Eine Veranstaltung der Landeshauptstadt Klagenfurt und des ORF Landesstudios Kärnten in Zusammenarbeit mit 3sat und mit freundlicher Unterstützung der Telekom Austria.
Gregor Hens Text

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Ramón hat sich nicht einmal umgeschaut. Er hat uns einen Weg gebahnt aus dem vollkommen überfüllten Bus, vorne raus, zum Fahrer, mit der Menge und durch die Menge, er hat mich hinter sich hergezogen, er schob und er wurde geschoben. Den Gang entlang. Zwei Stufen, dann die Straße. Ich blieb dicht hinter ihm, meine Hand in seiner Hand. Ich lief und ich drückte mich, so gut es ging, zwischen den Erwachsenen durch, die mich nicht sahen. Alle mussten raus, alle drängten, es gab überhaupt keine anderen Haltestellen an diesem Morgen, Endstation San José, Endstation Flughafen, alle aussteigen, alle, es geht hier mit dem Bus nicht weiter, rief ein Polizist, es waren hunderttausend, die sich drängten, Männer Frauen Kinder jeden Alters, die Leute aus der Stadt und hunderttausend schwitzende Campesinos, die sich zu Fuß über die staubige Zufahrtsstraße in Richtung Nordosten bewegten, weil die Busse und Pritschenwagen und die Sammeltaxen einfach nicht mehr durchkamen.

Ich bin gestürzt und er hat sich nicht umgeschaut, hat mich einfach fest an der Hand gehalten und mitgeschleppt wie einen Sack Kaffee, immer im Strom der stinkenden, bunten Menge, aussteigen, haben sie hinter uns gerufen in den Lärm hinein und ich bin gestürzt, aussteigen, los-los, lauft, keine Zeit zu verlieren, hier raus, hier, lauft, nehmt die Fähnchen, lauft, da, stellt euch da hinten auf, und schwenkt sie, stars and stripes forever, stars and stripes, schwenkt die Fahnen für die Fotografen. Bald ist er da. Bald. Seht ihr den leuchtenden Punkt dort über den Bergen, dort, ist das nicht ein Flugzeug? Aber da war nichts. Noch nicht. Dafür ein Höllenlärm, das Knattern von großen amerikanischen Motorrädern, die Halbstarken, Neureichen, Don Pépes Emporkömmlinge machten sich auch hier noch wichtig, und die Schreihälse mit ihren verbeulten, schmutzigen Blechtassen verkauften Zuckerwasser zu unverschämten zwanzig Céntimos.

Ich habe mir auf der gewalzten Straße die Knie aufgeschlagen und habe Tritte abbekommen. Ich habe mir auf die Zunge gebissen. Dreck und Blut an den Knien, eine Schürfwunde am Ballen der linken Hand, und einen blutigen Geschmack im Mund, Vater, habe ich gerufen, gefleht, Vater, warte doch, bitte. Ich kann nicht mehr, ich komme nicht mit, aber er hat sich nicht einmal umgeschaut. Ich habe mich hochgezogen und bin gleich wieder in den Laufschritt, stolpernd, ausgespuckt habe ich, einmal nur, und dann bin ich wieder gelaufen, weil ich keine andere Wahl hatte. Er hat mich einfach mitgezerrt. Mit der freien Hand habe ich versucht, den Sand und den Schotter von den verklebten Knien zu picken.

Chickenshit warst du, weißt du noch, er hat dich Chickenshit genannt in seinem harten, respektlosen Englisch, weil du einen halben Zentimeter kleiner warst als ich und eine Viertelstunde, die entscheidende Viertelstunde später zur Welt gekommen bist. Du warst der Kleine, du gehörtest zu Mutter, du warst blond wie sie. Als sie deine Nabelschnur abklemmten, war Ramón das Arschloch schon wieder besoffen. Bis zu meiner Geburt hat er sich zusammengerissen, er stand draußen vor der Tür mit ein paar Freunden aus dem Dorf und hat gesagt, wenn das Kind da ist, dann trinken wir einen, jetzt noch nicht, und da hat er schon gezittert und die Nachricht kam, aus dem Fenster haben sie gerufen, ein Junge, ein winziger Junge, gesund, und da kommt noch etwas nach, aber Ramón wartete nicht, er setzte die Flasche an und kippte. Fusel, im Schuppen gebrannten Rum, eigentlich ungenießbar, in großen, gierigen Schlücken. Dass du auch noch unterwegs warst, dass seine Frau oben in der Wohnung lag und immer noch weiter presste und schrie, war ihm schon mehr oder weniger egal. Er hatte ja seinen Grund, endlich mal einen legitimen Grund, sich zu besaufen.

