiert sich für sie nicht. „Ich verstehe nicht, was ihr Fall ist, ihr Beziehungsgeflecht.“ Es sei eine Gemengelage von Gefühlen. In der Sprache fand sie Paradoxe, viele „oder-Ketten“. Für sie sei es ein behauptetes Tagebuch.

Kastberger Wilke
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Klaus Kastberger, Insa Wilke

Insa Wilke meinte, Jakob Nolte sei wohl zufrieden mit den Reaktionen. „Ich hatte den Eindruck, der Text ist ein Piranha mit geöffnetem Maul, der wartet, dass wir in die Falle reinspringen.“ Bei der ersten Lektüre dachte ich, toll, ein Text in dem es um Schönheit geht.“ Beim zweiten Lesen fand sie eine brillante Literatursimulation. Beim dritten Mal habe sie ein poetologisches Werk vorgefunden. Es gehe permanent um Ästhetik. Der Text spiele mit Erwartungen der Leser, „hier werden einem permanent die Instrumente der Ästhetik gezeigt“. Der Satz „Beschreibungen des Sternenhimmels sind schwer“ sei ihr Lieblingssatz.

Keller in ihre Richtung: „Da ist viel guter Wille im Spiel.“

Wilke sagte in Richtung Keller: „Der Text stellt uns eine Falle“. Keller widersprach und ärgerte sich offensichtlich über die Belehrung.

Keller warf ein: „Popcornsperma.“

Nora Gorminger dazu: „Ein schöner Traum.“

Wiederstein Gomringer
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Wiedenstein, Gomringer

„Ein romantisches Großereignis“

Winkels: Man habe bisher viele Geschichte gehört, die well made waren. „Gut und schön und richtig erzählt.“ Offenbar sei das hier nicht der Fall, er mache auf der grammatischen und orthographischen Ebene Fehler, auch im Aufbau der Geschichte. Er konterkariere sich selbst. Er dekonstruiere die klassische Erzählform auf allen Ebenen. „Es ist schwer, falsch etwas gut zu machen.“ Das Besondere sei aber auch, dass er zu einem romantischen Großereignis werde, der einem die Tränen in die Augen treibt. Das Ich löse sich auf. „Wir folgen der Idee der folgenden Planktonpunkte, in denen sich der Text auflöst. Das Kaputte im Text ist schön gestaltet.“ Applaus im Publikum.

Winkels Keller tag 3
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Winkels und Keller waren konträrer Meinung

Gomringer nicht überzeugt

Gomringer: Winkels möchte vermitteln, dass Nolte anders und besser kann. In der erzählenden Person seien diese Lebensmüdigkeit und Paranoia versteckt. „Ich habe dafür keine Geduld, ich empfinde das als eitel und selbstverliebt. Es katapultiert mich weg von der Lektüre", so ihr vernichtendes Urteil.

Hubert Winkels: „Der Text will Verstörungen provozieren. Man muss schauen, wie man damit umgeht.“

Insa Wilke: „Wir müssen auf die Form achten. Der Text konstelliert wie der Sternenhimmel. Es geht nicht darum, was erzählt wird, sondern wie. Darauf muss man schauen. Auf der Inhaltsebene kommt man nicht weiter.“

Gomringer zuckte dazu die Achseln.

Kastberger „nicht gelangweilt“

Kastberger meinte, er habe keinen Piranha gesehen und auch keine Tränen in den Augen. „Mir hat der Text aber sehr gut gefallen, wegen seiner nachdenklichen Art. Er hat ein klares Thema.“ Er ende mit dem Hinweis „ein einmaliges Erlebnis“ und wie man das darstellen könne. Die Planktonbucht sei eigentlich ein Kitscherlebnis, aber er finde es nicht langweilig, darauf zu warten, wie der Text ihm das nahe bringe. Er habe nicht das Gefühl gehabt, er müsste mehr über den „Fall“ im Text wissen. „Er hat einen nachdenklichen politologischen Ton.“ Es gebe viele Nachdenklichkeiten darüber, wie der Text Phänomene beschreiben könne.

In Noltes Text habe ihm die sprachliche Bewegung gefallen, so zum Beispiel das Wort „kristallin“. Der Text denke darüber nach, wie er darstellen könne, setze sich aber auch mit einer Lässigkeit über die Reflexion hinweg. Einen Stilbruch fand er im Ausdruck „die hoi polloigen Wege“. Schwierigkeiten hatte er mit der weiblichen Perspektive. Er glaubte nicht, dass eine Frau spreche.

Fürsprecher Winkels und Wilke

Insa Wilke und Hubert Winkels versuchten vergebens, ihre Jurykolleginnen, vor allem Hildegard Keller, vom Text zu überzeugen. Keller sprach von versuchter „Heiligsprechung“ des Textes. Winkels erklärte seine Begeisterung erneut, konnte Keller aber nicht auf seine Seite ziehen.

Winkels sagte, es gehe auch um das Instrument der Schreibmaschine. Man gehe rein in die Vorstellung, in den Vorstellenden, und in den Akt des Schreibens.

Keller fand in den hier offerierten Interpretationen eine Hülle, die den Text aufwerte. Sie fand unter anderem einen Grammatikfehler auf der ersten Seite: „dessen phonetische Nähe“. Auch wollte sie wissen, was ein „unbedarftes Delirium“ sei und störte sich am Adjektiv „unbedarft“.

Stilmittel ist Abweichung von Metaphern

Winkels versuchte zu erklären, die Abweichungen von Metaphern seien gerade das Stilmittel. Es handle sich um eine tautologische Verstärkung dessen, was nicht gesagt sei. Das sei das Konstruktionsprinzip.
Keller wollte darauf wissen, was seine diagnostischen Mittel seien, um gewollte von ungewollten Fehler zu unterscheiden.
Winkels erläuterte, die Elemente würden sich konstant konterkarieren.

Wilke verstand Kellers Gegenargumente nicht. Keller blieb bei ihrer Meinung und schloss es sei eine „vollkommen mangelhafte Erzählung.“

Michael Wiederstein hielt sich zuerst heraus, sagte dann aber, es gehe ständig um Fotos, die Pixel fallen auseinander. Insa Wilke habe gemeint, es gehe um Stillstand, das sei so im Urlaub, wenn man Fotos mache, so Wiederstein. Die Überinterpretation des Textes laufe in die falsche Richtung. Das Tagebuch werde nachträglich aufgrund von Fotos rekonstruiert. „Es ist todlangweilig“. Insa Wilke versuchte, auch ihn zu überzeugen.

„Kein popliterarischer Text“

Kastberger wollte noch das Kokain und die Nachdenklichkeit kommentieren. Der Text sei „in einer extremen Weise langsam“. Er gehe über Tropen hinaus, aber die Elemente seien hier nicht schnell erzählt. Reflexion und Nachdenklichkeit stecken im Text und auch die Lesung mochte er, „die Gelassenheit fand ich grandios“. „Rasender Stillstand“, fasste Wilke zusammen. Wiederstein wollte seine Aussage nicht als abwertend verstanden wissen. Auch in der Popliteratur gebe es tonnenweise Texte, die so funktionieren. Dennoch sei es kein popliterarischer Text.

Kastberger fand die Lesung Noltes „brillant“, Gorminger lachte dazu.