Susanne Fischer
Zuckerwatte und Gesang

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Gierig schnappte ich nach dem Schlaf, der immer seltener bleiben wollte. Ich hatte es aufgegeben, mich morgens vom Bett zum Sofa und abends wieder zurückzuschleppen. Es war zu umständlich, also blieb ich auf dem Sofa liegen. Inzwischen schlief ich sogar häufiger als früher, aber immer nur kurz, ein Krümelschlaf über Tag und Nacht verteilt. Versteckt zwischen den dicken Kissen lauerte er mir auf und überfiel mich minutenlang, um dann wieder für ein paar Stunden zu verschwinden. Als die Wanduhr noch tickte, hatte ich versucht, irgendein Gesetz in der Folge dieser kurzen Ohnmachten zu entdecken, also etwas, woran ich mich halten konnte, aber bald fand ich heraus, daß mein Schlaf sich nicht nur von der Dunkelheit gelöst hatte, sondern überhaupt nicht länger einem Rhythmus gehorchen wollte.
Deshalb machte es mir fast nichts mehr aus, als die Uhr stehenblieb. Ein paarmal rief ich noch die Zeitansage an, aber irgendwann ging das Telefon kaputt. Mit den Tageszeiten schienen allmählich auch die Jahreszeiten zu verschwimmen. Es wurde jetzt immer dunkler. Das ist der Herbst, sagte Lies, wenn sie mich besuchen kam, aber ich hatte noch nie eine so finstere Zeit erlebt, nicht einmal im Winter. Die Nächte fraßen immer größere Stücke aus den Tagen heraus.
Am liebsten war es mir, wenn Lies allein kam, aber weil den anderen das egal war, kamen sie meistens mit. Sie brachten mir Pralinen und Geschichten. Hast du schon gehört? Das Schaustellerkind ist tot. Nein, sagte ich, obwohl ich alles längst wußte. Erzählt doch mal. Dann nickte ich kurz ein, denn meinen Körper kümmerte es nicht, ob ich Besuch hatte.
Als ich wieder erwachte, hatte die Geschichte schon Fahrt aufgenommen und rauschte mit vollen Segeln an mir vorbei. Was machen die eigentlich? fragte ich. Die haben ein Karussell, sagte Ine. Quatsch, das waren die anderen, die Lewtsch..., Letsch..., nee, na, egal, die mit dem komischen Opa, die sind doch schon seit Jahren weg. Hat Hermann nicht eine von den Töchtern geheiratet? fragte Ille. Nein. Doch. Also, was ist nun mit dem Schaustellerkind. Das ist tot, überfahren worden. Wir kommen ein anderes Mal wieder, wenn es dir besser geht. Gute Nacht.
Gute Nacht? Draußen stand die Sonne im Süden, aber nicht sehr hoch; so niedrig hing sie sonst doch nie. Jedenfalls hatten sie die Pralinen dagelassen. Als die Sonne noch ein Stück nach unten gerutscht war, schaltete ich den Fernseher ein. Die Fernbedienung funktionierte noch, aber das Bild sah irgendwie matschig aus. Süchtig war ich geworden nach Filmen, Kriminalfilmen mit bitterbösen Mördern und hoffnungslos hetzenden Polizisten. In meinem Apparat lief dasselbe wie bei Lies und den anderen, aber erkennen konnte ich nur etwas, wenn ich von der Seite hinsah, aus dem Augenwinkel. Verschob ich meinen schweren Körper auf dem Sofa, wirkte das Bild sofort, als habe jemand Soße darüber gegossen. Also verharrte ich mit halb verrenktem Kopf und unbequem abgewinkeltem Arm auf meinem Kissenturm. Wenn ich mich in die andere Richtung drehte, konnte ich über den langen Feldweg auf die Straße spähen. Da es aber meist dunkel war, gab es dort nicht viel zu sehen.

Iß das, das ist gut für dich, sagte Lies, als sie das nächste Mal kam, und reichte mir ein blasses Salatblatt. Ich habe es extra für dich gepflückt. Ich gehorchte, schon weil sie heute ohne die anderen da war. Sie wusch mir den Gips. Darunter schabte und juckte es, als ob etwas Ungutes wucherte, ja, es wuchs und wuchs, und eines Tages würde der Gips aufplatzen wie eine harte Fruchtschale, um sein Inneres preiszugeben.
Das Schluchzen und Jammern, hast du es nicht gehört? fragte Lies. Es wurde ja täglich lauter, es war lauter als die Glocken, hörst du? Man sagt, sie hätten Heulweiber gemietet, es gibt Heulweiber bei den Schaustellern, wußtest du das? Du mußt sie gehört haben, es ist doch nicht weit von hier.
Ich habe nichts gehört, gar nichts. Ich höre auch die Glocken schon lange nicht mehr.
Tagelang ging das, erzählte Lies. Bitte bitte, ich respektiere Trauer, ein Kind ist gestorben, das ist schlimm. Aber man kann auch leise weinen. Die Feuerwehrübung konnte nicht stattfinden, man hätte die Sirene nicht gehört.
Wieso? Fragte ich dumm.
Die Frauen waren sehr enttäuscht, sie sind jetzt alle bei der Feuerwehr, und die Übung fiel aus, weil man die Sirene nicht gehört hätte. Wegen der gemieteten Heulweiber. Die sitzen jetzt überall.
Aber Lies, sagte ich. Wie kann man die Sirene nicht hören. Sie hat schon Fensterscheiben zerspringen lassen. Außerdem ist die Feuerwehrübung immer um sechs, da wäre es doch auch einmal ohne Sirene gegangen.
Woher willst du wissen, wann Feuerwehrübung ist, du warst seit Wochen nicht mehr vor der Tür. Deine Uhr ist stehengeblieben. Und ohne Sirene geht es nicht, das ist Vorschrift. Sie haben uns alle um den Verstand geheult, die Weiber, sie wollten nicht aufhören. Der Bürgermeister ist schließlich dagewesen. Juckt dein Gips?
Ja, wimmerte ich, er juckt wie hundert Ameisen. Erzähl mir mehr.
Morgen vielleicht, sagte Lies schnippisch. Für heute muß ich nach Hause. Ich habe schließlich auch ein Leben. Sie riß mir mein Lieblingskissen hinter dem Hals hervor, so daß ich weit zurückfiel in die angeschmuddelte Sofaecke. Du solltest dich mal waschen, sagte sie. Auf Wiedersehen. Das Kissen hatte sie unter den Arm geklemmt.
Ich kroch auf allen vieren ins Badezimmer. Die beiden Gipsbeine malten weiße Spuren auf die dunklen Kacheln. Lange ließ ich das Wasser laufen, aber es wurde nicht warm. Warum sollte ich mich waschen, wenn ich mich nicht unter dem Gips säubern konnte, dort, wo es am nötigsten war. Ich rieb mir schließlich das Gesicht mit einem feuchten Handtuchzipfel ab und stäubte etwas Parfum über mich. Dann kroch ich zurück auf mein Sofa. Als ich endlich eingeschlafen war, träumte ich, daß ich auf meinen Gipsfüßen stand, während das Blut an den Schenkeln über den Gipsrand sprudelte. Darüber erschrak ich, aber zugleich war ich erleichtert, weil das Jucken nachließ und weil es überhaupt nicht weh tat, obwohl es so gefährlich aussah.
Noch ehe ich alle Pralinen gegessen hatte, kamen sie wieder. Du solltest es dir ansehen, sagte Irmi, es ist nicht zu glauben. Ja, sagten die anderen, das muß man gesehen haben. Es war weiß Gott ein nettes Kind, ein niedliches Kind, aber trotzdem. Ein Plastikgarten, ein Plastikzaun, Plastikblumen und ein Plastikwindlicht. Ein ewiges Licht, sagte Ine, die gern mehr wußte. Die sind immer aus Plastik, aus ewigem Plastik.
Vielleicht sind sie katholisch, sagte ich.
