Letzter Lesetag: „Tollster erster Satz“

Wohlwollend diskutiert wurde am Samstag über den Text von Eckhart Nickel. Er lieferte laut Hildegart Keller den „tollsten ersten Satz“. Urs Mannharts „archische Männergeschichte“ (Feßmann) würde Vladimir Putin gefallen (Kastberger).

Nach 14 Lesungen geht bei den 41. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ein Favoriten-Trio in das Rennen um den Ingeborg-Bachmann-Preis: Ferdinand Schmalz, John Wray und Eckhart Nickel sind - geht es nach den Diskussionen der Jury - preisverdächtig.

Text über Himbeeren und alternative Welten

Eckhart Nickel wurde eingeladen von Michael Wiederstein und las den Text „Hysteria“ - mehr dazu in Eckhart Nickel TEXT. Die Jury diskutierte wohlwollend, wenn auch nicht ganz übereinstimmend.

tag 3 Eckhart Nickel
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Eckhart Nickel

Hildegard Keller sagte, es sei ein toller erster Satz: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“. Ein Mann erleide auf einem Biomarkt eine Panikattacke und falle in eine Zeitreise. Für Keller entführt der Text in eine Welt von Dr. Mabuse und Frankenstein, die in der Nahrungsmittelbranche arbeiten und Tiere mit Pflanzen kreuzen. „Sehr gepflegte, etwas überkandidelte Sprache“.

Stefan Gmünder sagte, man könne auch zu genau beschreiben. Wenn etwas zu genau werde, verschieben sich Grenzen in Richtung Wahnsinn. Etwas verändere sich im Bewusstsein des Protagonisten. Er sehe, was andere nicht sehen. „Der Text gefällt mir sehr gut“. Sandra Kegel nannte es einen Elementarteilchentext, der Text will wissen, etwas auf dem Grund gehen. Was habe er geschmeckt an der Himbeere, er wolle sich keine „Beere aufbinden lassen“. Feßmann nannte den Text „Poetik forcierter Dünnhäutigkeit“ - mehr dazu in Eckhart Nickels Text kam an.

Tag 3 Gianna Molinari
ORF/Johannes Puch
Gianna Molinari

Molinari: Tod eines Flüchtlings

Die Schweizerin Gianna Molinari las auf Einladung von Hildegard E. Keller den Text „Loses Mappe“ über den Tod eines Flüchtlings, der sich im Fahrwerk einem Flugzeug versteckt hatte - mehr dazu in Gianna Molinari TEXT.

Sandra Kegel sagte „gut gemacht“, Klaus Kastberger fand den Text journalistisch und stellte die Frage, wie die Literatur damit umgehe. Im Text seien Fotos von Behördenschreiben abgebildet sowie Kleiderstücke eines tot aufgefundenen Flüchtlings. Michael Wiederstein musste zwei Fragen stellen, um sicher zu gehen, dass er den Text richtig verstanden hatte - mehr dazu in Jury zwiegespalten von Gianna Molinari.

Text über „Festung Europas“

Maxi Obexer liest auf Einladung von Meike Feßmann. Ihr Text „Europas längster Sommer“ beschäftigt sich auch mit dem Thema Einwanderung - mehr dazu in Maxi Obexer TEXT.

Maxi Obexer
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Maxi Obexer

Hubert Winkels sagte eingangs, das Problem des Texte sei, dass er aus einer Perspektive des Komforts einer Italienerin erzählt, die nach Deutschland reist und die Formalitäten mitmachen müsse. Sie denke sich dabei in andere Einwanderungsgeschichte hinein, die nicht so unproblematisch seien. Die ganze Sympathie gelte jenen, die man sich vorstellt. Das sei das Klischee der Festung Europas. Es sei eine Zweiteilung der Welt in böses Europa und gute Ankömmlinge voller linksliberaler Ressentiments. „Das kann ich schwer ertragen“, so Winkels.

