Jurydiskussion Ada Dorian

Ada Dorian las auf Einladung von Hildegard E. Keller den Romanauszug „Betrunkene Bäume“, einen Text über den Kampf gegen das Altern, Altersheim und die Auseinandersetzung mit lange Zurückliegendem.

Ein einsamer alter Mann schwelgt in Erinnerungen, die mit der Gegenwart verschmelzen. Abwechslung in seinen Alltag bringen Tochter Irina und Nachbarin Katharina. Ihr enthüllt er auch seine Verbindung zu Sibirien. Um diese Gegend kreisen seine zwanghaften Gedanken und ihretwegen züchtet er sich in seinem Schlafzimmer einen Wald heran, der schließlich zum Grund für den so verhassten Umzug in ein Heim wird.

Tag 3 Ada Dorian

Johannes Puch

„Text hat sich viel vorgenommen“

Juryvorsitzender Hubert Winkels meinte, der Text habe sich viel vorgenommen und spiele es relativ konsequent durch. Er sei symbolisch stark aufgeladen. Im Zentrum stehe der Fluchtpunkt Sibirien. Es gehe um zwei Parallelgeschichten, die sich zusammenfinden, einander verschränken, die von Erich und die um Katharina. In jedem Detail seien sie aufeinander bezogen. Die Relationen seien klar, „auch wenn man sehr konzentriert lesen muss“. Meistens sei das laut Winkels „ganz sauber“ durchexerziert. Ihn störte die totale „Überdeterminiertheit“, die ihm „too much“ ist. „Man kann nicht loslassen und nicht atmen“, schloss Winkels.

Tag 3 Winkels

Johannes Puch

Hubert Winkels

Stefan Gmünder sah den Text motivisch fein gearbeitet. Es sei Text über das Wachsen, auch der Text selbst wachse. Er habe den Eindruck, dass er mit einer Überraschung endee. Dennoch habe auch er sich durch die von Winkels angesprochene „Überdeterminiertheit“ gestört – eher am Anfang, am Schluss dann nicht, so Gmünder.

„An Heimatroman erinnert“

Für Sandra Kegel war der Text ästhetisch nicht aufregend; Motive, die er durcharbeitet, fand sie „packend“. Der Text sei „strukturiert wie ein Ikea-Regal“. Kegel verwies auf den Namen Erich, der Programm sei: Er – Ich. Außerdem hinterfrage der Text die Konstruktion von Heimat. Und das sei das, womit alle Figuren ein Problem hätten. Durch die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“ fühlte sie sich an einen Heimatroman aus den 1950er-Jahren erinnert, den sie aber nicht per se abwerten würde.

Klaus Kastberger sagte, es sei ein „wunderschöner Text in korrekter deutscher Sprache“. Er sei, wie die meisten Texte, die so gearbeitet sind, wie ein Gefäß, in das irgendwann die Sprachthematik kommt. Der Text löse es aber in einer anderen Art. Er führe eine Schattierung in das Glas ein. Das Glas habe einen melancholischen Einschlag, die Melancholie gefiel ihm gut. Es ist ein getrübtes Glas, diese Eintrübung zieht sich durch. Man könnte vielleicht brüchigere ästhetische Verfahren anwenden können. Womit er Schwierigkeiten hatte, war, dass er nicht wusste, wohin der Text laufen solle, da es sich um einen Romanauszug handelt.

Tag 3

Johannes Puch

Meike Feßmann

Feßmann entdeckte Familiengeheimis

Meike Feßmann äußerte sich positiv über die „Familiengeheimnis-Situation“, die sie im Text entdeckt zu haben glaubt. Sie habe aber das Gefühl, der Text sei sehr umständlich erzählt. Zum Thema meinte sie, dass das eigentliche Geheimnis Erichs Vergangenheit betreffe. Sie vermutete, dass Irinas leiblicher Vater im Straflager gearbeitet habe und Erich Aufseher war, deshalb sei Schuld ein Thema in diesem Text. „Diesmal findet die Schuld in einem sibirischen Straflager statt.“

Juryvorsitzender Winkels entgegnete, die Hinweise, die der Text diesbezüglich liefere, seien zu wenig ausgeprägt. Die verwendeten Mittel seien „literatrisch abgegriffen“ zur die reine Symbolproduktion. Der Texte tue alles, um mit Symbolik Melancholie zu erzeugen.

Tag 3 Keller

Johannes Puch

Hildegard Keller

„Kleine Welt konstruiert“

Hildegard Keller bezog sich auf die bisherige Diskussion, die von Widersprüchen gekennzeichnet war, wie sie befand. In der Diskussion sei es bisher um Überdetailliertheit im Gegensatz zu Leerstellen gegangen, aus denen man sich nichts zusammenreimen könne. Das konventionell Erzählte könne wieder zum Risiko werden. In der Tat sei das die erste Erzählung, die nicht aus der Ich-Perspektive erzählt werde.

Hier wird einen kleine Welt konstruiert, in der der Makrokosmos, nämlich Sibirien, mit zwei Schicksalen verschränkt werde. Erich wird von Irina entlarvt. Katharina hingegen will sich auf die eigenen Beine stellen und campiert in der Wohnung. Es sei eine einfache, sorgfältige erzählte Geschichte. Für sie ist Erich kein Aussiedler, sie denke eher an den zweiten Weltkrieg und die Spätfolgen. Diese Ebenen werden ohne Pathos erzählt. Sie würde es interessieren, wie es mit den beiden weiter geht. Menschliche Themen, die Relevanz haben, seien in einer Erzählung vorzufinden, die gut sei, so Keller.

„Wo geht man hin zum Sterben?“

Klaus Kastberger fand die Idee eines Waldes schön, die jemand im Schlafzimmer pflanze. Es sei für ihn ein Einstieg, den man genauer ausführen könne. Er fühlte sich an die Diskussion um Julia Wolfs Text erinnert und verortete die beiden Texte auf etwa gleichem Niveau.

Juri Steiner sagte, der Text sei ein schönes Beispiel dafür, wie er sich verändere, wenn man ihn mehrfach lese. Beim ersten Mal sei er ihm vorgekommen wie ein Traum. Dann kippe die Geschichte ins Paradox der Widersprüche. Die Menschen verwildern, das sei ein Motiv, das er interessant fand. Es sei die Frage „wo geht man hin um zu sterben“. Die Tochter, die der Mutter gleiche, dagegen Erich, der die Wärme von Frauen ausschlägt und Emotion nur mit Bäumen leben kann. Er durchlebe etwas auf metaphorischer Ebene. Er wisse, dass sie nicht seine Tochter sei und ihn nicht liebe, es gebe niemandem, der ihm zum Schluss seine Hand halten werde.

Steiner meinte, die Tochter, die sehr autoritär sei, habe ihm nicht eingeleuchtet. Er fragte sich, wieso sie keine Ahnung von diesem Schlafzimmergeheimnis hat. Rein schon um ihre Macht zu demonstrieren, müsste sie wissen, was im Schlafzimmer sei.

„Ein Leben kommt ins Kippen“

Keller meinte zur Frage, weshalb sich Irina nie Zutritt zum Schlafzimmer verschafft habe, es handele sich um einen Moment, in dem ein Leben zum Kippen kommt. Der Unfall, der Erich ins Spital brachte, sei der Punkt, an dem Irina erst in sein Leben kam. Vorher hatte er die volle Autonomie. Dies sei der Moment, wo sie die ersten Zeichen von Demenz beim ihm erkenne. Das sei der Moment, der ihn aus der Souveränität schmeiße.