Ramón
hat sich nicht einmal umgeschaut. Er hat uns einen Weg
gebahnt aus dem vollkommen überfüllten Bus,
vorne raus, zum Fahrer, mit der Menge und durch die
Menge, er hat mich hinter sich hergezogen, er schob
und er wurde geschoben. Den Gang entlang. Zwei Stufen,
dann die Straße. Ich blieb dicht hinter ihm, meine
Hand in seiner Hand. Ich lief und ich drückte mich,
so gut es ging, zwischen den Erwachsenen durch, die
mich nicht sahen. Alle mussten raus, alle drängten,
es gab überhaupt keine anderen Haltestellen an
diesem Morgen, Endstation San José, Endstation
Flughafen, alle aussteigen, alle, es geht hier mit dem
Bus nicht weiter, rief ein Polizist, es waren hunderttausend,
die sich drängten, Männer Frauen Kinder jeden
Alters, die Leute aus der Stadt und hunderttausend schwitzende
Campesinos, die sich zu Fuß über die staubige
Zufahrtsstraße in Richtung Nordosten bewegten,
weil die Busse und Pritschenwagen und die Sammeltaxen
einfach nicht mehr durchkamen.
Ich bin gestürzt und
er hat sich nicht umgeschaut, hat mich einfach fest
an der Hand gehalten und mitgeschleppt wie einen Sack
Kaffee, immer im Strom der stinkenden, bunten Menge,
aussteigen, haben sie hinter uns gerufen in den Lärm
hinein und ich bin gestürzt, aussteigen, los-los,
lauft, keine Zeit zu verlieren, hier raus, hier, lauft,
nehmt die Fähnchen, lauft, da, stellt euch da hinten
auf, und schwenkt sie, stars and stripes forever, stars
and stripes, schwenkt die Fahnen für die Fotografen.
Bald ist er da. Bald. Seht ihr den leuchtenden Punkt
dort über den Bergen, dort, ist das nicht ein Flugzeug?
Aber da war nichts. Noch nicht. Dafür ein Höllenlärm,
das Knattern von großen amerikanischen Motorrädern,
die Halbstarken, Neureichen, Don Pépes Emporkömmlinge
machten sich auch hier noch wichtig, und die Schreihälse
mit ihren verbeulten, schmutzigen Blechtassen verkauften
Zuckerwasser zu unverschämten zwanzig Céntimos.
Ich habe mir auf der gewalzten
Straße die Knie aufgeschlagen und habe Tritte
abbekommen. Ich habe mir auf die Zunge gebissen. Dreck
und Blut an den Knien, eine Schürfwunde am Ballen
der linken Hand, und einen blutigen Geschmack im Mund,
Vater, habe ich gerufen, gefleht, Vater, warte doch,
bitte. Ich kann nicht mehr, ich komme nicht mit, aber
er hat sich nicht einmal umgeschaut. Ich habe mich hochgezogen
und bin gleich wieder in den Laufschritt, stolpernd,
ausgespuckt habe ich, einmal nur, und dann bin ich wieder
gelaufen, weil ich keine andere Wahl hatte. Er hat mich
einfach mitgezerrt. Mit der freien Hand habe ich versucht,
den Sand und den Schotter von den verklebten Knien zu
picken.
Chickenshit warst du, weißt
du noch, er hat dich Chickenshit genannt in seinem harten,
respektlosen Englisch, weil du einen halben Zentimeter
kleiner warst als ich und eine Viertelstunde, die entscheidende
Viertelstunde später zur Welt gekommen bist. Du
warst der Kleine, du gehörtest zu Mutter, du warst
blond wie sie. Als sie deine Nabelschnur abklemmten,
war Ramón das Arschloch schon wieder besoffen.
