Die Texte
bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2001

 

Artur Becker

geb. 1968 in Bartoszyce (Masuren), PL, lebt in Verden/Aller, D




Artur Becker

"Onkel Jimmy, die Indianer und ich"


Der rote ostpreußische Bahnhof hat zwei Namen: Er heißt Rothfließ oder Czerwonka. Nein, wir sitzen nicht im Warte-raum und suchen in unserem Gepäck nach Nadel und Faden, um einen Knopf am Sakko anzunähen. Wir besitzen nur einen Koffer und kommen von weit her - mein Onkel Jimmy und ich. Aber der Bahnhof gehört uns, genauso wie der See, der im Tal von Rothfließ liegt wie ein Fass französischen Tafelweins in einem modrigen, uralten Gemäuer, und gut schmeckt dieser Wein, gut riecht der See, unser See. Hier haben wir gelebt, On-kel Jimmy und ich, Teofil Baker.
Hier herrscht eine Dunkelheit, eine rote Dunkelheit, die wir in Winnipeg lieben, weil sie nie da ist, wenn man sie braucht. Sehnen wir uns einmal nach ihr, fahren wir an den Wochenen-den in die Wälder und angeln an den uferlosen Seen große Fi-sche, Hecht und Wels, und dann essen wir sie am Lagerfeuer und stellen das Radio auf halbe Lautstärke, um die Bären zu vertreiben. Die Kanadier lachen uns aus, aber wir angeln weiter und lecken uns die Finger nach den Fischen und fürchten uns nicht vor den Grizzlys.
Ich weiß nicht, warum ich so ruhig bin. Unser Koffer ist wahrscheinlich der einzige, der uns verzeiht: Es ist immer noch derselbe Koffer, mit dem wir vor neun Jahren nach Kanada ausgewandert sind. Tante Ania, Onkel Jimmys Exfrau, hat ihn uns geschenkt. Sie sagte damals: "Teofil, kommt mir nie wie-der zurück! Es sei denn, ihr könnt die Wände mit Geldscheinen tapezieren!"
Wir sind wie durch ein Wunder trotzdem zurückgekommen und stehen nun mit leeren Händen da. Zurückgekommen nach Rothfließ und Czerwonka. Es ist Sommer 1993, und Jimmy ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinem kanadischen Schul-denberg. Er ist zurückgekommen nach Warmia und Masuren, um ein bisschen zu verschnaufen. Und ich? Ich bin inzwischen sechsundzwanzig und will wissen, ob es die alten Orte meiner Kindheit noch gibt.
Schade ist nur, dass die Lokomotive nicht mehr fährt, die den Ruß in den Himmel spuckte, den schwarzen Schleim und Dampf; auch die Waggons mit den Holzbänken gibt es nicht mehr.

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