Erste Favoriten zeichnen sich ab

Mit Stephan Lohse und Joshua Groß zeichnen sich nach dem ersten Lesetag bereits zwei Favoriten ab. Die einzige Österreicherin des heurigen Bewerbs, Raphaela Edelbauer, war als erste Autorin an der Reihe.

Die 28-jährige Wienerin Edelbauer las einen Text mit dem Titel „Das Loch“, der sich mit gefährlichen Hohlräumen unter einer österreichischen Kleinstadt beschäftigt und Geschichte und Gegenwart verbindet. In dem Text, der sich aus Recherchen rund um die Seegrotte Hinterbrühl speist, geht es anhand eines herbeigerufenen Technikers um die Notwendigkeit, dem gefährlich instabil gewordenen Untergrund mit Materialeinspritzungen wieder Stabilität zu verleihen, aber auch um Massenmorde, die in den Höhlen und Grotten an KZ-Häftlingen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verübt wurden.

Jury Lesung Edelbauer
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Edelbauer liest

Dieses Thema wird auch im vermutlich 2019 erscheinenden ersten Roman „Das flüssige Land“ der im Februar mit dem Rauriser Literaturpreis Ausgezeichneten im Zentrum stehen - mehr dazu in Jurydiskussion Raphaela Edelbauer.

Kritik an „Statik des Textes“

Die neue Jurorin Insa Wilke ergriff als Erste das Wort und gab auch gleich den Ton der Jurydiskussion vor: „Mir gefällt die Figur des Auffüllungstechnikers sehr gut“, sagte sie, doch „im Mittelteil stimmt die Statik des Textes nicht“. Auch Hildegard Keller gefiel diese Figur sehr gut, aber der Text sei ein Hybrid und der Figur zu viel aufgebürdet: „Die poetische Aufladung passt in diesen Techniker nicht rein.“ Nora Gomringer, Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2015 und ebenfalls neu in der Jury, erregte mit ihrem Statement Gelächter: „Alle Männer sind Auffüllungstechniker.“ Auch in Edelbauers Text sei „recht viel Füllmaterial eingespritzt. (...) Da wäre weniger mehr gewesen“, kritisierte Michael Wiederstein, während Stefan Gmünder fand, die Einwände beträfen „Kleinigkeiten in einem sehr gelungenen Text“.

TddL 2018 Lesungen
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Clavadetscher

Ein Text aus dem Pflegeheim

Die 38-jährige Schweizerin Martina Clavadetscher, die im Vorjahr mit ihrem Roman „Knochenlieder“ für den Schweizer Buchpreis nominiert war, las einen Text mit dem Titel „Schnittmuster“. In ihm geht es um eine 92-Jährige, die im Pflegeheim soeben gestorben ist, und doch viel zu berichten hat, von ihrem schweren, auch von Gewalt geprägten Leben und vom Sterben: „Schwerstarbeit, davon kann ich euch ein Liedlein singen“, heißt es einmal, und: „Im Nachhinein ist man immer schlauer - dafür auch tot.“ Sogar im Tod arbeitet sie als Schneiderin weiter: „Niemand ahnte meine List: Ich wandelte durch meine Menschhülle, ich richtete mir in meinem Sterben ein Arbeitszimmer ein. In den Heimnächten, als alles schlief, habe ich geschuftet. Das Rattern der Maschine hörten sie als Schnarchen...“

Bester erster Satz...

Klaus Kastberger verlieh seinen Privatpreis für den besten ersten Satz für Clavadetschers Auftakt: „Das letzte Schnappen macht den Unterschied.“ Er zeigte sich ebenso wie Insa Wilke von der Betulichkeit des Tons irritiert, wohingegen Wilke mit Nora Gomringer einig war im Gefühl, „dass hier zwei Texte drinnenstecken“. Auch Gmünder glaubte, „dass der Text überinstrumentalisiert ist“. Hildegard E. Keller, die Clavadetscher eingeladen hatte, zeigte sich dagegen begeistert: „Da steckt noch was anderes als die klassischen Totengespräche drinnen. (...) Es ist eine Erzählung der letzten Chancen, jener zum Reden und jener auf ein anderes Körperkleid. Diese beiden letzten Chancen ergreift sie“ - mehr dazu in Jurydiskussion Martina Clavadetscher.

Tage der deutschsprachigen Literatur

14 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treten um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg Bachmann-Preis an, darunter mit Raphaela Edelbauer auch eine Österreicherin.

Reise ins Lulumbaland

Ins „Lumumbaland“ führte der er in Berlin lebende Hamburger Schauspieler, Regisseur und Autor Stephan Lohse, der auf Einladung von Hubert Winkels las, in seinem Text, der zum Abschluss der ersten Vormittags-Session die Jury fast unisono begeisterte. Die Verbindung aus Afrika und Europa, Weiß und Schwarz, betreibt längere Zeit ein Vexierspiel, bei der die Sahara nicht die Sahara ist und Lumumba nicht der historische kongolesische Politiker, der 1961 ermordet wurde, sondern ein weißer Schüler, der gleichsam eine schwarze Identität annimmt. Es verbindet sich eine Coming-of-age-Geschichte und ein Trip von der Länge eines Joints mit Kolonialgeschichte und emanzipatorischem Impetus.