Direkt an der Straße? fragte Ille. Was jemand glaubt, geht keinen was an, aber man muß doch nicht mitten auf der Straße katholisch sein. Neulich hat es da noch einen Unfall gegeben, das haben sie nun davon. Man sieht ja vor Schreck die Fahrbahn nicht mehr, bei dem Altar am Rand. Das war dann aber nur ein Blechschaden. Es ist gut, daß wir jetzt alle bei der Feuerwehr sind, sagte Ille. Ja, aber du solltest es dir ansehen, sagte Irmi. Das muß man wirklich gesehen haben. Die lassen die anderen Kinder Bilder malen, und die hängen sie an ihrem Plastikzaun auf. Wenn sie doch traurig sind, sagte Lies, aber sie sagte es nur, um die anderen in ihren Wechselgesängen anzufeuern. Traurig, ha! rief Irmi. Ihre Tante hat am nächsten Tag schon das Barbiepferd für die eigene Tochter geholt. Das macht man doch nicht, wenn man trauert.
Am traurigsten ist ihr Onkel; ihre Mutter sieht aus wie immer, erklärte Ine. Ach, ich seh sie doch noch, die Kleine mit den langen Zöpfen. Die Dicke? Nein, die Dicke lebt noch. Die Kleine, ausgerechnet die Kleine mußte es erwischen. Die immer mit dem Hund ging. Es war die Hübscheste von allen. Die war so oft bei mir, sagte Irmi. Bei dir? Die war doch nicht bei dir. Doch, wenn sie die Zeitung brachte oder die Prospekte, beharrte Irmi trotzig. Auf jeden Fall solltest du es dir ansehen, sagte Ine. Natürlich, das sollte ich, sagte ich. Das muß man gesehen haben.
Sie versuchten, mich herauszulocken, obwohl ich es auf allen vieren gerade bis zur Toilette schaffte. Ich sollte mit eigenen Augen einen Plastikgarten an einer Landstraße begutachten, weil man ihn gesehen haben mußte, um ihnen zu glauben. Eigentlich machten sie mich so nur mißtrauisch, denn sie wußten so gut wie ich, daß ich nicht hinauskonnte. Immer waren sie schockiert, wenn sie mich wiedersahen. Das konnte doch nicht ich sein, die hier so tonnenhaft verpuppt auf dem Sofa ruhte, das glaubte ich ja selbst nicht. Das mußte man gesehen haben.
Lies, bat ich, als sie das nächste Mal allein kam, wo ist mein Kissen? Welches Kissen, sagte sie achtlos, ich habe dir etwas mitgebracht, sieh her. Sie entrollte ein längliches Päckchen. Schau, sagte sie, das ist das Allerneueste. Auch für Altgeräte nutzbar. Sie breitete ein dünnes, grünliches Kunststoffblatt vor meinem Fernseher aus. Wozu ist das? fragte ich. Das macht das Bild besser. Deshalb ist es gerade für Altgeräte gut. Sie strich die Folie glatt, die wie von selbst am Bildschirm haftete. Man kann sowieso kaum noch etwas erkennen, das hilft bestimmt nicht, sagte ich zaghaft. Lies schaltete den Fernseher ein, aber so, wie ich lag, sah ich den Bildschirm nicht richtig.
Lies, was ist mit meinen Beinen? Der Arzt war schon so lange nicht mehr da. Letztes Mal hat er gesagt, ich müßte bald wieder gehen können. Soll ich es probieren? Auf keinen Fall, antwortete Lies. Nicht, wenn der Gips noch dran ist. Da kann man alles nur noch schlimmer machen. Warte auf den Arzt. Er kommt ja nicht, jammerte ich, am Anfang kam er jeden Tag, aber jetzt, ich weiß nicht, wann er das letzte Mal da war. Die Tage sind so durcheinander, wenn du weißt, was ich meine. Nein, sagte Lies grob, das weiß ich nicht. Wenn man genug zu tun hat, gerät einem nichts durcheinander. Ich geh dann mal. Sie legte die Tischdecke zusammen und nahm sie mit. Die wasche ich, sagte sie, ehe sie verschwand. Ich kroch zum Fernseher, um die Folie abzuziehen, doch durch die Hitze war sie mit der Oberfläche verschmolzen. Das Bild war nicht besser als vorher, aber grün. Die Verbrecher bewegten sich wie Schemen in einem Aquarium, so daß die Polizisten sie niemals finden würden. Ich hatte keinen Spaß mehr daran und knipste den Fernseher aus.
Eigentlich macht doch die Feuerwehr die Beerdigungen, erzählte Ille, als sie mit den anderen das nächste Mal neben meinem Sofa saß. Sie häuften Schokolade auf meine tauben Beine. Nie kam eine von ihnen allein, außer Lies. Sie wollten ja den Sarg unbedingt selbst tragen, sogar das, fuhr Ille fort. Ein Wunder, daß die nicht auch die Kirche selbst bauen wollten. Und daß sie überhaupt in die Kirche gehen. Aber das Kaffeetrinken war schäbig! rief Ine dazwischen. Wenn man richtig traurig ist, macht man doch ein ordentliches Kaffeetrinken. Wir waren nicht mal eingeladen, nur Familie. Da ist doch irgendwas nicht in Ordnung, meinte Irmi. Aber es war ganz klar ein Unfall, sagte Lies überrascht. Natürlich, riefen die anderen im Chor, natürlich war es ein Unfall, aber der Onkel, der war wirklich traurig. Wo ist meine Tischdecke, fragte ich Lies. Wofür brauchst du eine Tischdecke, fragte Ine, die immer alles wissen mußte, damit sie hinterher alles wußte. Lies wollte sie waschen, erklärte ich, aber Lies sah an mir vorbei und verdrehte die Augen, als ob ich etwas vollkommen Absurdes gesagt hätte. Mein Kissen, sagte ich vor mich hin, mein Kissen, das ist auch so etwas.
Du kennst den doch, den Onkel, sagte Ine jetzt zu mir, und Ille und Irmi nickten. Wie ist der denn so? Den kenne ich gar nicht, erwiderte ich patzig. Man hat ihn aber hier bei deinem Haus gesehen, sagte Ine. Das wundert mich doch sehr, wenn du ihn gar nicht kennst. Mein Gott, er hat mir einen Brief gebracht, das ist doch nicht kennen. Wenn man Briefe von ihm kriegt? Der war aus Versehen bei ihm eingeworfen. Bei ihm? Aber das ist doch ganz woanders. Fragt doch die Briefträgerin! Ich versuchte zu brüllen, aber es kam nur ein schäbiges Krächzen heraus. Schon länger merkte ich, daß mein Atem flacher wurde, wahrscheinlich lag es an meinem Gewicht. Vielleicht drückte ich mir langsam selbst die Luft ab. Soso, die Briefträgerin, aha, hmhm, so redeten sie durcheinander. Und du kennst den Onkel wirklich nicht. Wenn ich es euch doch sage, keuchte ich. Mein Bauch wackelte jedesmal, wenn ich etwas sagte. Ein Wunder, daß ich das erst jetzt bemerkte.
Mein Gips wuchs langsam, er leckte an meinem Bauch und streckte sich bis zum Hals hoch. Dabei preßte er mir den Brustkorb flach und griff mit langen Fingern in mein Gesicht. Ehe es in den Gips einwuchs, erwachte ich, und die Frauen waren fort. Sie hatten den Fernseher eingeschaltet, aber das Bild schimmerte noch diffuser als beim letzten Mal, nur noch eine brodelnde Suppe schwappte über den Schirm. Jetzt konnte ich nicht einmal mehr die Mörder von den Guten unterscheiden. Im Zimmer war es dunkel, doch ich hörte ein Rascheln irgendwo im Haus. Lies, bat ich, Lies, wenn du da bist, dann komm jetzt heraus. Mein dünnes Stimmchen fiepte erbärmlich. Lies, was hast du denn da? Sie raschelte mit Papier und mit Stoff. Das ist deine Uniform, sagte sie, wenn du wieder auf den Beinen bist, machst du ja doch bei uns mit. Es war billiger, sie gleich jetzt zu bestellen.
Die Knöpfe an der Uniform glänzten sogar im Dunkeln metallisch. Sofort war ich stolz darauf, aber als Lies mir die Jacke zum Befühlen gab, merkte ich, daß sie viel zu klein war. Sie hätte vielleicht Lies gepaßt, aber nicht dem Sofaklumpen, in den ich mich verwandelt hatte.
Ich muß dir was sagen, murmelte sie jetzt, das habe ich überhaupt noch nicht erzählt. Sie lassen immer den Motor laufen, damit die Scheinwerfer auf das Grab leuchten. Das macht man doch nicht, man geht doch nicht nachts auf den Friedhof! Gerade, daß sie mit ihrem Auto nicht über die anderen Gräber fahren. Jedenfalls hat man das noch nicht gesehen, aber wundern, also wundern würde es mich nicht. Das geht oft stundenlang, da am Grab, die singen Lieder, mitten in der Nacht. Irmi war doch auch mal nachts da, erwiderte ich unlogisch. Ja, Irmi, weil ihr Mann das nicht wissen sollte, außerdem war das abends. Der hätte Irmi das verboten. Aber denen verbietet doch keiner was. Außerdem hat Irmi nicht gesungen! Vielleicht wollen sie nicht gestört werden, schlug ich vor. Ach was, uns stören die ja auch andauernd. Sogar dich stören sie hier auf deinem Sofa, mit ihren Heulweibern, das ganze Dorf stören sie. Da können sie doch jedenfalls im Hellen auf den Friedhof gehen, wo jeder sieht, was sie machen.
Hat man eigentlich den Fahrer schon? fragte ich, es war doch Fahrerflucht, oder nicht?
Na, weißt du, antwortete Lies, schon, ja, Fahrerflucht, aber was hat das Mädchen im Dunkeln mitten auf der Landstraße zu suchen? Zu Fuß? Die Kleine? Man läßt doch ein Kind nicht auf die Landstraße, allein, zu Fuß, im Dunkeln. Da fragt man sich doch.
Hat man den Fahrer schon gefaßt?
Weißt du, sagte Lies, erzähl jetzt du mir mal was, von dem Onkel. Was du den anderen nicht erzählt hast. Und stell dich bloß nicht dumm, du schuldest mir was. Der Onkel, der war nett, flüsterte ich, aber es war wirklich nur der Brief. Früher soll er Zuckerwatte verkauft haben, auf den Schützenfesten, bis er Ausschlag bekam von dem Zeug. Und mehr weiß ich auch nicht. Es heißt, ihr hättet was miteinander, versuchte es Lies noch einmal. Wenn du mich fragst, sieht es verdammt danach aus. Ich mußte lachen, bis all mein Fett wackelte. Seh ich aus, als hätte ich was mit einem? Nein, sagte Lies ehrlich, wenn du willst, erzähle ich den anderen, daß du beim Grabe deiner Mutter geschworen hast, du hättest nichts mit ihm. Das ist mir egal, log ich. Wenn ich sage, daß du was von ihm weißt, kommen die anderen auch wieder, lockte Lies. Jetzt muß ich aber schnell nach Hause. Und schon verschwand sie in der Dämmerung, die gar nicht mehr aus dem Zimmer weichen wollte. Ich schreckte noch häufiger aus dem Schlaf, um endlich einmal das Tageslicht zu erwischen, aber es klappte nicht. Die Uniformknöpfe schimmerten tröstlich neben meinem Lager. Eines Tages würde ich wieder stehen und gehen können wie die anderen.
Lies hat gesagt, sie halten schwarze Messen, flüsterte Ille. Ihre Haare kitzelten mein Gesicht, davon wachte ich auf. Hast du das auch schon gehört? Nachts, auf dem Friedhof, stundenlang. Davon wird das Kind doch auch nicht wieder lebendig, sagte Ine und schlug sich auf den Mund, als hätte sie etwas Schreckliches gesagt. Was ist jetzt mit dem Onkel? fragte Irmi, ist er auch bei den schwarzen Messen? Die Stille stand wie eine Wand um mein Sofa. Natürlich ist er dabei, sagte ich, wieso sollte er das nicht sein. Sein Ausschlag ist so fürchterlich, daß er nur nachts das Haus verläßt. Nein, wirklich? hauchte Ille in heiserem Entzücken. Hast du ihn dir genau angesehen? Kratzt er sich? Angeblich kommt das von der Zuckerwatte, aber wenn ihr mich fragt, ist das psychisch, warf Ine ein. Dem geht es ja so schlecht, seit die Kleine tot ist, das ist doch nicht normal, so was. Sie hatte immer ziemlich viel Taschengeld, und die Eltern kriegen Sozialhilfe, weil das Karussell nicht genug einbringt. Also wenn ihr mich fragt, da war was, sagte Ine, aber sagt es bloß nicht weiter. Sie war oft bei ihrem Onkel, nickte Irmi, ja, die Mutter war ja mit arbeiten, kassieren, die Zuckermandeln rösten. Sie war wirklich sehr oft bei ihrem Onkel. Der ja auch gar keine Freundin hat, ergänzte Lies mit einem eindringlichen Blick auf mich. Nein, wahrscheinlich nicht, flüsterte ich, wahrscheinlich nicht. Jedenfalls hat er nichts davon gesagt. Ich glaube, wir haben etwas herausgefunden, wisperte Ine, aber sprecht um Gottes willen mit niemandem darüber.
Ehe sie gingen, streichelten sie alle erst meine verfilzten Haare und dann meine Uniformjacke, mit der ich mich zugedeckt hatte. Wird schon wieder, wirst sehen, murmelten sie.
Plötzlich prasselte es in der Schwärze, ich erwachte. Regen, dachte ich, endlich Regen, besser als der ewige Nebel um mein Haus. Dann blitzte es bläulich auf, ein Gewitter, und wieder und wieder. Na, jedenfalls Wetter, sprach ich mir Mut zu, aber da blendete mich ein Scheinwerfer, und ich erkannte ein Blaulicht. Ich robbte über die Sofalandschaft, bis ich richtig hinaussehen konnte. Da standen sie mit den C-Rohren und zielten auf mein Dach. Nein, jammerte ich leise, nicht auch das noch. Übung, brüllte Lies, keine Angst! Übung! Ich verkroch mich im Sofa, die Uniformjacke über dem Kopf. Dann hörte ich ein kleines, sattes Schmatzen, langsam und regelmäßig. Es tropfte auf mein Sofa. Ich würde es nicht beiseite rücken können.
Lies, wimmerte ich beim nächsten Mal, schau, es ist neblig in meinem Zimmer, mein Sofa ist naß. Das wart ihr. Und wieso habe ich die Sirene nicht gehört, dann hättet ihr mich nicht so erschreckt. Die Sirene ist kaputt, sagte Lies, und was das Nasse angeht sie rümpfte anzüglich die Nase. Lies, bitte, kannst du nicht den Arzt fragen, ob er bald wieder kommt? Lies. Jetzt flüsterte ich nur noch, so daß sie ganz nahe kommen mußte. Widerstrebend kniete sie sich neben mein Sofa. Lies, bitte, wie ist das passiert mit meinen Beinen? Streng sah sie mich an: Du erinnerst dich nicht? Nein, weinte ich, ich weiß es nicht mehr, es ist weg. Wie weggeblasen. War ich betrunken, daß ich nichts mehr weiß? Du hattest eine Gehirnerschütterung, sagte Lies. Es war ein Unfall, denke ich. Denkst du? Ja, denke ich. Man hat dich mitten im Wald gefunden, keine Ahnung, wie du dahin gekommen bist, schade, wir hatten gedacht, du würdest es uns sagen. Lies, jammerte ich, aber sie war schon fort.
Es kam eine lange Zeit, in der mich niemand besuchte. Es gab keine Tage, keine Nächte, manchmal hing plötzlich wieder die Sonne mitten am Himmel wie hastig festgenagelt, manchmal klebte dort ein Mond ohne Strahlen, ohne Schein, wie aus Papier geschnitten. Es dauerte eine Weile, bis ich einsah, daß sie mich aufgegeben hatten. Ich vertrieb mir die Zeit damit, alle Sofakissen im Handwaschbecken zu waschen, nacheinander natürlich, ich packte sie mit den Zähnen, wenn ich ins Bad kroch und legte sie zum Trocknen auf den Fußboden. Während ich das tat, versuchte ich mich daran zu erinnern, was mir die Beine gebrochen hatte, aber alles, woran ich zurückdenken konnte, war ein Abend mit den anderen bei Lies, und wie ich dann in mein Auto stieg.
Als ich alle Kissen gewaschen hatte, fingen die meisten an zu schimmeln und zu stinken. Ich warf sie in den Flur. Von meinem unbequemen Sofathron kroch ich in die Küche und versuchte, mit der Haushaltsschere meinen Gips aufzuschneiden. Als das nicht gelang, trommelte ich mit dem Nudelholz auf den toten grauen Röhren herum. Dabei schrie und heulte ich vor Schmerzen, aber seltsamerweise tat mir der Schmerz wohl. Schließlich legte ich mich mit dem Gips in die Badewanne, bis meine Zähne vom kalten Wasser klapperten. Der Gips und die krümelige Schicht darunter ließen sich endlich von meinem Körper trennen, und an beiden Beinen waren lange, wulstige Narbennähte zu sehen. Ich versuchte die Füße zu bewegen, aber es ging nicht. Ich schob und zog mich aus der Wanne. Kein einziges sauberes Kleidungsstück besaß ich mehr; die meisten hatte Lies zum Waschen mitgenommen und noch nicht zurückgebracht. Nackt kroch ich zurück zu meinem dämpfigen Sofa, zog die Uniformjacke und eine schmutzige Wolldecke über mich und schlief ein.
Als ich erwachte, lag das Zimmer im Dunkeln wie meist, aber trotzdem hatte sich etwas verändert. Mir schien, ich hätte länger geschlafen als sonst. Ein Schimmer tanzte über den Möbeln und draußen über dem Feldweg wie von Mondschein, dabei war der Mond gar nicht zu sehen. Weil mich fürchterlich fror, bewegte ich meine Zehen, noch ehe ich wußte, daß ich es tat. Die Beine würden auch wieder laufen, das ahnte ich jetzt zum erstenmal, sie würden es schaffen, der Spuk würde ein Ende nehmen, und Lies würde mir meine Sachen zurückgeben. Oder ich könnte mir neue kaufen; ja, das wäre besser, saubere Hosen und Hemden und Kleider, dazu auch eine neue Uhr und ein neues Sofa. Und einen neuen Fernseher, und mehrere Paar Schuhe. Ein neues Telefon, mit dem man die Sperrmüllabfuhr bestellen konnte.
Jetzt sollen sie auch noch ihre Katze da begraben haben, flüsterte Irmi, auf dem Friedhof, neben dem Kind! Das machen die Zigeuner, damit die Seele wandert, die Katze war nur betäubt und hat noch gelebt. Das ist doch Voodoo, jubilierte Ille, das muß man gesehen haben. Da waren wieder Scheinwerfer an die halbe Nacht. Neulich dachte ich sogar, das Mädchen wäre wieder da, da ging ein Kind mit einem Hund. Nein! Ine schlug sich die Hand vor den Mund. Du hast sie gesehen? Wirklich?
Nun ja, antwortete Ille, es kam mir so vor. Es war derselbe Hund und ein Mädchen, das aussah wie sie. Aber sie ist ja tot, oder? Das kann sie doch nicht gewesen sein? Vielleicht ihre Schwester? Geht die jetzt zum Onkel?
Sie sprachen alle durcheinander, gerade in dem Augenblick, als ich wußte, was mir die Beine gebrochen hatte. Ruhig! rief ich, Seid endlich ruhig! Ihre Stille fiel wie eine warme Decke über mich. Meine Beine, sagte ich, eben wußte ich es wieder, mit meinen Beinen. Wie das passiert ist, ich wußte es! Ich bin doch nicht komplett verblödet. Ach ja, sagte Ille, deine Beine. Soso, machte Irmi. Hm? fragte Ine.
Ihr, sagte ich ruhig, ihr wart das. Ihr habt mich in den Wald gelockt und mir die Beine gebrochen. Nana, sagte Lies, so war es ja nun auch wieder nicht. Dein Auto, das war hin, dort auf der Landstraße. Und wie du in den Wald gekommen bist, keine Ahnung, das mußt du dich schon selbst fragen. Mein Schwager hat es repariert, sang Ine in mein Ohr, er hat es schnell gemacht, du bist doch eine von uns. Bergungen sind schließlich immer noch Sache der Feuerwehr, wir hatten das im Handumdrehen erledigt, das hatte alles seine Ordnung. Dafür üben wir schließlich. Wir waren alle dabei, es hatte seine Ordnung, wirklich, das kannst du uns glauben.
Nein, sagte ich. Das ist nicht wahr.
Doch, antworteten sie.
Morgen ist Übungsabend, und bis dahin kannst du wieder laufen. Im Gleichschritt verließen sie mein Zimmer, in dem der Nebel dichter wurde und die Dunkelheit unaufhaltsam eindrang.

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