Jurydiskussion Anna Stern

Der Text „Warten auf Ava“ der Schweizerin Anna Stern stieß bei der Jury auf Unverständnis, sie ortete Erklärungsbedarf.

Im Text wird die für Angehörige und Freunde belastende Erfahrung geschildert, die darauf warten, dass die zuvor vermisste Wanderin Ava, nun in einem Krankenhausbett liegend, wieder zu Bewusstsein kommt. Die verzweigten Fragmente des Kontexts und das für die Kurzgeschichte beachtliche Personenensemble werden durch die klare Sprache zu einem Ganzen gewoben. Eine einfühlende Geschichte über das Trennende und Verbindende, das im Leben Wesentliche und das Unwesentliche.

Anna Stern
ORF/Johannes Puch
Anna Stern las stehend

Winkels hoffte auf Erklärung

Hubert Winkels machte zögernd den Anfang. Er meinte, er hätte darauf gehofft, ein Kollege würde ihm zunächst den Text erklären. Man erfahre eine Menge über die realen Gegebenheiten eines Unfalls. Die ganze Umgebung werde geschildert. Was aber nur in Spuren erklärt werde, sei der Hintergrund des Geschehens. Es gebe Andeutungen, aber immer wenn etwas näher beleuchtet werden könnte, rücke der Text wieder in die metonymische Sphäre. Die Stärke könne vermutlich in den Referenzen auf Literatur gefunden werden, so werden zum Beispiel Dickens und Wright erwähnt.

Jury Winkels
ORF/Johannes Puch
Winkels

„Sechs Arten mit Trauer umzugehen“

An dieser Stelle unterbrach Insa Wilke und stimmte Winkels zu. Sie habe auch Schwierigkeiten gehabt, den Text zu verstehen. Ihr habe jedoch die Lesung geholfen. Es schien zunächst schematisch. Nun sei ihr klargeworden, dass es „um sechs Arten geht mit Trauer umzugehen“. Das „in-die-Berge-gehen ist ja auch eine Metapher fürs Lesen“, es sei die Aufgabe der Leser den Bedeutungen nachzugehen. Winkels hingegen hielt fest, es gebe zu viele Leerstellen. Wenn er beim Lesen so viel leisten müsse, sei das eine Rätselaufgabe, die er nicht lösen wolle.

Kastberger langweilte sich

Dem stimmte auch Klaus Kastberger zu. Er befand das Setting für einfach und simpel und es sei von Winkels auch ausführlich beschrieben worden. Er finde keinen Grund, weshalb er sich dafür interessieren solle. Er sah es als „an den Haaren herbeigezogenes Arrangement“. „Langeweile ist ausgebrochen bei mir.“ Alles sperre ihn dem Text zu geben, was er wolle. „Warten auf Ava“ sei „mit unzulänglichen Mitteln“ geschrieben. Auch Nora Gomringer fand sich auf der falschen Spur wieder, sie fühlte sich vom Text irritiert. Sie fragte sich, ob ihr die Namen etwas sagen sollten, fand jedoch keine Antworten. Sie sei dem Text „nicht auf der Spur“.

Wiederstein: Anlage gekippt

Michael Wiederstein hingegen meinte, man dürfe sich nicht auf Karten und Fixpunkte verlassen. Der Ort sei laut seiner Recherche im Internet ein Wanderweg in Schottland. Die Schlüsselstelle sei der Name der Feldstation – Black Swann. Die ganze Anlage sehe für ihn so aus, als sei es Teil einer größeren Geschichte, deshalb sei auch das Personal so riesig. Paul und Ava gehen im Streit auseinander, das kann einem jeden Tag passieren. Daher sei der Text für ihn schon annehmbar, doch die Anlage sei „gekippt“.

Jury Wiederstein Gomringer
ORF/Johannes Puch
Wiederstein, Gomringer

Gmünder: Text und ich sind Fremde geblieben

Gmünder dagegen mochte die Diskretion des Texts sehr. Er habe bei Ava an Frau Ava aus dem 12. Jahrhundert gedacht, eine historische Person. Er habe die Geschichte aber nicht mit Schottland in Verbindung gebracht. „Der Text und ich sind Fremde geblieben.“ Er sei abgerutscht.

Für Keller virtuoses Spiel mit der Zeit

Hildegard Keller griff die Metapher auf und gab zu verstehen „der Text und ich sind Freunde geworden“. Für sie seien nicht so viele Leerstellen im Text. Er umfasse einen größeren Kosmos und es handele sich um einen Auszug. Paul und Ava scheinen ein Schweizer Paar zu sein. Paul scheine zu Ava gereist zu sein, bei ihrem Streit sei es wahrscheinlich um das Kind gegangen. Sie scheint abgehauen zu sein. Er sei jetzt da und nun komme das Personal ans Spitalbett. Ihr gefiel das „virtuose Spiel mit der Zeit“.

Irgendwie geht das Leben, die Liebe über den Tod hinaus weiter. Da sei eine Ursuppe der Zeit und das Konkrete in der Klink. Ihr habe die Parade der Menschen im Krankenhaus gefallen. In der konkreten Zeit des Hier und Jetzt gebe es eine Zeit, die aufgerufen wird. Scheinbar ohne kausale Verbindung werde über das Unglück in der Vergangenheit geschrieben. Als Leser sei man im Schwebezustand, man wisse nicht, wie die Geschichte ausgeht. Das Spiel mit Zeiten habe ihr gefallen, das sei ausgezeichnet gemacht, mit einer unglaublichen Präzision.

Kastberger fand keinen Einstieg

Insa Wilke erwähnte die philosophische Ebene, die existentielle Frage, den lebendigen Toten. Diese Elemente gefielen ihr während der Diskussion zunehmend.

Kastberger hingegen fand „einfach keinen Einstieg“. Der philosophische Gedanke des Texts sei Hans Blumenberg entnommen. Man müsse es nicht wissen, aber man könne. Diesen philosophischen Gedanken habe es schon vorher gegeben und werde es naher geben, er sei aber kein Verdienst des Texts. Es gebe andere Texte, die die Aufmerksamkeit verdienen, die dieser Text hier erhalte.

Keller meinte, bis jetzt seien nur Kollagen vorgestellt worden. Man fragte sich immer nach der Funktion. Sie denke, es handle sich hier um etwas Magisches. Wenn etwas weitergehen solle, müsse Ava überleben und das sei das Entscheidende.

Jury Keller
ORF/Johannes Puch
Hildegard E. Keller

Vieles blieb offen

Winkels erinnerte an den Satz: "Dennoch, er würde die Zeit nicht zurückdrehen, nicht um Vilmas Willen, nicht um sich von seinen Worten zu distanzieren, nicht um das Kind Un-Kind zu machen.“ Das sei der bedeutendste Satz, aber er fragte sich, ob man die Elemente im Satz nicht umdrehen müsste. Es gebe nur wenige zentrale Stellen, aber wenn man diese umgekehrt lesen kann, dann steige er aus. Es gebe zu wenig, um den Text in Gang zu setzen.

Gomringer meinte, sie alle seien auf Vergangenheits- und Persönlichkeitssuche gegangen. Offensichtlich solle man mehr von Ava wissen, sie sei der zentrale Körper. Doch auch Gomringer gab zu, sie könne es nicht runden, auch bei ihr bleibe es offen. Sie wünsche sich „einen Eintritt in Klärung“. Trotz wohlwollender Stimmen von Keller, die Stern nach Klagenfurt geholt hatte, Wilke und Gmünder überwogen Zweifel und Unverständnis für „Warten auf Ava“.