Prost, auf meinen Erstgeborenen, sie will, dass er Heinrich heißt, Enríque, wie ihr Bruder in Deutschland. Aber Enríque, das ist schon in Ordnung. Damit kann ich leben. Und als sie meinten, dass es doch Männersache sei, dass es ihm zustehe, einen Namen für den ersten Sohn vorzuschlagen, immerhin, den Stammhalter, da machte er einen Versuch, sie zu verteidigen. Es war, wie immer, ein schwacher Versuch. Er wusste, dass sie ihn gegen seine Frau aufbringen wollten, weil sie neidisch waren, eifersüchtig. Er wusste es einzuschätzen, wenn seine Freunde ihn anstacheln wollten zu etwas. Ihn herausfordern. Dass er seiner Frau einmal zeigte, wer eigentlich der Herr im Hause war. Sie ist nicht so fett, sagte er, sie ist groß, und ihre Nase ist dünn und gerade, das war es, was ihm Gutes zu seiner Frau einfiel, und dann nahm er die Flasche und meinte, kompliziert, ja, sie ist kompliziert, schwermütig, anspruchsvoll. Und sie ist dickköpfig, fügte er hinzu, das stimmt. Wenigstens nicht so gefügig wie eure blöden, kleinwüchsigen Mütterchen. Und dann trank er wieder und sagte, mehr zu sich selbst, wenn sie wenigstens kochen könnte. Die Freunde standen im Kreis, klopften ihm auf die Schulter, lachten und ließen die Flasche rundgehen. Wir trinken auf deinen Sohn, Ramón, Prost, auf Heinrich, wir trinken auf deine Frau, Prost, die schöne Europäerin, die immer genau weiß, was sie will. Prost, du Sack, du bist ein Nichtsnutz. Du hast es dir irgendwie verdient.

Chickenshit bleibt zu Hause, du bleibst bei deiner bleichen Mutter, hat er gesagt an jenem Morgen, Kennedy kommt, das ist etwas für Männer und für richtige Costaricaner. Ticos. Wir sind die Ticos hier. Und er hat mir die Riesenpranke auf den Kopf gelegt und hat mich vor sich hergeschoben. Aus der Tür, in die Dunkelheit hinein. Es war das erste Mal, dass wir einen ganzen Tag lang voneinander getrennt waren. Erst im Bus ist mir eingefallen, dass ich dir zum Abschied irgend etwas hätte sagen sollen. Aber wie sollte ich wissen, was man seinem Bruder zum Abschied sagt, mit sechs.

Trockenzeit, März, der frühe Morgen, es war noch dunkel, der Bus war längst voll, als wir einstiegen. Auf jeder Bank eine dösende, zusammengedrängte Familie. Und Gruppen von jungen aufgedrehten Männern mit weißen Hemden, glänzender Pomade im Haar. Und Vierzehn-, Fünfzehnjährige, die noch niemals in ihrem Leben eine Reise oder einen Ausflug gemacht hatten, die überhaupt noch nie, so schien es, einen einzigen Tag frei gehabt hatten. Ihr Gewissen quälte sie, man konnte es in ihren Gesichtern sehen. Ramón stand im Gang und hielt sich fest und ließ den Kopf hängen, im Halbschlaf, stieß bei jedem Schlagloch, in jeder Kurve gegen eine Stange. Eine alte Bäuerin hatte mich auf ihren Schoß genommen und drückte mich an sich, an ihre große warme Brust, und dann begann sie, mich mit Nüssen und Kernen und Süßigkeiten zu füttern, immer mehr holte sie aus ihren Rocktaschen, immer wieder griff sie in diese unerschöpflichen Vorräte, hielt mir die Nüsse vor und flüsterte, nimm. Es war ein Befehl. Iss, sagte sie und kam dabei ganz dicht an mein Ohr heran, iss, es wird ein langer, ein aufregender Tag. Ein Tag, den du nie vergessen wirst. Ich nahm, was sie mir hinhielt.