Bis zu meiner Geburt hat er sich zusammengerissen, er
stand draußen vor der Tür mit ein paar Freunden
aus dem Dorf und hat gesagt, wenn das Kind da ist, dann
trinken wir einen, jetzt noch nicht, und da hat er schon
gezittert und die Nachricht kam, aus dem Fenster haben
sie gerufen, ein Junge, ein winziger Junge, gesund,
und da kommt noch etwas nach, aber Ramón wartete
nicht, er setzte die Flasche an und kippte. Fusel, im
Schuppen gebrannten Rum, eigentlich ungenießbar,
in großen, gierigen Schlücken. Dass du auch
noch unterwegs warst, dass seine Frau oben in der Wohnung
lag und immer noch weiter presste und schrie, war ihm
schon mehr oder weniger egal. Er hatte ja seinen Grund,
endlich mal einen legitimen Grund, sich zu besaufen.
Prost, auf meinen Erstgeborenen,
sie will, dass er Heinrich heißt, Enríque,
wie ihr Bruder in Deutschland. Aber Enríque,
das ist schon in Ordnung. Damit kann ich leben. Und
als sie meinten, dass es doch Männersache sei,
dass es ihm zustehe, einen Namen für den ersten
Sohn vorzuschlagen, immerhin, den Stammhalter, da machte
er einen Versuch, sie zu verteidigen. Es war, wie immer,
ein schwacher Versuch. Er wusste, dass sie ihn gegen
seine Frau aufbringen wollten, weil sie neidisch waren,
eifersüchtig. Er wusste es einzuschätzen,
wenn seine Freunde ihn anstacheln wollten zu etwas.
Ihn herausfordern. Dass er seiner Frau einmal zeigte,
wer eigentlich der Herr im Hause war. Sie ist nicht
so fett, sagte er, sie ist groß, und ihre Nase
ist dünn und gerade, das war es, was ihm Gutes
zu seiner Frau einfiel, und dann nahm er die Flasche
und meinte, kompliziert, ja, sie ist kompliziert, schwermütig,
anspruchsvoll. Und sie ist dickköpfig, fügte
er hinzu, das stimmt. Wenigstens nicht so gefügig
wie eure blöden, kleinwüchsigen Mütterchen.
Und dann trank er wieder und sagte, mehr zu sich selbst,
wenn sie wenigstens kochen könnte. Die Freunde
standen im Kreis, klopften ihm auf die Schulter, lachten
und ließen die Flasche rundgehen. Wir trinken
auf deinen Sohn, Ramón, Prost, auf Heinrich,
wir trinken auf deine Frau, Prost, die schöne Europäerin,
die immer genau weiß, was sie will. Prost, du
Sack, du bist ein Nichtsnutz. Du hast es dir irgendwie
verdient.
Chickenshit bleibt zu Hause,
du bleibst bei deiner bleichen Mutter, hat er gesagt
an jenem Morgen, Kennedy kommt, das ist etwas für
Männer und für richtige Costaricaner. Ticos.
Wir sind die Ticos hier. Und er hat mir die Riesenpranke
auf den Kopf gelegt und hat mich vor sich hergeschoben.
Aus der Tür, in die Dunkelheit hinein. Es war das
erste Mal, dass wir einen ganzen Tag lang voneinander
getrennt waren. Erst im Bus ist mir eingefallen, dass
ich dir zum Abschied irgend etwas hätte sagen sollen.
Aber wie sollte ich wissen, was man seinem Bruder zum
Abschied sagt, mit sechs.
Trockenzeit, März, der frühe Morgen, es war
noch dunkel, der Bus war längst voll, als wir einstiegen.
Auf jeder Bank eine dösende, zusammengedrängte
Familie. Und Gruppen von jungen aufgedrehten Männern
mit weißen Hemden, glänzender Pomade im Haar.
