Tag zwei: Viel Lob für gefrorenes Rehragout

Am zweiten Lesetag zeichnet sich mit dem Grazer Ferdinand Schmalz ein weiterer Favorit nach John Wray ab. Ein Eiswarenverkäufer, der eine Leiche verschwinden lassen soll, gefiel der Jury. Er dürfte nach John Wray der zweite Favorit sein.

Nach zehn von 14 Autorinnen und Autoren ordnete sich das Feld ein wenig: Große Chancen bei der sonntägigen Preisverleihung dürfen sich John Wray und Ferdinand Schmalz ausrechnen, auch Karin Peschka, Verena Dürr und Jackie Thomae sind nach dem zweiten Lesetag der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur noch nicht ganz aus dem Rennen.

Eiskalte Mordsgeschichte

Schmalz begann den zweiten Lesetag mit „mein lieblingstier heißt winter“ auf Einladung von Sandra Kegel. Der bisher vor allem als Dramatiker bekannte Steirer, der derzeit an einer „Jedermann“-Neudichtung für das Burgtheater arbeitet, eröffnete mit einer fulminanten Lesung den zweiten Tag. Im Zentrum seines Textes steht ein Herr Schlicht, ein „klimawandelleugner“, der an einem heißen Sommertag in „vom schweiß durchnässter eismannuniform“ tiefgekühltes Fertigessen zustellt, etwa „rehragout“ für Doktor Schauer, der dem Lieferanten in seinem Keller eine ungewöhnliche Eröffnung macht: Er werde in Kürze eine Überdosis Schlaftabletten nehmen und in seine Tiefkühltruhe steigen.

Anschließend ersuche er den Tiefkühlprofi um Überstellung seines eingefrorenen Leichnams zur Hubertuswarte, wo er in der Morgensonne langsam auftauen werde. Als Schlicht seinen Auftrag schließlich ausführen will, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung in der vermeintlichen Totentruhe: „darin nur nichts. kein kalter schauer. nur kalte luft, die ihm entgegenstürzt“ - mehr dazu in Ferdinand Schmalz TEXT.

Ferdinand Schmalz
ORF/Johannes Puch
Ferdinand Schmalz

Zweiter Favorit

Die Jury zog vor dem mit Hut aufgetretenen Autor, der mit bürgerlichem Namen Matthias Schweiger heißt, den Hut und zeigte dem auch mit performativen Qualitäten überzeugenden 31-Jährigen keine kalte Schulter. Hildegard Keller lobte: „Herr Schmalz ist eine Figur, und er kann glänzend Figuren erschaffen.“ - „Ein echter Showman“, fand Meike Feßmann und ortete „performative Qualität“.

Sandra Kegel sah „eine Schauergeschichte“, die „gammelige Erhabenheit“ habe: „Ich würde sagen, dass dieser Text makellos ist.“ Auch Klaus Kastberger sah einen „perfekter Text“ und ortete Nähe zu Ödön von Horvath und Johann Nestroy. Hubert Winkels und Stefan Gmünder hoben das gelungene Zusammenspiel von Hitze und Kälte in einem „Text, der rockt“ (Gmünder). Einzig Michael Wiederstein zeigte sich durch „überbordendes literarisches Kalauern“ irritiert - mehr dazu in Jury angetan von Ferdinand Schmalz.

Live und on demand

Die Lesungen sind live im Internet zu verfolgen. Der Livestream ist wieder aktiv am Samstag ab 10.00 Uhr.

Markovic mit Familiendrama

Markovic, 1980 in Belgrad geboren und seit 2006 in Wien wohnhaft, hatte mit ihrem auch bereits dramatisierten Roman „Superheldinnen“ im Vorjahr einen Erfolg gelandet. Ihren Text „Die Mieter“ eröffnete die bei ihrer Lesung immer wieder von Hustenreiz geplagte Autorin mit einem Coup: „Gerhard entdeckte die Leichen seiner Mieter am Donnerstag.“ Der Vermieter verfolgt normalerweise über eine in den Gängen installierte Video-Überwachungsanlage „die Leben seiner Mieter wie eine Reality-Serie“, „aber auf den Überwachungsvideos vom Todestag ist nichts Verdächtiges zu sehen“.

Am Ende zeigt die Wohnung ein mörderisches Eigenleben. Zwei überlebende Schwestern werden von ihr buchstäblich verschluckt, weil sie an der Wohnung etwas verändern wollen. „Gerhard wird bald neue Mieter suchen müssen.“ - mehr dazu in Barbi Markovic TEXT.

Jury nicht vollständig überzeugt

Die Jury fand interessante Aspekte, zeigte sich aber nicht vollständig überzeugt. Hubert Winkels sah „eine parabolische Bahn mit imaginärer Bedeutung“, die jedoch viel zu viele Interpretationsräume öffne. Meike Feßmann fand es „gut, dass man Ironie und Ernst nicht auseinanderhalten kann“, doch „die Gags verbrauchen sich“. Stefan Gmünder ortete „einen Schwebezustand der Uneindeutigkeit“ und fand den Text „mit der Zeit ein bisschen zu redundant“. Michael Wiederstein konnte „damit wenig anfangen“: „Ich habe mich gelangweilt.“ Einzig Klaus Kastberger, der Markovic eingeladen hatte, warf sich für seine Autorin vehement in die Bresche und ortete bei den Jury-Kollegen „Blindheit der Interpretation“ - mehr dazu in Barbi Markovic überzeugte Jury nicht.

Barbi Markovic
ORF/Johannes Puch
Barbi Markovic

Zwei Klaviere von Verena Dürr

Die 34-jährige Wiener Medienkünstlerin Verena Dürr, Teil des „Poesiepop“-Duos Bis eine Heult, beschäftigt sich in ihrem anspielungsreichen Text „Memorabilia“ mit dem „anderen Klavier“ aus „Casablanca“, auf dem in dem Kino-Klassiker nicht in Ricks Bar, sondern in der kürzeren, sogenannten „Pariser Flashbackszene“ der berühmte Song „As Time Goes By“ gespielt wird.

Das Musikinstrument wird in einem Zollfreilager „in einem Kleinstaat mit hoher Millionärsdichte“ aufbewahrt und von einem Restaurator aufgesucht. Auch eine reiche „Kunst-und Filmliebhaberin“, der bereits das andere, bekanntere Klavier aus „Casablanca“ gehört, und ein Kunsthändler finden sich ein - mehr dazu in Verena Dürr TEXT.

TDDL Tag 2 Verena Dürr
ORF/Johannes Puch
Verena Dürr

Einige Juroren überzeugt

Dürr überzeugte einige Juroren. Hubert Winkels fand es „grandios, wie der Text es schafft, so tonlos zu erzählen“: „Es ist reine Konzeptkunst, und ich weiß nicht, was dagegen spricht“. Hildegard Keller fand den Text „ganz außerordentlich eigen. Er hat eine eigene Stimme“ und sei „äußerst raffiniert gemacht": Man weiß nicht, ist es eine literarische Reportage vom Feinsten oder ist das eine Parabel?“

Klaus Kastberger, der Dürr eingeladen hatte, lobte „einfache Mittel und einfache Strategie“, und Stefan Gmünder sah „einen sehr eleganten, sehr schönen Text“, der „vielleicht etwas zu cerebral“ sei. Eine entschiedene Gegnerin war Meike Feßmann. Der Text arrangiert das Setting, füge diesem aber nichts hinzu: „Er hat keine eigene Stimme und keinen Eigensinn.“ Angeregte Diskussion um Text von Verena Dürr.

TddL 2017 Jackie Thomae lesend
ORF/Johannes Puch
Jackie Thomae

Putzen als Parabel über Migration

Die Deutsche Jackie Thomae las auf Einladung von Hubert Winkels den Text „Cleanster“ über Menschen im Reinigungsgewerbe. Der Text schildert einen jungen Mann mit Migrationshintergrund bei seinem siebenten Putz-Auftrag. Doch in drei Stunden eine Drei-Zimmer-Wohnung zu reinigen, kann sich manchmal als erstaunlich problematisch erweisen - etwa, wenn die Vase umfällt und die Waschmaschine piept. Der Putzmann flüchtet in einer Panik-Attacke, der Auftrags-Abbruch gibt der Wohnungsbesitzerin Rätsel auf - mehr dazu in Jackie Thomae TEXT.

Dafür gab es von der Jury einiges Lob, aber wenig Begeisterung. Sandra Kegel sah ein Kammerspiel, das den „Clash of Civilizations“ zeige. „Die Frage des Putzens führt ins Zentrum der Widersprüche unserer Gesellschaft“, lobte Meike Feßmann, die den Text „gut erzählt, aber etwas zu glatt für das Thema“ fand. Gespalten zeigten sich auch Stefan Gmünder und Hildegard Keller, die „gern mehr von den Figuren gewusst“ hätte. Michael Wiederstein ortete „zwischenzeitlich fast Hörspiel-Qualitäten“. „Sie kann Dialoge“, lobte Hubert Winkels, eine „gewisse Leichtigkeit“ fand Klaus Kastberger - mehr dazu in Jackie Thomae lässt Welten aufeinanderprallen.

Liebesbeziehung mit einer Kapelle

Nach ihr las Jörg-Uwe Albig den Text „In der Steppe“ auf Einladung von Meike Feßmann. Der Text ist von Rückblenden und traumähnlichen Sequenzen durchzogen, er nähert sich wortgewaltig einer unüblichen Beziehung zwischen Lebendem und Leblosen. Gregor Stenitz entdeckt eines Tages eine einsame Kapelle und kehrt fortan regelmäßig zu ihr zurück, bis er eines nachts bei ihr übernachtet. Im Text selbst stellt sich die Frage, ob es sich bei dieser außergewöhnlichen Anziehungskraft zu einem Gebäude um eine Perversion handelt. Beantwortet wird sie nicht - mehr dazu in Jörg-Uwe Albig TEXT.

TddL 2017 Tag 2 Jörg Uwe Albig
ORF/Johannes Puch
Jörg-Uwe Albig

Die Jury war sich in ihrer Ablehnung ziemlich einig. Kastberger sagte, der Text sei überfrachtet: „Ich glaube, der Text hat eine völlig missglückte Schönheitsoperation hinter sich.“ Hildegard Keller sah eine mystische Union mit einem Gebäude. Sandra Kegel informierte sich im Internet über „Objektophilie“ und sei von deren Existenz überrascht gewesen. Meike Feßmann erklärte den Text ihren Jurykollegen, die ihr aber mehrheitlich nicht folgten - mehr dazu in Verriss für Text von Jörg-Uwe Albig.

Am Samstag, dem letzten Lesetag, tragen der Deutsche Eckhart Nickel, die Schweizerin Gianna Molinari, die Südtirolerin Maxi Obexer sowie der Schweizer Urs Mannhart ihre Texte vor.

Erster Favorit zeichnete sich ab

John Wray, dessen Mutter aus Friesach stammt, las am ersten Tag den Text „Madrigal“ auf Einladung von Sandra Kegel. Er ist heuer der einzige Kandidat, der bisher auf Englisch schreibt. Die Jury war einhellig vom Text begeistert - mehr dazu in Überwiegend Lob der Jury für John Wray.

Wohlwollend wurde der Text von Karin Peschka über die Apokalypse in Wien bewertet, die Autoren Björn Treber und Daniel Goetsch kamen nicht so gut an - mehr dazu in Erster Lesetag: John Wray erster Favorit.

Weiterer Ablauf

Die Lesungen laufen bis Samstagnachmittag. Am Sonntag werden von den sieben Juroren, unter denen der in Zürich lebende Germanist und Literaturkritiker Michael Wiederstein heuer der einzige Novize ist, die Preise vergeben: der mit 25.000 Euro dotierte Bachmann-Preis, der erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) sowie der 3sat-Preis (7.500 Euro). Das Publikum bestimmt via Internet, wer den mit 7.000 Euro dotierten BKS-Bank-Publikumspreis mit nach Hause nimmt - mehr dazu in Fünf Preise werden 2017 vergeben.

Bachmannpreis social media

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