Später dann vor dem Flughafen. Über mir der erschütternd blaue Märzhimmel. Erinnerst du dich an diesen Märzhimmel? Man konnte bei gutem Wetter den Pazifik sehen, so klar, so sauber. Trockenzeit. Vom Hochland aus bis hinunter auf unseren Ozean konnten wir blicken. Das war unser Meer, der Pazifik. Von dem anderen, dem wüsteren, von dem die Stürme kamen, hatten wir immer nur gehört. Über mir dieser Himmel, aus dem er zu uns kommen würde, vor mir und neben mir Beine und Schuhe, Trampeln, schwere, dreckige Bauernschuhe. Immer wieder habe ich Tritte abbekommen, Ramón zog mich hinter sich her und kümmerte sich nicht um mich, ich lief und stolperte immer wieder und wurde gegen eine hölzerne Absperrung gedrückt, kam nicht weiter, wurde herausgerissen, mein Arm schmerzte, ich dachte, dass mein Vater ihn abreißen würde, wenn wir nicht bald ankämen, er würde diesen herausgerissenen, blutigen Arm hinter sich herschleifen und erst später, viel später merken, dass er mich verloren hatte.

Irgendwann ging es dann nicht mehr weiter. Wir standen vor dem cremefarbig getünchten Flughafengebäude, ich wurde hochgehoben, saß auf Ramóns Schultern, endlich, und hielt mich an seinen fettigen Haaren fest, und ich sah die Straße, über die der Präsident mit seiner Limousine fahren sollte. Polizisten verteidigten die Gasse mit Schlagstöcken, immer wieder drängten die Massen von beiden Seiten, immer wieder wurden sie zurückgetrieben, geschoben, niemand beschwerte sich, Frauen, Kinder, ließen sich schlagen und die Männer standen da und dachten, so müsse es wohl sein. Ein geringer Preis, den wir bezahlen, um ihn zu sehen, el católico, Kennedy, den Retter Amerikas, den Präsidenten aller Amerikaner.

Ich sah jetzt alles, hörte zu, was die Leute riefen, ich suchte den Himmel ab, ich versuchte, mir die Farben zu merken und die Gerüche und was die Leute sprachen, ich versuchte zu verstehen, wer dieser Kennedy war, wo das Land lag, aus dem er kam, ich wollte wissen, warum er so geliebt wurde und was das Besondere sei an einem katholischen Präsidenten, peace corps, Kuba, Castro, Kommunismus, ich merkte mir alle diese Wörter, ich hörte jemanden sagen, United Nations, die Amerikaner sind es und die United Nations, die uns gerettet haben vor den Kommunisten und den Atheisten und den Calderonistas, und die die Bananen kaufen, die in Quepos verschifft werden, wir wären nichts ohne die Amerikaner, unsere mächtigen Freunde. Wir hätten es uns niemals leisten können, die Armee abzuschaffen, das Gerät und die Munitionsbestände einzutauschen damals, gegen ein paar wirklich unverwüstliche amerikanische Traktoren. Wir wären nichts ohne die United Fruit Company, die United Nations, United, Unidos, hörte ich, immer wieder dieses eine Wort und ich wusste, das bedeutet gut. Schlicht und einfach gut. United States, das ist gut. Das hilft uns, und Castro will uns die Freiheit nehmen, die United Freiheit, er würde uns alles nehmen und besonders diese Freiheit und die Bananen der United Fruit Company und den Zucker, weil er meint, der dürfe nur in Kuba wachsen.

