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Artur Becker
"Onkel Jimmy, die Indianer und ich"
Der rote ostpreußische Bahnhof
hat zwei Namen: Er heißt Rothfließ oder Czerwonka. Nein,
wir sitzen nicht im Warte-raum und suchen in unserem Gepäck
nach Nadel und Faden, um einen Knopf am Sakko anzunähen. Wir
besitzen nur einen Koffer und kommen von weit her - mein Onkel Jimmy
und ich. Aber der Bahnhof gehört uns, genauso wie der See,
der im Tal von Rothfließ liegt wie ein Fass französischen
Tafelweins in einem modrigen, uralten Gemäuer, und gut schmeckt
dieser Wein, gut riecht der See, unser See. Hier haben wir gelebt,
On-kel Jimmy und ich, Teofil Baker.
Hier herrscht eine Dunkelheit, eine rote Dunkelheit, die wir in
Winnipeg lieben, weil sie nie da ist, wenn man sie braucht. Sehnen
wir uns einmal nach ihr, fahren wir an den Wochenen-den in die Wälder
und angeln an den uferlosen Seen große Fi-sche, Hecht und
Wels, und dann essen wir sie am Lagerfeuer und stellen das Radio
auf halbe Lautstärke, um die Bären zu vertreiben. Die
Kanadier lachen uns aus, aber wir angeln weiter und lecken uns die
Finger nach den Fischen und fürchten uns nicht vor den Grizzlys.
Ich weiß nicht, warum ich so ruhig bin. Unser Koffer ist wahrscheinlich
der einzige, der uns verzeiht: Es ist immer noch derselbe Koffer,
mit dem wir vor neun Jahren nach Kanada ausgewandert sind. Tante
Ania, Onkel Jimmys Exfrau, hat ihn uns geschenkt. Sie sagte damals:
"Teofil, kommt mir nie wie-der zurück! Es sei denn, ihr
könnt die Wände mit Geldscheinen tapezieren!"
Wir sind wie durch ein Wunder trotzdem zurückgekommen und stehen
nun mit leeren Händen da. Zurückgekommen nach Rothfließ
und Czerwonka. Es ist Sommer 1993, und Jimmy ist auf der Flucht.
Auf der Flucht vor seinem kanadischen Schul-denberg. Er ist zurückgekommen
nach Warmia und Masuren, um ein bisschen zu verschnaufen. Und ich?
Ich bin inzwischen sechsundzwanzig und will wissen, ob es die alten
Orte meiner Kindheit noch gibt.
Schade ist nur, dass die Lokomotive nicht mehr fährt, die den
Ruß in den Himmel spuckte, den schwarzen Schleim und Dampf;
auch die Waggons mit den Holzbänken gibt es nicht mehr.
Als ich ein Kind war, in den Siebzigern,
trug mich Onkel Jim-my von Rothfließ nach Wilimy sechs Kilometer
auf dem Arm, in der stechenden Sonne, in der wir zwei Wochen lang
Urlaub machten, am See, und bis heute verkehren keine Busse zwi-schen
Rothfließ und Wilimy, dem letzten Ort vor dem See. In diesem
Fischerdorf endet die asphaltierte Straße. Danach gibt es
nur noch Sandwege, die in den Wald führen und auf denen nachts
Rehe kreuzen, um zum Wasser zu gelangen. Sie stillen ihren Durst,
meistens gegen Mitternacht, und man muss sehr aufpassen, weil die
Rehe in ihrer Angst vor den Menschen un-berechenbar sind, wenn sie
plötzlich aus der rosafarbenen Mit-ternacht auftauchen.
Als ich ein Kind war - daran will sich mein Onkel nicht mehr erinnern.
Ich bin sein Gedächtnis geworden. Mein Onkel sagt jedoch, er
brauche keine Verwandten oder Freunde und ein Gedächtnis schon
gar nicht, denn alles, was er liebe, sei immer in seiner Hosentasche:
Ein Zwanzigdollarschein, ein Feuerzeug, eine Schachtel Lucky Strike
ohne Filter und ein Notizblock für unterwegs, doch damit wird
er nicht weit kom-men, zumal ihn bei unserer Rückkehr nach
Winnipeg nichts Gutes erwarten wird, wenn wir die Tür wieder
aufschließen werden, zu unserem Haus im Indianerviertel.
