Jurydiskussion Joshua Groß

Joshua Groß, geboren 1989, Autor mehrerer Bücher, las auf Einladung von Insa Wilke seinen Auszug „Flexen in Miami“. Darin lässt er den Ich-Erzähler einem Basketballspiel in einem Stadion beiwohnen.

Recht früh im Text wird Shaquille O’Neal erwähnt, mit Begriffen wie Facebook, Twitter und Kiss-Cam wird ein Bezug zur hippen Welt der Gegenwart hergestellt und letztendlich endet der Auszug mit Gedanken zu BSE. Vollgespickt mit Referenzen unterschiedlichster Art und mit einem zügigen Erzähltempo ausgestattet ist „Flexen in Miami“ dynamisch auf inhaltlicher als auch formeller Ebene. Während des Spiels stolpert der Ich-Erzähler in ein Verhältnis mit Claire, die mit der gegnerischen Mannschaft mitfiebert und ihre Eintrittskarte von der Cheerleaderin Charlotte erhalten hatte.

TddL 2018 Joshua Gross Lesung
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Joshua Groß

Teils philosophische Reflexionen finden sich auf dem Weg zum Club, wo nach dem Spiel gefeiert wird. Nach einem beinahe atemlosen Monolog wird Charlotte ohnmächtig. Im Krankenwagen unterhalten sich die drei Protagonisten schließlich über den Zusammenhang zwischen BSE und Claires Wunsch Meeresbiologin zu werden.

Keller und Winkels zugeneigt

Zu Beginn der Diskussion über „Flexen in Miami“ meldete sich Hildegard Keller zu Wort. Sie mochte den Sound, es sei ein „Text mit Groove“. Sie mochte die Sicht des Protagonisten auf die Welt, mit ihm würde sie sich durchaus ein Basketballspiel ansehen. Es gehe um eine existenzialistische Haltung, aber dennoch bleibe der Text geheimnisvoll. „Toll gemacht.“

Keller
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Keller

Hubert Winkels fand, dieser Text sei von großer Klarheit. Es sei eine unendliche Kette von medialen Vermittlungen, die jeden Schritt prägt. Es gebe keine Stelle im Text, die nicht mit dem „Phänomen der bejahten totalen Entfremdung“ spielt. Der Text habe „einen gewissen Flow“. Was ihn für den Text einnehme, sei das existentialistische Element. Der Protagonist bleibe hartnäckig, die „Unterschicht von Verzweiflung in diesem aufgepoppten nachträglichen Lebens- und Liebesgeschehen“ gebe dem Text eine Schwere.

Was für Nora Gomringer zähle, sei das Zitat von Wolfgang Borchert: „Wir selbst sind zuviel Dissonanz“. Sie verstehe aber nicht genau, mit wem man es hier zu tun hat. Sie fragte sich, ob man es hier einfach mit einem Millenniummenschen zu tun habe.

„Text wie in künftigen Schulbüchern“

Insa Wilke bot einen Erklärungsversuch an und befand, der Text sei „bewusst artifiziell“. Es sei ein Text, den man in der Zukunft in Schulbüchern vorfinden könnte. Er handele von einer sozialen Situation, die man in der heutigen Zeit kenne, wie es für die Avantgardisten im 20. Jahrhundert der Fall war. „Flexen in Miami“ stelle eine Welt der totalen Simulation her, die Oberfläche. In der jetzigen Zeit habe man die totale Sicherheit, die totale Kontrolle. Aber weder die Erfahrungen noch die Ratio würden uns etwas bringen. Das Fantastische an diesem Text sei, dass man bei jedem Wort einen ganzen Kontext vorfindet. Trotzdem könne man ihn auch komplett intuitiv lesen.

Man könne ihn auf diesen verschiedenen Ebenen lesen. Winkels fand den Text zwar gut geschrieben, Baudrillard, Simulation und Ähnliches seien aber nicht spezifisch für das Jahr 2018.