Das alles versuchte ich mir zu merken, aber es war viel, zu viel, ich konnte nicht immer folgen. Sobald ich das eine Wort verstanden hatte, vergaß ich ein anderes, es war, als beschenkte mich jemand so reichlich, dass ich nur mit Mühe alles annehmen konnte. Wie in diesem Märchen, das unsere Mutter erzählt hatte. Wo es Münzen regnete. Ich musste das eine fallen lassen, um das andere vom Boden aufzuheben. Ich versuchte, mir jedes Detail zu merken, alles, denn ich wollte dir alles erzählen. Ich wollte dir den amerikanischen Präsidenten beschreiben, seine junge Frau, Jackie, sein Auto, das große, schwarze, surrende Kabrio. Ich konnte es nicht verstehen, warum du zu Hause bleiben musstest. Immerhin verstand ich, warum Mutter nicht mitgekommen war, warum wir nicht alle zusammen waren wie die anderen Familien auch, die im Bus und die Leute hier, Väter, Mütter, Großväter, Kinder, Cousins, alle waren sie gekommen, alle standen sie zusammen und fieberten einem Präsidenten entgegen, der hundert Kilometer entfernt in seiner glitzernden Blechkapsel saß und ein letztes Mal das Redemanuskript überflog. Unsere Mutter in dieser hysterischen Masse? Nein, das war einfach nicht vorstellbar. Unsere Mutter, Machita, die Fremde, die Verschlossene, was hätte sie hier gesollt? Was hätte sie rufen können, wie hätte sie reagiert, wenn sie geschoben und gedrängt worden wäre, wenn sie jemand berührt hätte? Dass sie nicht hier sein konnte, das verstand ich. Das war überhaupt keine Frage, das Selbstverständlichste der Welt, dass unsere Mutter nicht dazugehörte, nicht zu dieser stinkenden, aufgeregten Masse. Aber du, warum hattest du nicht das Recht, dies alles zu sehen? Wie konnte es sein, dass wir getrennt worden waren? Nur weil deine Haare ein bisschen heller waren als meine. Das verstand ich nicht und deshalb merkte ich mir alle diese Wörter, um sie dir am Abend, wenn wir im Bett liegen würden, zu erklären, alle diese Wörter, United Fruit Company, Schweinebucht, Boston, el papa, Import, Export, mundo nuevo, alte Welt, neue Welt, New York, United Nations, Estados Unidos.

Als das Flugzeug endlich im Osten auftauchte, es war kaum mehr als ein kurzes Aufblitzen über dem Gebirge, erklang eine mir unbekannte Nationalhymne aus scheppernden Lautsprechern. Der ein oder andere legte seine Hand aufs Herz, die Erwachsenen versuchten mitzusingen oder die Melodie zu summen, die Menschen standen straffer als vorher, andächtig. Knapp über dem Horizont, über dem Bergkamm schwebte eine einzige graue Wolke, unbeweglich, klein, harmlos wie ein Fetzen schmutziger Wolle an einem Zaun. Aber das interessierte die Leute nicht, sie sahen es einfach nicht oder es schien ihnen nicht wichtig genug in diesem Augenblick, sie sahen nur das Flugzeug und wurden lauter und waren begeistert. Sie sangen. Sie schrieen. Sie riefen Kennedy, viva el presidente, viva Kennedy. Viva Kennedy, rief auch ich und ich dachte an dich, dachte auch an unsere Mutter, fragte mich, was sie in diesem Moment machte, ob sie fähig wäre, die Begeisterung dieser Menge zumindest zu spüren. Dir würde ich es vermitteln, die Begeisterung, das Aufbrausen der Masse, ihr Drängen, als das Flugzeug auftauchte. Mit Hilfe des Wortes Unidos, mit Wörtern wie Freund, groß, elegant, nuevo, mächtig, katholisch, agradecido, Wörtern, die ich in der unmittelbaren Umgebung aufgeschnappt hatte, wollte ich dir vermitteln, was sie fühlten. Und ich sah die kleine Wolke am Himmel und dachte, auch sie gehört dazu, auch von ihr werde ich dir erzählen, denn es ist Trockenzeit und was sollen die Wolken jetzt am Himmel, dort, genau da, wo das Flugzeug über den Berg gekommen ist, ich werde versuchen, es mir zu merken, weil es dazugehört, es gehört ins Bild dieses Tages.