Und Vierzehn-, Fünfzehnjährige, die noch niemals
in ihrem Leben eine Reise oder einen Ausflug gemacht
hatten, die überhaupt noch nie, so schien es, einen
einzigen Tag frei gehabt hatten. Ihr Gewissen quälte
sie, man konnte es in ihren Gesichtern sehen. Ramón
stand im Gang und hielt sich fest und ließ den
Kopf hängen, im Halbschlaf, stieß bei jedem
Schlagloch, in jeder Kurve gegen eine Stange. Eine alte
Bäuerin hatte mich auf ihren Schoß genommen
und drückte mich an sich, an ihre große warme
Brust, und dann begann sie, mich mit Nüssen und
Kernen und Süßigkeiten zu füttern, immer
mehr holte sie aus ihren Rocktaschen, immer wieder griff
sie in diese unerschöpflichen Vorräte, hielt
mir die Nüsse vor und flüsterte, nimm. Es
war ein Befehl. Iss, sagte sie und kam dabei ganz dicht
an mein Ohr heran, iss, es wird ein langer, ein aufregender
Tag. Ein Tag, den du nie vergessen wirst. Ich nahm,
was sie mir hinhielt.
Später dann vor dem Flughafen.
Über mir der erschütternd blaue Märzhimmel.
Erinnerst du dich an diesen Märzhimmel? Man konnte
bei gutem Wetter den Pazifik sehen, so klar, so sauber.
Trockenzeit. Vom Hochland aus bis hinunter auf unseren
Ozean konnten wir blicken. Das war unser Meer, der Pazifik.
Von dem anderen, dem wüsteren, von dem die Stürme
kamen, hatten wir immer nur gehört. Über mir
dieser Himmel, aus dem er zu uns kommen würde,
vor mir und neben mir Beine und Schuhe, Trampeln, schwere,
dreckige Bauernschuhe. Immer wieder habe ich Tritte
abbekommen, Ramón zog mich hinter sich her und
kümmerte sich nicht um mich, ich lief und stolperte
immer wieder und wurde gegen eine hölzerne Absperrung
gedrückt, kam nicht weiter, wurde herausgerissen,
mein Arm schmerzte, ich dachte, dass mein Vater ihn
abreißen würde, wenn wir nicht bald ankämen,
er würde diesen herausgerissenen, blutigen Arm
hinter sich herschleifen und erst später, viel
später merken, dass er mich verloren hatte.
Irgendwann ging es dann nicht
mehr weiter. Wir standen vor dem cremefarbig getünchten
Flughafengebäude, ich wurde hochgehoben, saß
auf Ramóns Schultern, endlich, und hielt mich
an seinen fettigen Haaren fest, und ich sah die Straße,
über die der Präsident mit seiner Limousine
fahren sollte. Polizisten verteidigten die Gasse mit
Schlagstöcken, immer wieder drängten die Massen
von beiden Seiten, immer wieder wurden sie zurückgetrieben,
geschoben, niemand beschwerte sich, Frauen, Kinder,
ließen sich schlagen und die Männer standen
da und dachten, so müsse es wohl sein. Ein geringer
Preis, den wir bezahlen, um ihn zu sehen, el católico,
Kennedy, den Retter Amerikas, den Präsidenten aller
Amerikaner.
Ich sah jetzt alles, hörte
zu, was die Leute riefen, ich suchte den Himmel ab,
ich versuchte, mir die Farben zu merken und die Gerüche
und was die Leute sprachen, ich versuchte zu verstehen,
wer dieser Kennedy war, wo das Land lag, aus dem er
kam, ich wollte wissen, warum er so geliebt wurde und
was das Besondere sei an einem katholischen Präsidenten,
peace corps, Kuba, Castro, Kommunismus, ich merkte mir
alle diese Wörter, ich hörte jemanden sagen,
United Nations, die Amerikaner sind es und die United
Nations, die uns gerettet haben vor den Kommunisten
und den Atheisten und den Calderonistas, und die die
Bananen kaufen, die in Quepos verschifft werden, wir
wären nichts ohne die Amerikaner, unsere mächtigen
Freunde. Wir hätten es uns niemals leisten können,
die Armee abzuschaffen, das Gerät und die Munitionsbestände
einzutauschen damals, gegen ein paar wirklich unverwüstliche
amerikanische Traktoren. Wir wären nichts ohne
die United Fruit Company, die United Nations, United,
Unidos, hörte ich, immer wieder dieses eine Wort
und ich wusste, das bedeutet gut. Schlicht und einfach
gut. United States, das ist gut. Das hilft uns, und
Castro will uns die Freiheit nehmen, die United Freiheit,
er würde uns alles nehmen und besonders diese Freiheit
und die Bananen der United Fruit Company und den Zucker,
weil er meint, der dürfe nur in Kuba wachsen.