Fünfundzwanzigtausend heißt die Geheimzahl - sie steht
für seine Schulden wie die Sechshundertsechsundsechzig für
den Teufel. Onkel Jimmy verfügt über dreizehn Kreditkarten,
und ich weiß ganz genau, was morgen passiert. Jimmy wird vor
dem Gemeindevorsteher von Rothfließ, Herrn Malec, sein Por-temonnaie
aus der Hosentasche ziehen und ihm sein Plastikim-perium zeigen.
Dann wird er sagen: "Malec, schau her! Ich bin in Amerika ein
reicher Mann geworden! Und ihr, was macht ihr? Ihr füttert
Hühner und Enten und räuchert Aale, die nie-mand kaufen
will!"
Es ist kurz nach zwanzig Uhr, und der
Bahnhof ist stiller als ei-ne zirpende Sommerwiese. Wir sitzen auf
einer Bank und rau-chen Zigaretten. Eine einzige Laterne brennt,
es ist Altweiber-sommer, sie leuchtet über den Platz, auf dem
die Busse halten. Sie leuchtet über den menschenleeren Bahnhof:
"Bleibt, wo ihr seid", höre ich es aus allen Ecken,
aus den hintersten Winkeln, und in dieser Stille wage ich es nicht,
Onkel Jimmy zu fragen, worauf wir eigentlich warten.
Der Wohnblock, in dem meine Großmutter Genia lebt, ist nur
ein paar Schritte von der Bahnhofslaterne entfernt. Ein paar langsame
Schritte, die wir gut kennen. Dann werden uns die Frauen kräftig
umarmen und anschließend verprügeln. Sie werden anfangen
zu weinen, werden uns die Hemden herunter-reißen und uns die
Brust zerkratzen.
Ich kann nichts sagen, will nichts mehr sagen, auch mein Onkel schweigt.
Manchmal, wenn er etwas sehr Bedeutendes zu bereden hat, legt er
den teuren Kehlkopfgenerator an seine Gurgel und spricht mit der
Darth-Vader-Stimme, dass einem ein Schauder über den Rücken
läuft.
1989 hatte Onkel Jimmy in Winnipeg ein paar Monate bei einem Beerdigungsinstitut
als Aushilfsfahrer gearbeitet. Er öff-nete heimlich die Särge
und durchsuchte die Kleidung der Ver-storbenen nach Wertgegenständen
- der Kehlkopfgenerator war seine größte Beute. Er erklärte
mir: "Wer tot ist, braucht nichts mehr; außerdem warum
wollten sie den armen Opa mit einem Rasierapparat begraben?"
"Das ist doch kein Rasierapparat, Onkel", sagte ich, "bei
dem Ding handelt es sich um einen Sprachgenerator. Der Typ hatte
keine Stimmbänder mehr."
Wir sitzen noch eine halbe Stunde auf
dem Bahnhofsvorplatz, dann sagt Jimmy plötzlich: "Teofil,
ich habe solche Knie-schmerzen!"
Ich glaube an nichts mehr, auch nicht daran, dass er zucker-krank
ist oder dass in seinen Gelenken teuflische Kristallite ihr Unwesen
treiben.
"Letz fejs it!" knurrt es aus dem Lautsprecher des Genera-tors,
dann erhebt er sich, zögernd folge ich ihm. Sein dicker gedrungener
Körper wirft im Licht der Bahnhofslaterne einen kreisrunden
Schatten auf den Asphalt.
Wie wollen wir Tante Ania bloß erklären, dass wir völlig
abgebrannt sind? Sogar das Geld für die Reise nach Rothfließ
haben wir von unseren indianischen Freunden in Winnipeg ge-liehen.
"Du musst jetzt tapfer sein!" sagt Jimmy Koronko und schaltet
seinen Kehlkopfgenerator aus. "Ab heute muss ich die Batterien
schonen. Ich sag kein Wort mehr!"
Wir rappeln uns auf und gehen.
Den Koffer und die Plastiktüte mit den Geschenken, die Onkel
Jimmy am Flughafen in Winnipeg gekauft hat, muss ich tragen: Kugelschreiber
mit dem Emblem der Canada Airlines International, Schwänchen
aus Glas mit golden angemalten Schnäbelchen, aufklappbare Taschenspiegel
für die Frauen und Schokolade, sorgfältig in Papierservietten
gewickelt. Unsere Verwandten und Freunde in Rothfließ haben
so viele Kinder, da wäre es unverschämt, ihnen nichts
aus der großen Welt mitzubringen, meinte Onkel Jimmy.