Das Flugzeug. Groß, modern, elegant, es war weiß gestrichen, ein gleißendes Luftschiff, aber nicht behäbig wie ein Luftschiff, sondern schlank und schnell und edel. Schön. Das blaue Siegel, der Stempel einer höheren Macht. Der erste Jet, den sie in ihrem Leben gesehen hatten, für einige Bauern war es das erste Flugzeug überhaupt. Sie standen staunend, drängten immer näher heran, die Menge schob in eine Richtung, ohne sich wirklich fortzubewegen, hunderttausend Münder sangen, zweihunderttausend Augen folgten dem Flugzeug, hungrig, gierig sahen sie in den Himmel, staunten über die langgezogene Kurve vor dem Landeanflug, über die Berechnung dieses Kurses, die Genauigkeit, technische Überlegenheit, die sich in diesem Anflug offenbarte, sie staunten und sahen, wie das Fahrgestell lautlos ausgefahren wurde, wie der Jet über den Plantagen in die Schneise einschwebte, immer niedriger, immer weiter fiel, bald schon die Piste berühren würde, nur noch zehn Meter, fünf, zwei, und die Turbinen rauschten und donnerten, als das Flugzeug hinter der großen Halle verschwand.

Die Menge atmete auf. Sie hatten vergessen, Luft zu holen in diesen Minuten, sie hatten sich selbst vergessen, alles war auf den einen Punkt am Himmel gerichtet gewesen, es war, als hätten sie Haken in den Augen gehabt, Angelhaken an einer Unzahl von durchsichtigen, an einem einzigen Punkt befestigten Schnüren. Irgendwo dort hatten sie ihn zuerst entdeckt, hatten sie den Punkt zuerst fixiert, dort, über dem Irazú, wo die kleine graue Wolke hing.

Fünf, sechs Minuten lang nichts, gar nichts, nur die trockene Hitze der Hochebene und dann, endlich, das Scheppern aus den billigen Lautsprechern, es waren einzelne Wörter zu hören, englische Wörter und ihre Übersetzungen, paz und peace corps und unidos und Bollwerk, Bedrohung, wie stolz wir sind ... begrüßen dürfen ... sie hier begrüßen zu dürfen ... but it is for us to thank ... und wir heißen Sie willkommen ... in Dankbarkeit und unermesslich, world peace and all nations must stand ... because we are all Americanos, united, all Americans of all nations ... Brüder ... Freunde ... Abendland ... but we share, my friends ... und an den langen, weißen Stränden dieses Landes ... Vorreiter ... Weltfrieden ... unter tropischer Sonne ... ocean to ocean ... the language of peace ... united ... values ... united ... and sea to shining sea.

Ramón hatte mich abgesetzt und als ich aufsah, über mich, es war die einzige Richtung, die einen freien Blick erlaubte, hatte er eine Blechflasche in der Hand, eine mitgebrachte Flasche mit seinem Fusel. Er nahm einen großen Schluck und starrte vor sich hin, auf die breiten Rücken seiner Landsleute und in seine eigene Leere, er nahm wieder einen Schluck und starrte, hatte keine Kraft mehr für Begeisterung. Er war ein Teil dieses Auflaufs gewesen, er hatte sich mitreißen lassen wie die anderen auch, aber jetzt musste er sich um sich selbst kümmern. Als die Menge von Neuem aufbrauste, nahm ich seine Hand, zog an seinem Arm, rief, nimm mich, heb mich hoch, los, schnell, ich will es sehen, wir verpassen den Präsidenten, die großen Autos, aber Ramón reagierte nicht darauf. Er gehörte einfach nicht mehr dazu. Ich wollte ihn treten, ich wollte ihn aus diesem Zustand der Erschöpfung heraustreten, ihm wehtun, damit er spürte, dass es noch andere Menschen gab, und zwar nicht nur mich, sondern eine ganze Masse, hunderttausend Menschen, die sich alle auf diesen einen Punkt konzentrierten. Es war absurd, dass er gerade in diesem Moment die Kraft verloren hatte und aufgab, ein Mensch, ein Costaricaner zu sein. Aber ich ließ ihn, ich hatte Angst vor ihm. Ein anderer, ein Junge, kaum siebzehn Jahre alt, bemerkte mich, meine Verzweiflung, nahm mich schließlich, setzte mich auf seine Schultern und warf Ramón einen vorwurfsvollen, einen tödlichen Blick zu. Aber dem war das egal.

