Franzobel hielt kämpferische Rede

Franzobel hielt 2017 die Rede zur Literatur - es war eine kämpferische Rede. Literatur sei „Kampf gegen die Verdummung, Ingnoranz, Lustfeindlichkeit und Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher.“

Unter dem Titel „Seelenfutter oder das süße Glück der Hirngerichteten“ setzte sich der Bachmann-Preisträger des Jahres 1995, der zuletzt den viel beachteten Roman „Das Floß der Medusa“ veröffentlicht hat, im ORF-Theater in Klagenfurt mit der Bedeutung von Literatur in unserer Zeit auseinander.

Franzobel übt sich in Pessimismus

„Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen. In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift“, übte sich Franzobel - beziehungsweise sein zum Zeugen angerufener „Freund Grünlich“ - zunächst in Pessimismus.

„Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert“, so der Autor. „Heute glaube ich nicht mehr an diese Möglichkeit. Die Sprache ändert sich, und verstanden wird immer nur das, was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht. Nichts überlebt. Alles ist vergänglich, auch ein Text.“

TDDL 2017 Franzobel Eröffnungsrede
ORF/Johannes Puch

„Welt wartet nicht auf neue Texte“

Die Welt warte nicht auf neue Texte, die Literatur sei ein Nischenmarkt. „Es hat ja niemand mehr Zeit zum Lesen - zumindest für nichts, das länger ist als eine Facebook-Statusmeldung oder eine Whatsapp-Nachricht. Der Vereinswechsel eines Zweitligaspielers bekommt wesentlich mehr Öffentlichkeit als der neue Roman eines Bachmannpreisträgers, von dem der Durchschnittsbürger wahrscheinlich gar nicht weiß, was das ist.“

Andererseits werde es „immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung“, so der Autor, der sich in seiner Rede auch mit Ibsen, Edgar Allen Poe oder Nietzsche beschäftigte.

„Milliarden für Rüstung“

„Da werden Billiarden für Rüstung ausgegeben, fehlt aber angeblich Geld für Bildung. Aus Profitgier und Hegemonialstreben werden die Kyoto-Protokolle zum Klimaschutz ebenso ignoriert oder umgangen wie sämtliche Menschenrechtschartas. Jährlich ertrinken 5.000 Flüchtlinge im Mittelmeer, noch immer verhungern Kinder oder fehlt es ganzen Völkern an Medikamenten, Wasser, Grundnahrungsmitteln. Wir alle wissen das - diese ungeheuerliche Verlogenheit“, doch die Welt sei „merkwürdig unpolitisch geworden, selbst die Politik ist zu einem Dschungelcamp verkommen, in dem es nur noch um Entertainment mit Grauslichkeiten geht“.

Franzobel Eröffnung 2017
ORF/Johannes Puch

Immer noch glaube er „aus ganzem Herzen unerschütterlich an das Gute im Menschen. Aber die moderne Welt zerseelt, entfremdet und macht uns zu nachgemachten Menschen. Selbst der Teufel braucht heute keine angebluteten Verträge mehr, er versteckt seinen Seelenkauf einfach in den Einverständniserklärungen mit Nutzungsbedingungen, die wir alle ständig gutgläubig ungelesen anklicken.“

Doch „Literatur ist Kampf! Kampf für Unterdrückte, für unangenehme Wahrheiten, unkonventionelles Denken, neue Formen, das Unmögliche.“ Literatur habe "die Verantwortung, sich für Unterdrückte einzusetzen, auch für unterdrückte Wahrheiten. Und sie hat die Verantwortung, sich einzulassen auf die Welt. Literatur kann das. Sie hat Substanz und Relevanz - und die machtversessenen, kaltherzigen, verlogenen Betonköpfe wissen und fürchten das.

„Mehr als 1.000 Autoren inhaftiert“

Mehr als tausend Autoren, der PEN-Club hat sie aufgelistet, sind derzeit inhaftiert. Viele davon in Staaten wie Eritrea, Burma, Uganda, auf die unsere Wahrnehmung kaum je fällt, andere in Ländern, die Hauptrollen im internationalen Staatengefüge spielen: China, Saudi-Arabien, Russland. Schon in der Türkei säße ich für eine Rede wie diese wahrscheinlich im Gefängnis - und Sie auch, wenn Sie am Ende klatschen", sagte Franzobel, während draußen vor dem ORF-Theater ein schweres Gewitter heraufzog.

Gegen „Hinrichtungen und Hirnrichtungen“ müsse unermüdlich angeschrieben werden, denn Literatur habe „die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer“ - mehr dazu in Rede zum Nachlesen.

Franzobel über die Aufgaben von Autoren und die Klagenfurter Rede zur Literatur 2017 #bachmannpreis #tddl

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Franzobel

Er wurde 1967 in Vöcklabruck geboren und lebt in Wien. Studium der Germanistik und Geschichte in Wien. Seit 1989 freier Schriftsteller. Veröffentlichte zahlreiche Prosabände und Theaterstücke.

Für Aufsehen und Begeisterung sorgte sein 2017 im Zsolnay-Verlag erschienener Roman „Das Floß der Medusa“. Die Klagenfurter Rede zur Literatur 2017 trägt den Titel: „Das süße Glück der Hirngerichteten“ - mehr dazu in Rede zur Literatur: „Seelenfutter“.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • „Das öffentliche Ärgernis“, edition selene 1993
  • „Die Krautflut“, suhrkamp, 1995
  • „Liebesgeschichte“, Zsolnay 2007
  • „Lady Di oder die Königin der Herzen“, Passagen 2008
  • „Groschens Grab“, Zsolnay 2015
  • „Das Floß der Medusa“, Zsolnay 2017

Auszeichnungen/Stipendien (Auswahl)

  • Nestroy-Theaterpreis „Hunt oder der totale Februar“ 2015
  • Arthur-Schnitzler-Preis 2002
  • Bert-Brecht-Medaille 2000
  • Ingeborg-Bachmann-Preis 1995