Das alles versuchte ich mir
zu merken, aber es war viel, zu viel, ich konnte nicht
immer folgen. Sobald ich das eine Wort verstanden hatte,
vergaß ich ein anderes, es war, als beschenkte
mich jemand so reichlich, dass ich nur mit Mühe
alles annehmen konnte. Wie in diesem Märchen, das
unsere Mutter erzählt hatte. Wo es Münzen
regnete. Ich musste das eine fallen lassen, um das andere
vom Boden aufzuheben. Ich versuchte, mir jedes Detail
zu merken, alles, denn ich wollte dir alles erzählen.
Ich wollte dir den amerikanischen Präsidenten beschreiben,
seine junge Frau, Jackie, sein Auto, das große,
schwarze, surrende Kabrio. Ich konnte es nicht verstehen,
warum du zu Hause bleiben musstest. Immerhin verstand
ich, warum Mutter nicht mitgekommen war, warum wir nicht
alle zusammen waren wie die anderen Familien auch, die
im Bus und die Leute hier, Väter, Mütter,
Großväter, Kinder, Cousins, alle waren sie
gekommen, alle standen sie zusammen und fieberten einem
Präsidenten entgegen, der hundert Kilometer entfernt
in seiner glitzernden Blechkapsel saß und ein
letztes Mal das Redemanuskript überflog. Unsere
Mutter in dieser hysterischen Masse? Nein, das war einfach
nicht vorstellbar. Unsere Mutter, Machita, die Fremde,
die Verschlossene, was hätte sie hier gesollt?
Was hätte sie rufen können, wie hätte
sie reagiert, wenn sie geschoben und gedrängt worden
wäre, wenn sie jemand berührt hätte?
Dass sie nicht hier sein konnte, das verstand ich. Das
war überhaupt keine Frage, das Selbstverständlichste
der Welt, dass unsere Mutter nicht dazugehörte,
nicht zu dieser stinkenden, aufgeregten Masse. Aber
du, warum hattest du nicht das Recht, dies alles zu
sehen? Wie konnte es sein, dass wir getrennt worden
waren? Nur weil deine Haare ein bisschen heller waren
als meine. Das verstand ich nicht und deshalb merkte
ich mir alle diese Wörter, um sie dir am Abend,
wenn wir im Bett liegen würden, zu erklären,
alle diese Wörter, United Fruit Company, Schweinebucht,
Boston, el papa, Import, Export, mundo nuevo, alte Welt,
neue Welt, New York, United Nations, Estados Unidos.