Gmünder will nicht zu „hochloben“

Stefan Gmünder fand den Text „sehr beweglich, interessant“, stellte aber klar, man solle ihn nicht zu hochloben. Ein Dämon führe den Protagonist in diese Situation. Dramaturgisch sei der Text genial, pflichtete er Wilke bei. Auch das retardierende Moment mit der Frau sei genial. Aber mit dem Thematisieren von BSE habe er Probleme. Der Text gefalle ihm, aber Gesellschaftskritik könne man nicht hineinlesen.

Nora Gomringer
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Wiederstein, Gomringer

„Zu viel over the top“

Michael Wiederstein hatte das Gefühl, man kenne alles schon von früher. Es sei viel zu viel „over the top“. Er griff auf eine Metapher aus dem Küchengerätebereich zurück und erinnerte an ein Thermomix-Gerät, das man vom Markt nehmen hätte müssen. Das solle man auch mit diesem Text machen Klaus Kastberger gefiel die Unbekümmertheit des Autors. Er glaube, es sei ein sehr gegenwärtiger Text. Es sei eine Gegenwart der sozialen Medien, die natürlich mit 2018 zu tun habe. Es gehe darum, was Zwanzigjährige bewegt, darum, was seine Generation beinahe als Science Fiction vorkomme. Die Liebesgeschichte und die Stelle, wo es um Echtheit und Simulation geht, fand er gut. Die Bemerkung, dass Claire rieche wie ein Sternennebel und die darauffolgende Feststellung, der Protagonist wisse eigentlich nicht, wie Sternennebel riecht, gefalle ihm sehr gut.

Wilke bestätigte, Science Fiction sei tatsächlich ein gutes Stichwort. Das spannende an „Flexen in Miami“ sei, dass der Text viel Wissen aus verschiedenen Bereichen zusammentrage und dabei genau gearbeitet sei. Science Fiction arbeite ebenso mit solchen Mitteln wie Neologismen und das ist auch, womit dieser Text arbeite. Sie befand, dass es sich bei diesem Text wahrscheinlich um ein Werk handele, das man heutzutage noch nicht versteht.

Jury Winkels
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Winkels

Keller: Man wird in Spiel gezogen

Winkels gab sich zögernd. Hier gehe es um den Versuch durch ein Massenspektakel ein Miteinander zu schaffen. Man dürfe sehr wohl damit spielen, aber man dürfe es „nicht als den letzten Schrei verkaufen“. Das Richtige sei in der falschen Perspektive festgesetzt, nichts an dem Text sei spezifisch für 2018.

Keller bemerkte, dem Text brächten die vielen Deutungen der Diskussion wenig. Es gehe mehr um Spiellust, die Spielzeughaftigkeit von allem, was in der Welt ist. Im Grunde genommen werde man in ein Spiel hineingezogen. Das Sciencefictionhafte könne man hineinlesen, aber eigentlich bewege sich der Text viel differenzierter. Die Spiellust mit dem Bewusstsein stehe sehr viel mehr im Vordergrund als ein pamphletartiges Ding.

Laut Wilke hingegen wird alles benannt, alles vorgeführt. Der Text sei die Diagnose der Gegenwart. Die heutigen Generationen seien diejenigen, die ein System herstellen, in dem man nicht leben könne. „Dazu stellt der Text eine Diagnose.“

Für Gomringer fehlt Konsequenz

Gomringer stellte fest, sie müsse wohl eine „schwerfällige Traditionalistin“. Ihrer Meinung nach funktioniere es nicht, dass bestimmte Dinge wie WhatsApp übergangen und andere wie die Kiss-Cam genau erklärt werden. Verärgert warf Wilke ein, Gomringer solle sich mit Dingen wie dem klassischen literarischen Helden der Geschichte befassen, wenn ihr das lieber sei. Darauf entgegnete Gomringer unbeeindruckt, „dann ist er halt ein Game-Charakter“, aber sie habe ein echtes Problem mit der Sprache.

Laut Wilke müsse man die existentielle Ebene von „Flexen in Miami“ mitlesen. Gomringer hielt abschließend fest: „Es fehlt einfach die Konsequenz.“

Trotz der Einwände von Seiten des Juryneuzugangs Gomringer und Wiederstein überwog dennoch ein positives Urteil.
Moderator Christian Ankowitsch ortete ein starkes Zeichen für die Dissidenzbereitschaft der Jury.