Nach der Landung in Frankfurt am Main
wurden wir bei der Zollkontrolle zweimal durchsucht, und obwohl
die Zollbeam-ten nichts Verdächtiges finden konnten, mussten
wir uns bis aufs Unterhemd ausziehen; Onkel Jimmy entblößte
andauernd seine braunen Vampirzähne und gab vor, herzkrank
zu sein. Dann fing er an, auf Polnisch zu fluchen, und beschimpfte
mich: "Das können wir uns nicht gefallen lassen. Ich werde
dir jetzt mal zeigen, wie man mit diesen Schergen umspringt. Los!
Übersetzen!"
Ich sah die ratlosen Gesichter der Zollbeamten und dachte, Jimmy,
bitte nicht. Aber mein Onkel war nicht mehr zu brem-sen.
Ich sagte: "Okay, Jimmy, wenn du es so haben willst!"
Er grinste und sagte: "Endlich kommt deine Partisanenmen-talität
durch!", und ich übersetzte Wort für Wort.
"Was sind das für Gestapo-Methoden!" brüllte
er. "Wenn Sie wüssten, wer ich bin, würden Sie mich
nicht so behandeln. Ich musste für euch die ersten Volkswagen
zusammenschrau-ben. Ich bin ein ehemaliger Zwangsarbeiter, jüdisch-weiß-russischer
Herkunft!"
"Aber Mr. Koronko", sagte einer der Zollbeamten nach ei-nem
erneuten Blick in Jimmys Pass, "bei Kriegsende waren Sie gerade
sechs Jahre alt!"
"Da können Sie mal sehen", sagte Jimmy, "was
Ihre Groß-väter mir angetan haben. Als Wiedergutmachung
will ich sofort einen Rollstuhl und eine Flasche Whiskey vom Besten!"
Dabei trinkt er nur noch Budweiser oder Wild Cat; vom Whiskey mit
Soda bekommt er sofort am ganzen Körper rote Flecken. Die Indianer
nennen ihn daher The Toadstool, Jimmy, der Fliegenpilz, der Schweinshaxen
isst, bereits zum Früh-stück, davor, als Erstes, ein Bier
auf nüchternen Magen.
Wir hatten arge Schwierigkeiten, unseren indianischen Freunden zu
erklären, warum wir in ein Land verreisten, von dem sie glaubten,
es würde nur in unserer Phantasie existieren: "Warmia
und Masuren, wo soll denn das sein?"
Unser Freund Babyface, ein Navajo, lieh uns zweitausend Dollar für
die Flugtickets. Er fuhr uns mit seinem alten Chevro-let zum Airport
und weinte, weil ich ihm erzählt hatte, dass meine Großmutter
Genia, Onkel Jimmys Schwiegermutter, achtzig geworden war und dass
wir nach neun Jahren zu ihrem Jubiläumsfest in Rothfließ
eingeladen wären, was natürlich ei-ne große Lüge
war.
Ursprünglich wollte mein Onkel Babyface erzählen, wir
würden zur Beerdigung seiner Schwiegermutter fliegen, von der
er, Jimmy, der Fliegenpilz, ein riesiges Vermögen erben würde.
Solch ein Erbe hätte uns allen gut getan, keine Frage. Er ist
pleite, und im Großen und Ganzen sind alles, was er besitzt,
Träume, die er in einem fort in die Welt setzt. Damit lässt
sich sein kanadisches Delirium besser ertragen, und manchmal glaube
ich daran, dass er eines Tages wirklich ein reicher Mann sein wird;
Babyface auch, er glaubt an Jimmy Koronko und be-teuert bei jeder
Gelegenheit: "Ihr Polen seid große Geschäfts-leute
und unsere wahren weißen Brüder!"
"Ich zeig sie dir mal - deine wahren weißen Brüder!"
sagte ich und fuhr mit Babyface an einem Sonntag, kurz vor unserem
Abflug nach Europa, zu einer polnischen Kirche: Dort sahen wir meine
Landsleute ihre neuen Fords und Hondas einparken, die sie mühselig
abzahlten.
Ich sagte: "Schau sie dir an, diese Scheinheiligen! Der ein-zige
Grund, warum sie die Messe besuchen, ist, um ihre Leder-jacken und
Pelzmäntel vorzuführen und sich darüber zu strei-ten,
wer das teuerste Wohnmobil oder das größte Einfamilien-haus
hat. Sie prahlen mit ihren Kindern, die an der High School angeblich
nur die besten Noten bekommen und ganz sicher ir-gendwann eine große
Karriere in der Computerbranche machen werden. Communication ist
das Zauberwort, Communication!"
Babyface begriff nichts; für ihn waren es Gläubige, die
ihre Pflicht erfüllten, um ihren Gott nicht zu verärgern.
Ich sagte zu ihm: "So sind sie, meine Brüder! Wollen reden
und aussehen wie Kanadier, die es zu etwas gebracht haben. Aber
entweder arbeiten sie sich zu Tode, oder sie sterben aus unerklärlichen
Gründen an Krebs. Du weißt ja, mein Onkel hat sich das
nicht lange mit angesehen und hat sich dann entschlos-sen, zu euch
zu ziehen!"
Ich kann Babyface nichts vorwerfen; er ist ein guter Kerl, ohne
ihn hätte Jimmy seinen jetzigen Job nie bekommen. Er arbeitet
als Gärtner - ich verlege Parkette, Fliesen, Kacheln o-der
Dielen und habe auf meinen Knien die dickste Hornhaut der ganzen
Stadt. Meine Freundin Janis putzt in einem Fünf-sternehotel
und sammelt auf Ansichtskarten von Winnipeg Au-togramme von berühmten
Leuten. Allein von David Copper-field hat sie drei. Dass mein Mädchen
nicht mit uns nach Rothfließ gekommen ist, verdanke ich meinem
Onkel. Er sagte nur ein Wort: "Honey!"
Dann legte er seinen Kehlkopfgenerator an den Hals und sprach auf
Polnisch weiter: "Janis, kümmere dich ein wenig um meinen
Kameraden Babyface! Er kann eine Krankenschwester gut gebrauchen.
Für deine Mühen bringe ich dir aus Polen ein gutes Kochbuch
mit. Von deinen ewigen Pommes und Burgern kriegt mein Neffe bald
Skorbut!"
Janis hat langes rotes Haar - wird sie einmal wütend, kämmt
sie sich mit gespreizten Fingern durch ihre flammende Mähne;
ihre blauen Augen werden groß und dunkel wie eine Regen-wolke
im Sommer. Als ich nun das Kochbuch erwähnte, fiel mir Janis
ins Wort und sagte, dass für Jimmy selbst Katzenfut-ter aus
der Büchse zu schade wäre. Sie sagte, sie hätte einmal
gesehen, wie er im betrunkenen Zustand einen großen Happen
von einer bereits grün angelaufenen Schinkenwurst verschlun-gen
hätte, die am nächsten Morgen nicht einmal der Hund von
Babyface fressen wollte.
Auf unserer Zugfahrt von Frankfurt nach
Rothfließ mussten wir in Olsztyn, der Hauptstadt von Warmia
und Masuren, umstei-gen. Auf dem Bahnsteig stürzten sich die
Gepäckträger auf uns und wollten mir den Koffer aus der
Hand reißen, aber mein Onkel beschimpfte sie auf Weißrussisch
als Hurensöhne und Zigeuner, denen er keinen müden Dollar
bezahlen würde.
"Außerdem sollen alle sehen", schrie mein Onkel,
"dass wir keine Hilfe brauchen. Wenn wir es in Amerika geschafft
haben, uns neun Jahre über Wasser zu halten, werden wir mit
diesen Aasgeiern problemlos fertig werden."
Fröhlich summte er: "If ju mejk it dere ju mejk it ewriwer."
Janis versteht weder Polnisch noch Russisch und schon gar nichts
von dem, was hier in Rothfließ vor sich geht. Sie ahnt nur,
dass es für mich unzählige Gründe geben muss, in
diese Gegend zurückzukehren, noch dazu mit Jimmy, der früher
oder später für seine Schulden aufkommen muss - wie er
das anstel-len will, interessiert niemanden. Im Prinzip könnte
mein Onkel auch stehlen gehen wie ein Pferdedieb, aber das lehnt
er kate-gorisch ab, es gehöre sich nicht für einen Ehrenmann,
Gesetze zu brechen.
Jimmy lächelt nur seit Tagen, freut sich, dass er nicht mehr
zu seinem Rasenmäher sprechen muss, acht Stunden lang die verrückten
Monologe auf Weißrussisch.
Am liebsten würde er die Tage und Nächte auf dem Sofa
zubringen, mit Countrymusic und Videofilmen mit Clark Gable und
John Wayne. Aber sein Hausarzt, Dr. Lato, will ihm keine Frührentnerbescheinigung
ausstellen.
Wenn mein Onkel jemanden wirklich hasst, dann ist es die-ser Arzt,
der ihm immer wieder sagt: "Mr. Koronko, Sie trin-ken und essen
für zehn. Sie brauchen sich nicht zu wundern, dass Ihre Knochen
im Fett schwimmen! Saufen Sie weniger und treiben ein wenig Sport!"
Daraufhin schaffte sich mein Onkel aus Spendengeldern für Immigranten
und Indianerreservate einen Rollstuhl an. Manch-mal fährt er
damit downtown und bettelt.
Dr. Lato ist auch Pole und kennt sich aus mit den Krankhei-ten seiner
Landsleute. Ich frage mich oft, ob ich wirklich in Amerika lebe.
Dann muss mich Babyface ins Ohrläppchen kneifen. Erst wenn
ich dieses rote Gesicht sehe, weiß ich wirk-lich, dass ich
ausgewandert bin, weit hinter die sieben Berge und Ozeane.
Wir gehen.
Hinter meinem Rücken das Backsteingebäude, der alte Bahnhof
mit dem Postamt. Ich drehe mich um, betrachte es ei-nen kurzen Augenblick,
und es ist mir nicht gerade wohl zumu-te. Im ersten Stock befand
sich einst eine Filiale der Staatlichen Versicherungsanstalt PZU,
wo Onkel Jimmy arbeitete.
In Rothfließ und in den nah gelegenen Dörfern brannte
es nach Jimmy Koronkos Versicherungsunterlagen unentwegt. Statistisch
gesehen hatten wir die größte Branddichte in ganz Polen
seit dem Einmarsch der Nazis und der Roten Armee. Ganz Masuren und
Ostpreußen brannte, und mein Onkel kas-sierte Geld am laufenden
Band und stopfte sich damit die So-cken voll und soff sich selbst
unter den Tisch.
Mein Gott! Da hat er Geld gescheffelt wie Rothschild! Aber nachdem
der Direktor Czeslaw Baniak sich todgesoffen hatte, flog der Schwindel
auf: Scheunen, Bauernhäuser und Ställe, die gar nicht
abgebrannt waren, Dokumente der Miliz und der Gerichte, ganze Aktenordner
mit falschen Aussagen und Zah-len wurden von der Staatsanwaltschaft
unter die Lupe genom-men. Wären wir nicht nach Kanada geflohen,
säße mein Onkel heute in dem Städtchen Bartoszyce
hinter Gittern, nahe der russischen Grenze.
Er kann auch von Glück sagen, dass er bis jetzt dem Tod immer
von der Schippe gesprungen ist. Nicht nur, dass er oft volltrunken
im tiefsten Winter neben seinem Motorrad im Stra-ßengraben
lag und immer rechtzeitig Hilfe kam, bevor er er-fror, nicht nur
das. Oft bekam er anonyme Drohungen, kurze Briefe, meistens nachdem
es angeblich wieder einmal irgendwo gebrannt hatte. Ich war erst
vierzehn und verstand noch nicht viel von seinen Machenschaften.
Tante Ania, die einzige Frau, die Jimmy jemals hatte, schluckte
ganze Handteller voll bunter Pillen, irgendwelche Psychopharmaka,
gegen die ewigen Schlafstörungen. Jede Nacht musste in ihrem
Zimmer das Licht eingeschaltet sein. Ich schlief meistens mit in
ihrem Bett, weil sie Angst hatte, allein zu sein; denn es gab kaum
eine Nacht, in der Onkel Jimmy nicht unterwegs war, geschäftlich
versteht sich. Fast jedes Wo-chenende spielte er Hammondorgel auf
Hochzeiten und sang als Bandleader mit seiner Truppe Schwarz ist
Weiß. Dabei traf er jede Menge einflussreicher Leute aus der
Partei, Miliz und Kirche. Es gab nur eine einzige Firma - die Volksrepublik
Po-len -, und je schlechter sie prosperierte, desto besser liefen
die Geschäfte von Jimmy und seinen Genossen.
Wenn er von diesen Partys zurückkam, weckten sein Schluckauf
und das Poltern seiner Winterstiefel mit den zehn Zentimeter dicken
Gummiabsätzen im Treppenhaus alle Be-wohner, die er als Sowjetspione
und KGB-Agenten beschimpf-te. Unsere Wohnung war im zweiten Stock.
Um Tante Ania Angst einzujagen, trat er gegen die Tür; wenn
er dann vor ih-rem Bett stand, erkannte er mich nicht und dachte,
ich sei ihr Liebhaber.
Er starrte lange mein Gesicht an und wankte und schlug sich mit
der Hand vor die Brust, um dem Schluckauf ein Ende zu bereiten.
Irgendwann hatte Tante Ania das Schloss auswechseln las-sen, und
mein Onkel war zu den Fahrrädern in den Keller ge-zogen. Damit
herrschte endlich Ruhe in unserem Haus. Tante Ania hatte nämlich
beschlossen: "Wer sich nie wäscht, wie ein Puma stinkt
und andauernd die Bauern und die Miliz be-schimpft, obwohl er mit
ihnen krumme Geschäfte macht, hat in meinem Bett nichts mehr
verloren! Ich lass mich von dir schei-den!"
Ich erinnere mich sehr wohl, wie mein Onkel nach der Scheidung ausgesehen
hat. Sein schweinsrosa, immer aufge-dunsenes Gesicht verfiel in
Trockenheit und wurde weiß. Er-bärmlich sah er aus, nicht
wieder zu erkennen, als hätte man ihn durch den Fleischwolf
gedreht und wieder zusammenge-setzt, zwar mit Haut und Knochen,
doch ohne Blut.
Zermürbt und besiegt vegetierte er in seinem Keller, wo er
fortan große Reisepläne schmiedete. Er hatte einige Briefe
an seine Verwandten in Brisbane, Chicago und Winnipeg ge-schrieben.
Aus Chicago kam gar keine Antwort, nicht einmal eine Postkarte.
Der Australier, ein Cousin von Jimmy, hatte so-fort zurückgeschrieben:
Jedes zweite Wort war "fucking", ob-wohl sein Brief auf
Polnisch war. Er schrieb, er hätte sich nach Jahren schwerster
Arbeit mühsam eine Existenz aufgebaut und würde es nicht
zulassen, dass Onkel Jimmy, der Schmarotzer und Taugenichts, sein
schönes australisches Leben zerstöre.
Aus Winnipeg bekam er jedoch nach einem Jahr eine Einla-dung.
Mir tut der rechte Arm weh, und ich
nehme den Koffer in die andere Hand.
Janis wechselt jetzt im Hotel die Bettwäsche, geht von Zimmer
zu Zimmer und wartet auf einen Anruf aus Rothfließ. Jimmy,
der Fliegenpilz, grinst, bleibt kurz stehen, poliert mit einem Schnupftuch
seine Cowboystiefel, kämmt sich die Haare und steckt den Kamm
wieder in die Hose - er will gut ausse-hen, dann biegen wir in die
Kopernikus-Straße ein, und meine Knie fangen an zu zittern.
Ich fürchte mich, Großmutter Genia in die Augen zu schauen.
Was wird sie bloß sagen? Und Tante Ania und all die anderen?
Und wer bin ich? Immer noch das Kind aus Rothfließ? Oder ein
kanadischer Tourist?
Wir stehen lange vor der Tür, eine Klingel gibt es nicht, dann
klopfen und schreien wir: "Genia, Genia! Mach auf! Die Onkel
aus Amerika sind wieder da!"
Und als die Tür aufgeht, tritt Jimmy als Erster ein, und plötzlich
beginnt meine Großmutter, ein Kirchenlied zu singen, aus voller
Brust, und dann öffnet sich die Küchentür und Men-schen
strömen auf uns zu, küssen und umarmen uns, stellen un-seren
Koffer beiseite - niemand will uns umbringen, niemand beschimpft
uns. Ich breche nicht zusammen, sinke nicht auf ei-nen Stuhl und
weine wie Jimmy, der sich die Tränen mit den Daumen wischt.
Ich kann nichts sagen und denke nur an die Schwänchen, ob sie
die lange Reise überlebt haben, ob ihre goldenen Schnäbelchen
nicht abgebrochen sind und die Scho-kolade nicht geschmolzen ist.
Und dann kommt meine Groß-mutter Genia und küsst mich,
dass ich keine Luft bekomme, dann der Gemeindevorsteher von Rothfließ
und alte Männer, die ich noch nie gesehen habe, die aber mit
Bestimmtheit be-haupten, mich als Kind gekannt zu haben. Tante Ania
schiebt ihre kleine Tochter nach vorne, die mit unserer Postkarte
aus Winnipeg wedelt und ruft: "Mama! Papa! Die Amerikaner sind
da!"
Tante Ania stopft sich den Büstenhalter immer mit Watte voll,
weil sie nicht zeigen will, dass ihre Brüste so klein sind
wie Zwetschgen. Aber sie hat sich endlich die Zähne machen
lassen und hat keine dunkelbraunen Löcher mehr, die sie sonst
beim Lachen immer mit der Hand verdeckte. Jetzt hat sie wun-derbares
Gold in ihrem Mund und ein Gesicht, das strahlt wie der Vollmond.
Ich hoffe, dass Genia das schwarze Akkordeon, auf dem mein Onkel
zu allen erdenklichen Festen gespielt hat, nicht weggeschmissen
hat. Ich renne in Genias Schlafzimmer, steige auf einen Hocker und
suche auf dem Kleiderschrank, der älter sein muss als Onkel
Jimmy und ich zusammen, nach dem In-strument. Ich stelle den Hocker
noch dichter an die Schranktür und lange mit der Hand in die
Tiefe und fahre mit meinen Fin-gern über den Staub. Wo ist
das Akkordeon?
Meine Großmutter kocht uns schwarzen Tee, und der Ge-meindevorsteher
gießt Wodka in die Gläser und redet von sei-ner Heirat
und von seinem Töchterchen, das wir vom Foto und aus dem Brief
von Tante Ania kennen.
"Lieber Freund!" sagt er zu meinem Onkel. "Es ist
alles amtlich und katholisch korrekt mit meiner Hochzeit: Ania war
eine geschiedene Frau! So gut wie Witwe, denn von dir kam nie ein
Lebenszeichen! Wir dachten schon, du bist verschol-len!"
"Das würde euch so passen!" ärgert sich Jimmy
und trinkt die kleinen Gläschen leer und nagt an seinen Fingernägeln;
wir stehen alle im Wohnzimmer und können nicht voneinander
las-sen, fallen uns gegenseitig in die Arme und begrüßen
uns im-mer wieder aufs Neue.
Unerträglich ist der Gedanke, dass
ich nichts für meine Groß-mutter Genia getan habe. Sie
wird bald zweiundachtzig, doch sie hat von Onkel Jimmy und mir noch
nie Geld gesehen. Wenn ich ihr alles erzählen sollte, was uns
während der kana-dischen Jahre zugestoßen ist, bräuchte
ich viel Mut und vor al-lem einen Wodka, den ich nicht vertrage.
Onkel Jimmy hat ganze Seen und Meere heruntergeschluckt wie Tante
Ania die Pillen.
Mein Onkel hat keine Kinder, wenn überhaupt nur mich, denn
mir hat er gezeigt, wie man den Hecht fängt, mir hat er al-les
beigebracht, über das Fischefangen. Längst bin ich kein
An-fänger mehr, ich bin ein Profi und kann selbständig
die Jagd auf Hechte planen und ihnen zeigen, wer der wahre Herrscher
über sie ist!
Wir feiern unsere Ankunft. Es gibt Hecht und Pellkartoffeln. Genia
trennt die Hechtköpfe für den Suppentopf immer mit ei-nem
einzigen Messerschnitt ab; von Onkel Jimmy weiß ich, dass
man diesen Fischen ehrfürchtig die Schuppen entfernen muss,
mit vollkommenen Handbewegungen, zack, zack, Reihe für Reihe,
ohne das Fleisch zum Bluten zu bringen, man darf die grauen Eminenzen
nicht bluten lassen, das habe ich von Jimmy Koronko gelernt, auch
wenn die Hechte schon tot sind.
Genia deckt im Wohnzimmer den Tisch.
Wir essen uns satt und sind voller Erwartungen, was noch alles geschehen
mag, mit mir und Jimmy, dem es einfällt, auf seinem alten Akkordeon
zu spielen.
"Was habt ihr mit meinem Akkordeon angestellt?" schreit
mein Onkel.
Genia lacht: "Wir haben es auf dem Trödelmarkt in Barto-szyce
an die Russen verkauft!"
"Die treiben sich hier seit der Grenzöffnung herum",
meint Malec, "und wollen uns schlechten Wodka aufschwatzen,
der jeden Mann blind macht! Jetzt bringen sie uns mit ihrem Teu-felssprit
um, nachdem sie es zuvor ein halbes Jahrhundert mit der kommunistischen
Seuche versucht haben!"
Tante Ania sagt: "Koronrzez! Wir haben alles, was dir ge-hörte,
wirklich alles, auf den Müll geworfen, und jetzt solltest du
schlafen gehen! Wir wollen auch nach Hause!"
"Nein! Jetzt werde ich singen!" brüllt er wieder.
Die Familie Malec wünscht uns Gute Nacht, während Jim-my
das Abschiedslied "Alle Engel sollen dich in ihren Schutz nehmen"
anstimmt. Er singt es eine Weile und macht es sich dann auf dem
Klappsofa bequem, das Genia uns als Nachtlager errichtet hat. Mein
Onkel zieht seine Schuhe aus, die Cowboy-stiefel, die er im Indianerladen
in Banff mit der Begründung gestohlen hat, Indianer sollen
Mokassins tragen. Es beginnt, überall zu stinken, nach Ziegenkäse
und Buttermilch; wir müs-sen schlafen, Genia segnet uns wie
ein Pfarrer, macht in der Luft das Kreuz, und geht in die Küche,
wo der Abwasch auf sie wartet, und summt weiter das Lied von den
Engeln.
Meine Janis liebt mich, sie küsst jetzt meinen Mund, über
Berge und Ozeane nach Rothfließ - Onkel Jimmy wird schnar-chen,
so laut, dass ich mich wieder wie zu Hause fühlen werde, und
ich sollte nur noch flüstern, wo ist Janis, wo sind Babyface
und Chuck, unsere Indianer?
Eines muss ich klarstellen: Bis 1945
sagte man Rothfließ, heute sagen wir Czerwonka.
In Rothfließ handelten die Ostpreußen mit Fell. Sie
waren Gerber und Jäger - Geschäftsleute, die das Fell
der wilden Tie-re aus dem Wald von Rothfließ und Willims nach
Königsberg, Allenstein und Danzig verkauften. Sie färbten
den See und sei-ne Wellen und den Nachthimmel mit der Gerberlohe
und dem Blut der erschossenen Rehe und Wildschweine. Gelegentlich
schnappte die Falle auch bei Iltissen zu, dann wurden vom Er-lös
aus dem Verkauf der Felle bei der besten Schneiderin von Allenstein,
Frau Gänserich, teure Röcke und Schale und Mie-der für
die Ehefrauen bestellt.
In Czerwonka grassierte die Mafia der Versicherungsbeam-ten, angeführt
von den allmächtigen Direktoren der polnischen LPG. Jimmy machte
mit ihnen Geschäfte, fluchte aber über die Kommunisten
wie ein Flickschuster, wenn er abends die Nach-richten im Fernsehen
sah.
Gestern nacht, als wir in den Betten lagen und schnarchten, wachten
wir kurz auf, ich weiß nicht warum, aber wir wachten beide
auf, und mein Onkel holte sich ein Glas Mineralwasser, dann trank
er einen Schluck und vergoss den Rest über den Boden. Ich sagte
einfach nur "Gute Nacht" und dachte dabei an Genia, die
jeden Abend zu Gott betet. Aber irgendwie fehlte mir die Kraft,
meinem Onkel Paroli nach dem langen Flug und nach der Zugreise zu
bieten. Ich kann es selbst nicht fassen, einmal hasse ich ihn, dann
wieder werfe ich mich in seine Ar-me und spüre den fetten Bauch
und die gewaltigen Herzstöße und die Hämmer in seinem
Kopf, der so groß und vollkommen ist wie ein Kürbis!
Ja, seine genialen Gedanken und der Kürbis, das ist es, wenn
ich mit Onkel Jimmy diskutiere, und manch-mal, ganz selten so wie
gestern, schlägt er seinen Notizblock auf, aus dem er meistens
nur einen kurzen Satz zitiert, zum Beispiel: "Kanada - ein
großes Land; viel Schnee." Oder: "Die Teppichindustrie
- ein Monopol, das ganze Völker beherrscht und krankmacht,
auch die Indianer."
Gestern nacht also, nachdem Jimmy Koronko einen Schluck Mineralwasser
getrunken hatte, um in aller Unbekümmertheit seinen Nachdurst
zu stillen, griff er wieder zu seinem Notiz-block, sagte mir, dass
er sich vor ein paar Tagen etwas aufge-schrieben hätte, was
klar und unmissverständlich unsere Reise nach Rothfließ
definierte: "Zigaretten sind zwar in Polen billi-ger, aber
der kleine Mann auf der Straße zieht immer noch den Kürzeren,
wie unsere Indianer in Amerika, und ob die Kom-munisten heute Kapitalisten
heißen, spielt auch keine Rolle."
Später, im Halbschlaf, sagte er etwas, was mich seltsamer-weise
nicht beunruhigte. Er meinte: "Teofil, wir sind zwar wieder
zu Hause, aber du solltest dich von den Polen, deinen Brüdern,
fernhalten. Sie sind abergläubisch und heiligen den nächsten
Tag. Dabei wollen sie sich in ihren Gebeten und Für-bitten
für ihre Verwandten nur ein reines Gewissen verschaf-fen. Das
ist dumm, das sage ich dir als Weißrusse aus Kana-da!"
Ich habe über diese Sätze den ganzen Tag nachgedacht und
bin bis jetzt zu keiner Lösung gekommen.
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