Als das Flugzeug endlich im
Osten auftauchte, es war kaum mehr als ein kurzes Aufblitzen
über dem Gebirge, erklang eine mir unbekannte Nationalhymne
aus scheppernden Lautsprechern. Der ein oder andere
legte seine Hand aufs Herz, die Erwachsenen versuchten
mitzusingen oder die Melodie zu summen, die Menschen
standen straffer als vorher, andächtig. Knapp über
dem Horizont, über dem Bergkamm schwebte eine einzige
graue Wolke, unbeweglich, klein, harmlos wie ein Fetzen
schmutziger Wolle an einem Zaun. Aber das interessierte
die Leute nicht, sie sahen es einfach nicht oder es
schien ihnen nicht wichtig genug in diesem Augenblick,
sie sahen nur das Flugzeug und wurden lauter und waren
begeistert. Sie sangen. Sie schrieen. Sie riefen Kennedy,
viva el presidente, viva Kennedy. Viva Kennedy, rief
auch ich und ich dachte an dich, dachte auch an unsere
Mutter, fragte mich, was sie in diesem Moment machte,
ob sie fähig wäre, die Begeisterung dieser
Menge zumindest zu spüren. Dir würde ich es
vermitteln, die Begeisterung, das Aufbrausen der Masse,
ihr Drängen, als das Flugzeug auftauchte. Mit Hilfe
des Wortes Unidos, mit Wörtern wie Freund, groß,
elegant, nuevo, mächtig, katholisch, agradecido,
Wörtern, die ich in der unmittelbaren Umgebung
aufgeschnappt hatte, wollte ich dir vermitteln, was
sie fühlten. Und ich sah die kleine Wolke am Himmel
und dachte, auch sie gehört dazu, auch von ihr
werde ich dir erzählen, denn es ist Trockenzeit
und was sollen die Wolken jetzt am Himmel, dort, genau
da, wo das Flugzeug über den Berg gekommen ist,
ich werde versuchen, es mir zu merken, weil es dazugehört,
es gehört ins Bild dieses Tages.
Das Flugzeug. Groß,
modern, elegant, es war weiß gestrichen, ein gleißendes
Luftschiff, aber nicht behäbig wie ein Luftschiff,
sondern schlank und schnell und edel. Schön. Das
blaue Siegel, der Stempel einer höheren Macht.
Der erste Jet, den sie in ihrem Leben gesehen hatten,
für einige Bauern war es das erste Flugzeug überhaupt.
Sie standen staunend, drängten immer näher
heran, die Menge schob in eine Richtung, ohne sich wirklich
fortzubewegen, hunderttausend Münder sangen, zweihunderttausend
Augen folgten dem Flugzeug, hungrig, gierig sahen sie
in den Himmel, staunten über die langgezogene Kurve
vor dem Landeanflug, über die Berechnung dieses
Kurses, die Genauigkeit, technische Überlegenheit,
die sich in diesem Anflug offenbarte, sie staunten und
sahen, wie das Fahrgestell lautlos ausgefahren wurde,
wie der Jet über den Plantagen in die Schneise
einschwebte, immer niedriger, immer weiter fiel, bald
schon die Piste berühren würde, nur noch zehn
Meter, fünf, zwei, und die Turbinen rauschten und
donnerten, als das Flugzeug hinter der großen
Halle verschwand.
Die Menge atmete auf. Sie
hatten vergessen, Luft zu holen in diesen Minuten, sie
hatten sich selbst vergessen, alles war auf den einen
Punkt am Himmel gerichtet gewesen, es war, als hätten
sie Haken in den Augen gehabt, Angelhaken an einer Unzahl
von durchsichtigen, an einem einzigen Punkt befestigten
Schnüren. Irgendwo dort hatten sie ihn zuerst entdeckt,
hatten sie den Punkt zuerst fixiert, dort, über
dem Irazú, wo die kleine graue Wolke hing.
Fünf, sechs Minuten lang
nichts, gar nichts, nur die trockene Hitze der Hochebene
und dann, endlich, das Scheppern aus den billigen Lautsprechern,
es waren einzelne Wörter zu hören, englische
Wörter und ihre Übersetzungen, paz und peace
corps und unidos und Bollwerk, Bedrohung, wie stolz
wir sind ... begrüßen dürfen ... sie
hier begrüßen zu dürfen ... but it is
for us to thank ... und wir heißen Sie willkommen
... in Dankbarkeit und unermesslich, world peace and
all nations must stand ... because we are all Americanos,
united, all Americans of all nations ... Brüder
... Freunde ... Abendland ... but we share, my friends
... und an den langen, weißen Stränden dieses
Landes ... Vorreiter ... Weltfrieden ... unter tropischer
Sonne ... ocean to ocean ... the language of peace ...
united ... values ... united ... and sea to shining
sea.
Ramón hatte mich abgesetzt
und als ich aufsah, über mich, es war die einzige
Richtung, die einen freien Blick erlaubte, hatte er
eine Blechflasche in der Hand, eine mitgebrachte Flasche
mit seinem Fusel. Er nahm einen großen Schluck
und starrte vor sich hin, auf die breiten Rücken
seiner Landsleute und in seine eigene Leere, er nahm
wieder einen Schluck und starrte, hatte keine Kraft
mehr für Begeisterung. Er war ein Teil dieses Auflaufs
gewesen, er hatte sich mitreißen lassen wie die
anderen auch, aber jetzt musste er sich um sich selbst
kümmern. Als die Menge von Neuem aufbrauste, nahm
ich seine Hand, zog an seinem Arm, rief, nimm mich,
heb mich hoch, los, schnell, ich will es sehen, wir
verpassen den Präsidenten, die großen Autos,
aber Ramón reagierte nicht darauf. Er gehörte
einfach nicht mehr dazu. Ich wollte ihn treten, ich
wollte ihn aus diesem Zustand der Erschöpfung heraustreten,
ihm wehtun, damit er spürte, dass es noch andere
Menschen gab, und zwar nicht nur mich, sondern eine
ganze Masse, hunderttausend Menschen, die sich alle
auf diesen einen Punkt konzentrierten. Es war absurd,
dass er gerade in diesem Moment die Kraft verloren hatte
und aufgab, ein Mensch, ein Costaricaner zu sein. Aber
ich ließ ihn, ich hatte Angst vor ihm. Ein anderer,
ein Junge, kaum siebzehn Jahre alt, bemerkte mich, meine
Verzweiflung, nahm mich schließlich, setzte mich
auf seine Schultern und warf Ramón einen vorwurfsvollen,
einen tödlichen Blick zu. Aber dem war das egal.
Der Junge spuckte auf seine
Finger und säuberte die Schürfwunden an meinen
Knien, als das schwarze Kabrio hinter dem Flughafengebäude
hervorkam, langsam durch ein Meer von kleinen Fähnchen,
durch die brausende Menge rollte. Du kannst dir die
Szene vorstellen, hast sie tausend mal gesehen, ein
halbes Jahr später, als Lee Harvey Oswald im Bücherdepot
auf Kennedy anlegte und ihm das halbe Gehirn wegschoss.
Jackie kletterte in Panik auf den Kofferraum, musste
von ihrem Bodyguard an den Füßen wieder reingezogen
werden, sie wusste sofort, was passiert war. Drei Jahre
lang hatte sie mit dieser Möglichkeit, mit dem
Gedanken gelebt, dass es passieren könnte. Genau
so.
Sie ließen sich diese
Angst nicht anmerken. Würdig, natürlich erschienen
sie. Ein Herrscherpaar. Ein Monarchenpaar. Unsere Hoffnung.
Unsere Erlösung. Sie taten nichts, sie winkten
nur und lächelten, winkten und lächelten der
jubelnden, kreischenden Menge entgegen, aber das genügte,
um ihre unendliche Liebe zu zeigen. Diese Großherzigkeit,
ihr Großmut. Sie liebten uns, so, wie sie da saßen,
es war nicht zu übersehen, sie liebten jeden einzelnen
von uns, jeden sonnenverbrannten Vaquero, auch den dümmsten
und den schmutzigsten, sie liebten mich und sie liebten
sogar meinen Vater, der da stand, wie eingefallen, kraftlos,
der sich nicht an der Hysterie dieser Menge beteiligte,
kaum aufschaute, als sie vorbeifuhren. Und ich liebte
diese beiden auch, wollte zu ihnen, wollte sie berühren,
Jackies blaues Seidenkleid, den Saum dieses Kleids berühren,
königsblau, präsidentenblau, das Blau unseres
Ozeans und unseres Märzhimmels, aus dem sie zu
uns herabgestiegen war. Sie war so elegant, sie war
die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte
und ich schrie aus vollem Hals, viva, schrie ich, viva,
Ken-ne-dy, viva Jackie Jackie Jackie.
Zwei Jahre dauerte der Aschenregen,
der in diesem Augenblick begann. Eine gewaltige Explosion,
als die Karosse auf unserer Höhe war und der Junge,
auf dessen Schultern ich saß, meine Hände
nahm und schwenkte, als wollte er mit mir tanzen wie
auf einer Bauernhochzeit. Ein unterirdisches Donnern
im Osten, das leichte Beben, das Grollen des mächtigen
Irazú, als sie in unserer Nähe waren, kaum
zwanzig Meter entfernt von mir und dem Jungen und dem
trinkenden Ramón, sie hatte mich angesehen, sie
hatte mir direkt in die Augen gesehen, mir, der über
der Masse thronte und rief und in die Hände klatschte,
Jackie, Jackie, Jackie hatte ich gerufen und der Irazú
brach aus, ein riesiger Pilz aus Asche und Geröll
schoss in den Himmel, und der Fahrer beschleunigte,
dass der junge Präsident und seine blaue Frau in
die weichen, weißen Sitze gedrückt wurden.
Zwei Jahre lang. Auf den Dächern
die Asche, in San José und Cartago, auf den Feldern
die Asche, die Weiden waren zentimeterhoch bedeckt mit
der Asche des Irazú und unbrauchbar. Das Milchvieh,
empfindlich, europäisch, musste in die feuchtheiße
Ebene getrieben werden, hinunter in Richtung Pazifik,
wo sich die Maden unter seine Haut setzten, das Blut
der Tiere vergifteten. Die Rancher ritten mit ihren
Schaufeln über die Weiden, suchten den Himmel nach
kreisenden Aasgeiern ab, erschossen und begruben das
verendende Vieh, bevor die Kojoten kamen. Und die Bauern
sagten, hinter vorgehaltener Hand, das hat etwas mit
diesem Kennedy zu tun. Das Leid. Sagten es und konnten
es doch nicht glauben.
Als wir nach Hause kamen,
wir waren beinahe die gesamte Strecke zu Fuß gelaufen,
waren nicht einmal herangekommen an die paar wartenden
Busse, als wir spät am Abend mit grauen Haaren,
hustend und völlig erschöpft nach Hause kamen,
sprachst du nicht mit mir. Du wolltest es nicht hören,
kein einziges Wort. Wir lagen im Bett und es stank nach
Rauch und nach Schwefel, unsere Augen brannten, und
ich sagte, diese Jackie, sie ist auch eine Fremde, auch
eine schöne, schlanke Machita, aber sie ist nicht
wie unsere Mutter. Nicht so abweisend. Nicht so kalt.
Sie liebt alle Völker, alle Menschen. Sie liebt
sogar dich.
Revolución, Castro,
católico, United Nations, nuevo mundo, mundo
nuevo, und die weltweiten Bananenpreise. Ich habe Kennedy
gesehen, ich habe den Präsidenten gesehen, der
uns beschützt. Vor Castro und vor den Calderonistas.
Weil wir keine Armee mehr haben seit achtundvierzig.
Wie er über den Bergen eingeflogen ist, die elegante
Schleife, die er geflogen ist. Das weiße Flugzeug
mit dem Siegel. Dann die Reden, die Beschwörungen
der Freiheit, unidos unidos unidos, haben sie gerufen,
und das bedeutet gut, das bedeutet, dass wir sicher
sind und dass unser Kaffee konkurrenzfähig ist
auf dem Weltmarkt wegen der modernen Anbaumethoden,
das ist alles sehr kompliziert, gleichzeitig auch sehr
einfach, und diese Jackie, die war so sauber und sie
trug ein blaues Kleid und blaue Handschuhe bis hinauf
zu den Ellbogen und schläfst du schon und habt
ihr die kleine Wolke gesehen, habt ihr es gesehen, als
im Osten der Berg explodierte?
© Copyright Gregor
Hens 2003
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