Der Junge spuckte auf seine Finger und säuberte die Schürfwunden an meinen Knien, als das schwarze Kabrio hinter dem Flughafengebäude hervorkam, langsam durch ein Meer von kleinen Fähnchen, durch die brausende Menge rollte. Du kannst dir die Szene vorstellen, hast sie tausend mal gesehen, ein halbes Jahr später, als Lee Harvey Oswald im Bücherdepot auf Kennedy anlegte und ihm das halbe Gehirn wegschoss. Jackie kletterte in Panik auf den Kofferraum, musste von ihrem Bodyguard an den Füßen wieder reingezogen werden, sie wusste sofort, was passiert war. Drei Jahre lang hatte sie mit dieser Möglichkeit, mit dem Gedanken gelebt, dass es passieren könnte. Genau so.

Sie ließen sich diese Angst nicht anmerken. Würdig, natürlich erschienen sie. Ein Herrscherpaar. Ein Monarchenpaar. Unsere Hoffnung. Unsere Erlösung. Sie taten nichts, sie winkten nur und lächelten, winkten und lächelten der jubelnden, kreischenden Menge entgegen, aber das genügte, um ihre unendliche Liebe zu zeigen. Diese Großherzigkeit, ihr Großmut. Sie liebten uns, so, wie sie da saßen, es war nicht zu übersehen, sie liebten jeden einzelnen von uns, jeden sonnenverbrannten Vaquero, auch den dümmsten und den schmutzigsten, sie liebten mich und sie liebten sogar meinen Vater, der da stand, wie eingefallen, kraftlos, der sich nicht an der Hysterie dieser Menge beteiligte, kaum aufschaute, als sie vorbeifuhren. Und ich liebte diese beiden auch, wollte zu ihnen, wollte sie berühren, Jackies blaues Seidenkleid, den Saum dieses Kleids berühren, königsblau, präsidentenblau, das Blau unseres Ozeans und unseres Märzhimmels, aus dem sie zu uns herabgestiegen war. Sie war so elegant, sie war die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte und ich schrie aus vollem Hals, viva, schrie ich, viva, Ken-ne-dy, viva Jackie Jackie Jackie.

Zwei Jahre dauerte der Aschenregen, der in diesem Augenblick begann. Eine gewaltige Explosion, als die Karosse auf unserer Höhe war und der Junge, auf dessen Schultern ich saß, meine Hände nahm und schwenkte, als wollte er mit mir tanzen wie auf einer Bauernhochzeit. Ein unterirdisches Donnern im Osten, das leichte Beben, das Grollen des mächtigen Irazú, als sie in unserer Nähe waren, kaum zwanzig Meter entfernt von mir und dem Jungen und dem trinkenden Ramón, sie hatte mich angesehen, sie hatte mir direkt in die Augen gesehen, mir, der über der Masse thronte und rief und in die Hände klatschte, Jackie, Jackie, Jackie hatte ich gerufen und der Irazú brach aus, ein riesiger Pilz aus Asche und Geröll schoss in den Himmel, und der Fahrer beschleunigte, dass der junge Präsident und seine blaue Frau in die weichen, weißen Sitze gedrückt wurden.

Zwei Jahre lang. Auf den Dächern die Asche, in San José und Cartago, auf den Feldern die Asche, die Weiden waren zentimeterhoch bedeckt mit der Asche des Irazú und unbrauchbar. Das Milchvieh, empfindlich, europäisch, musste in die feuchtheiße Ebene getrieben werden, hinunter in Richtung Pazifik, wo sich die Maden unter seine Haut setzten, das Blut der Tiere vergifteten. Die Rancher ritten mit ihren Schaufeln über die Weiden, suchten den Himmel nach kreisenden Aasgeiern ab, erschossen und begruben das verendende Vieh, bevor die Kojoten kamen. Und die Bauern sagten, hinter vorgehaltener Hand, das hat etwas mit diesem Kennedy zu tun. Das Leid. Sagten es und konnten es doch nicht glauben.

Als wir nach Hause kamen, wir waren beinahe die gesamte Strecke zu Fuß gelaufen, waren nicht einmal herangekommen an die paar wartenden Busse, als wir spät am Abend mit grauen Haaren, hustend und völlig erschöpft nach Hause kamen, sprachst du nicht mit mir. Du wolltest es nicht hören, kein einziges Wort. Wir lagen im Bett und es stank nach Rauch und nach Schwefel, unsere Augen brannten, und ich sagte, diese Jackie, sie ist auch eine Fremde, auch eine schöne, schlanke Machita, aber sie ist nicht wie unsere Mutter. Nicht so abweisend. Nicht so kalt. