Erster Tag: John Wray erster Favorit

Am ersten Lesetag gab es großes Lob für den Text des US-Amerikaners mit Kärntner Wurzeln, John Wray. Auch die Apokalypse, die Karin Peschka beschrieb, kam gut an. Überwiegend ablehnend war die Jury gegenüber dem Text von Daniel Goetsch, auch Björn Treber wurde eher verrissen.

Mit der Münchner Autorin und Filmerin Noemi Schneider, die Anfang des Jahres ihren Generationenroman „Das wissen wir schon“ bei Hanser vorgelegt hatte, wurde die erste Nachmittags-Session eröffnet. „Fifty Shades of Gray“ heißt ihr Text, der sich in Abschnitten von „Cool Gray One“ bis „Cool Gray Forty Nine“ um eine „Baronesse“ genannte Psychiaterin und Internats-Absolventin und ihre mitreisende Freundin dreht - mehr dazu in Text Noemi Schneider.

Ob es sich um eine banale Urlaubsreise oder eine Flucht vor dem sich durch einen immer finster werdenden Nebel anbahnenden Weltuntergang handle, darüber herrschte in der Jury Uneinigkeit.

Erster Lesetag Noemi Schneider
ORF/Johannes Puch
Noemi Schneider

Stefan Gmünder fand lustig, dass Gott Backgammon spiele und auf den Weltuntergang wartet. Für Hildegard Keller war der Text nicht plausibel. Und Klaus Kastberger meinte, es sei die biedermeierlichste Apokalypse, die er je gesehen habe, es sei alles ein bisschen unglaubhaft. Die Jury diskutierte letztendlich über die Glaubwürdigkeit des Textes - mehr dazu in Noemi Schneider: Diskussion um Glaubwürdigkeit.

Goetsch’ Text kam nicht gut an

Als letzter Autor las Daniel Goetsch seinen Text „Der Name“, ein Romanauszug - mehr dazu in Text Daniel Goetsch. Er wurde von Hildegard E. Keller nach Klagenfurt eingeladen. Goetsch nahm bereits im Jahr 2000 am Wettlesen um den Bachmann-Preis teil. Ausgehend von einem Inselspaziergang erinnert sich ein heute fast 80-Jähriger an das Jahr 1946, an eine Liebschaft mit einer 19-Jährigen, der Tochter eines Deutschen, den der damalige US-Besatzungsoffizier im Zuge der Entnazifizierungen zu verhören hatte und ihn schließlich zum Beauftragten für Presse und Rundfunk in der Besatzungs-Administration machte.

Daniel Goetsch
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Daniel Goetsch

Hubert Winkels sah „eine Identitäts-Auflösungs-Geschichte“, die jedoch „zusammencollagiert zu sein scheint“ aus verschiedenen Elementen des Romans. Auch Stefan Gmünder und Klaus Kastberger, der „von der Stilistik wenig auszusetzen“ hatte, fand den Romanauszug unglücklich gewählt: „Der Text braut epische Breite“, so Kastberger. „Viel zu konventionell erzählt“, befand Sandra Kegel, „viele stilistische Mängel“ sah Meike Feßmann. Einzig in Michael Wiederstein und Hildegard Keller fand der Text Anhänger - mehr dazu in Keine Begeisterung für Text von Daniel Goetsch.

Live und on demand

Die Lesungen sind live im Internet zu verfolgen. Der Livestream ist wieder aktiv am Freitag ab 10.00 Uhr.

Peschka mit Text über Apokalypse

Die gebürtige Oberösterreicherin Karin Peschka eröffnete den Lesereigen am Donnerstag. Sie sei „ein bissel nervös“, bekannte die Autorin, ehe sie einen Auszug aus der Erzählung „Wiener Kindl“ las, Teil des Erzählbandes „Autolyse Wien - Erzählungen vom Ende“, der im August im Otto Müller Verlag erscheinen wird. Das „Kindl“ zählt zu den Überlebenden einer Katastrophe, die Wien zerstört hat, „vielleicht nur Wien, vielleicht das ganze Land“.

TDDL 2017 Eröffnung ORF Theater
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Während die Menschen „unter den Trümmern lagen, oder nach dem Unglück, nach dieser Irritation, aus der Stadt geflüchtet waren“, sind Hunde die Gefährten des Kindes, aber auch seine Konkurrenten im Überlebenskampf. „Das Kindl würde viel lernen müssen, falls es am Ende des Sommers noch am Leben sein wollte“, heißt es in dem dystopischen Text. Peschka wurde eingeladen von Stefan Gmüner - mehr dazu in Text Karin Peschka.

Diskussion Peschka
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Karin Peschka

Wohlwollende Kritik

Die Jury zeigte sich wohlwollend aber uneins. Den einen - wie Juryvorsitzendem Hubert Winkels - war der Text zu einfach, andere wie der neue Juror Michael Wiederstein orteten „viel zu wenig Reduktion“. Meike Feßmann sah „ein sehr schlichtes Setting“, fand den Text aber „interessant“. Hildegard Keller sah „ein modernes Märchen, eine Art Hybridtext“ mit sehr schönen Ansätzen, aber „gestauchter Sprache“.

Was sich der Text vornehme, löse er auch ein, fand Sandra Kegel. „Eine Gesellschaft geht vor die Hunde“, fasste sie zusammen und sah im Sujet „Mogli im Wienerwald“ oder „Moses im Schilf“. Klaus Kastberger sagte: „Es hat einen riesigen Vorteil, mit der Apokalypse anzufangen, dann hat man es hinter sich“- mehr dazu in Karin Peschka: Wohlwollende Jurydiskssion.

Treber las Text über ein Begräbnis

Der junge Kärntner Björn Treber (Jahrgang 1992), dreimaliger österreichischer Jugendstaatsmeister im Tennis, stellte in seinem Text „Weintrieb“ ein Begräbnis in den Mittelpunkt. Auf den Annabichler Friedhof wird der Großvater des Erzählers zu Grabe getragen. Beschrieben werden Zeremonie und Trauergäste, als durchgehendes Motiv dient Treiber ein immer wiederkehrender Verweis auf die Annabichler Vögel: „Sie singen nur für ihn.“ „Weintrieb“ ist das erste Kapitel eines größeren Projekts, an dem Treber arbeitet. Ausgehend vom Begräbnis geht es dabei um das Leben des Großvaters. Er las auf Einladung von Stefan Gmünder - mehr dazu in Text Björn Treber.

Björn Treber Lesung
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Björn Treber

Jury sah Unbeholfenheiten

Während der Mut des jungen Autors, sich literarisch dem Tod eines nahen Menschen anzunähern, etwa von Stefan Gmünder, der Treber eingeladen hatte, oder von Klaus Kastberger, dessen Student Treber in Graz ist, gelobt wurde, hagelte es von der Mehrheit der Juroren teils harsche Kritik: Hubert Winkels sah „unterlaufene Fehler“ und „viele Unbeholfenheiten“ in dem Text, der „auf basale Weise nicht gelungen“ sei, Meike Feßmann ortete eine „recht brave Geschichte“, Michael Wiederstein „eine Art Adjektivitis“.

Sandra Kegel fand den Text „in der Bilderzeugung zu schwach“. Hildegard Keller begeisterte sich hingegen für die präzise und „frische Beschreibung eines Begräbnisses“ und sah „sparsam gesetzte poetische Glanzlichter“. Kastberger fasste zusammen: „Sooo grottenschlecht ist der Text nicht. Treber lässt für die Zukunft etwas hoffen“ - mehr dazu in Björn Treber: Jury ortet Unbeholfenheit.

Begeisterung für John Wray

John Wray, dessen Mutter aus Friesach stammt, las den Text „Madrigal“ auf Einladung von Sandra Kegel - mehr dazu in Text John Wray. Wray, geboren 1971 in Washington D.C., ist heuer der einzige Kandidat, der bisher auf Englisch schreibt. Mit seinen Romanen (zuletzt: „Das Geheimnis der Verlorenen Zeit“) hatte der austro-amerikanische Autor, der in Brooklyn und im Kärntner Friesach auf dem Hof der Familie seiner österreichischen Mutter lebt, bisher sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum großen Erfolg.

TddL 2017 John Wray
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John Wray

In seinem teilweise dialogischen, wie ein Vexierbild immer wieder die Perspektive verändernden Text geht es um Madrigal, eine in Little Rock, Arkansas, lebende Frau, die „als Kaltanruferin für ein Inkassounternehmen“ arbeitet und von ihrem Bruder, dem Schriftsteller Teddy, „Maddy“ genannt wird. Die psychisch labile Madrigal, Autorin mit Schreibblockade, sieht ihr unbekannte Tiere in einem Teich und recherchiert diese im Internet.

Jury durchwegs begeistert

In der Jury herrschte fast einhellig Begeisterung: „Ich bin schwer beeindruckt von diesem Text“, sagte Hubert Winkels. „Das war ein großes Vergnügen für mich“, versicherte Klaus Kastberger, der das „sehr stringente und nachvollziehbare erzählerische Konzept“ und den brillanten Vortrag lobte: „Da war ein Profi am Werk.“ - „Der Leser wird permanent an der Nase herumgeführt“, begeisterte sich Sandra Kegel, die Wray eingeladen hatte, über dessen „ausgebufftes Konzept“. „Ganz großes Handwerk“ und „ein Zauberkunststück sondergleichen“, sah Heike Feßmann, die aber Zweifel hatte, ob er „hier zu viel auf einmal zeigen wollte“ - mehr dazu in Überwiegend Lob der Jury für John Wray.

Lesungen bis Samstag

Die Lesungen laufen bis Samstagnachmittag. Am Sonntag werden von den sieben Juroren, unter denen der in Zürich lebende Germanist und Literaturkritiker Michael Wiederstein heuer der einzige Novize ist, die Preise vergeben: der mit 25.000 Euro dotierte Bachmann-Preis, der erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) sowie der 3sat-Preis (7.500 Euro). Das Publikum bestimmt via Internet, wer den mit 7.000 Euro dotierten BKS-Bank-Publikumspreis mit nach Hause nimmt - mehr dazu in Fünf Preise werden 2017 vergeben.

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