Meike Feßmann sagte, sie habe den Text eingeladen, weil er ihr wie ein Experiment erscheine. Es komme bei dem Text nicht auf jedes Wort an, es sei kein poetischer Text. Die Geschichte versuche, die Loslösung vom Heimatland und einen Umzug als „Ein zur Sprache kommen“ zu erzählen. Zu den Jurykollegen meinte sie verteidigend, der Text sei so abgerüstet, dass die übliche Bewertung nicht greife - mehr dazu in Jury nicht einig über Maxi Obexers Text.

Mannhart und eine echte Männergeschichte

Als letzter Autor der diesjährigen TddL war Urs Mannhart an der Reihe. Er las auf Einladung von Michael Wiederstein den Text „Ein Bier im Banja“ - mehr dazu in Urs Mannhart TEXT. Der Text konfrontiert zwei Dutzend Pferden, mit dem Ehepaar Asamat und Assjel sowie den beiden Männern Anarbek und Norsultan, die in einer schneereichen Winternacht einen Wolf fangen möchten. In der personenreichen Geschichte, die von einem teilnehmenden Beobachter erzählt wird, gibt es auch Kalmirsa, den 47-jährigen Sohn eines Wolfsjägers, und seinen Vater Oorghan.

TDDL 2017 Urs Mannhart
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Urs Mannhart

Gmünder sieht Parallelen zu Steinbeck

Stefan Gmünder sagte, es sei „ein schöner Text“. Er fühle sich erinnert an John Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“, hier geht es um „Männer und Wölfe.“ Frauen im Text seien geheimes Zentrum des Textes, seinen Geschmack habe Mannhart getroffen.

„Manchmal ist es mir ein bisschen zu Foto-Tapete“, meinte Sandra Kegel. Hildegard Keller konnte sich mit dem Verhandelten „nicht besonders identifizieren“, aber: „Mannhart kann schreiben, keine Frage.“ Klaus Kastberger hatte dagegen „größte Schwierigkeiten mit dem Text“, der Vladimir Putin sicher gefallen hätte. Martin Wiederstein erklärte, wie der Text in Klagenfurt gelandet sei. Er verzichte auf Pathos und Brimborium - mehr dazu in Urs Mannhart, Pferde, Hund und Wolf.

Zwei Favoriten nach zwei Lesetagen

An den ersten beiden Lesetagen lobte die Jury einhellig den Text des Österreichers Ferdinand Schmalz über eine eiskalte Selbstmordgeschichte - mehr dazu in Jury angetan von Ferdinand Schmalz. Am ersten Lesetag war die Reaktion auf den Text des US-Amerikaners mit Kärntner Wurzeln ebenso einhellig positiv - mehr dazu in Überwiegend Lob der Jury für John Wray.

Publikum: Abstimmung bis 23.00 Uhr möglich

Ab 15.00 Uhr war am Samstag das Publikumsvoting freigeschaltet. Da es zu technischen Problemen kam, wurde die Frist um drei Stunden auf 23.00 Uhr verlängert. Jeder Zuschauer kann für seinen Autor stimmen, Voraussetzung für die Gültigkeit der Stimme ist eine schriftliche Begründung. Man kann nur für einen Autor stimmen. Der Gewinner des BKS-Publikumspreis erhält ein Stadtschreiberstipendium der Stadt Klagenfurt.

Auf der Übersichtsseite auf den Lieblingsautor klicken, auf der nächsten Seite ganz nach unten scrollen und auf den Abstimmungsknopf klicken. Dann kann man seine Begründung eingeben.

Preisverleihung ab 11.00 Uhr

Am Sonntag werden von den sieben Juroren in öffentlicher Abstimmung die Preise vergeben: der mit 25.000 Euro dotierte Bachmann-Preis, der erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) sowie der 3sat-Preis (7.500 Euro). Das Publikum bestimmt via Internet, wer den mit 7.000 Euro dotierten BKS-Bank-Publikumspreis mit nach Hause nimmt. Im Vorjahr gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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