TddL 2018 Stephan Lohse Lesung
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Stephan Lohse

„Spüre die Trommelnd des Aufruhrs“

Historische Belehrungen in „bildungsbürgerlichen Packages“ a la Wikipedia verbat sich Kastberger energisch, während Insa Wilke, die sich von dem „sehr gut erzählten Text“ begeistert zeigte und dessen Figuren „hinreißend“ fand, das Publikum zur Gegenprobe bat: „Können mal bitte alle, die was über Lumumba wissen, die Hand heben?“ - „Ich spüre in diesem Text die Trommeln des Aufruhrs“, ortete Stefan Gmünder. „Mir gefällt an diesem Text besonders das Lässige“, betonte Winkels. Mehrere Juroren orteten in dem Text den Beginn einer Romans, was auf Nachfrage von Hubert Winkels beim Autor keineswegs gesichert scheint.

Anna Stern
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Anna Stern

Unverständnis für Anna Sterns Text

Die Schweizerin Anna Stern las am Nachmittag ihren Text „Warten auf Ava“ auf Einladung von Hildegard E. Keller. Im Text wird die für Angehörige und Freunde belastende Erfahrung geschildert, die darauf warten, dass die zuvor vermisste Wanderin Ava, nun in einem Krankenhausbett liegend, wieder zu Bewusstsein kommt. Die verzweigten Fragmente des Kontexts und das für die Kurzgeschichte beachtliche Personenensemble werden durch die klare Sprache zu einem Ganzen gewoben. Eine einfühlende Geschichte über das Trennende und Verbindende, das im Leben Wesentliche und das Unwesentliche. Der Text stieß bei der Jury auf Unverständnis, sie ortete Erklärungsbedarf - mehr dazu in Jurydiskussion Anna Stern.

Rätselaufgabe für Winkels

Hubert Winkels vermisste im Text etliche Dinge, die helfen würden, ihn zu erschließen und ortete „eine Rätselaufgabe, der ich mich nicht gerne unterwerfe“. „Ich habe keinen Grund gefunden, warum mich das alles interessieren soll. Bei mir sperrt sich alles gegen den Text“, wetterte Klaus Kastberger, und auch Nora Gomringer bekannte, „nicht auf die Spur“ zu kommen. „Der Text und ich sind Fremde geblieben“, meinte Stefan Gmünder, „Der Text und ich sind Freunde geworden“, hielt Hildegard E. Keller, die die 1990 in Rorschach geborene und heute in Zürich lebende Autorin eingeladen hatte, dagegen.

TddL 2018 Joshua Gross Lesung
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Joshua Groß

Lob für Joshua Groß

„Flexen in Miami“ hieß der Text des von Insa Wilke eingeladenen jungen deutschen Autors, mit dem der erste Lesetag abgeschlossen wurde. Bei einem US-Basketballspiel nimmt eine heftige Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und der Französin Claire ihren Ausgang, bei der allerdings auch noch Charlotte eine Rolle spielt. Zwischen „Ich streichelte ihre Haare, ganz vorsichtig, bis sie ohnmächtig wurde“, und „Sie lag träge auf der Trage“ trumpft der Text von Groß immer wieder mit Pointen auf und entwickelt zwischen Sport, Spiel, Medienkonsum, Freizeitverhalten und zeitgemäßer zwischenmenschlicher Annäherung einen Sog.

„Ich mag den Sound. Es ist ein Text mit Groove“, begeisterte sich Hildegard E. Keller über die „sprachliche Spiellust“ und die „Spielzeughaftigkeit von allem, was in der Welt ist“. Hubert Winkels fand „alles prima“ und sah einen „Text von großer Klarheit und ohne Zweifel mit gewissem Flow“ sowie „eine unendliche Kette von medialen Vermittlungen“ - mehr dazu in Jurydiskussion Joshua Groß.

Vermutlich erste Favoriten

Joshua Groß und Stephan Lohse dürften die Favoriten des ersten Lesetages sein. Am Freitag um 10.00 Uhr eröffnet die am Zürichsee lebende deutsche Ärztin und Autorin Corinna T. Sievers den zweiten Tag des Wettlesens. Es folgen die Berlinerin Ally Klein und die in Österreich lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk. Der Deutsche Bov Bjerg startet um 13.30 Uhr in die Nachmittagssession, die sein Landsmann Anselm Neft abschließt. Der Ingeborg-Bachmann-Preis und die weiteren Preise werden am Sonntag vergeben.

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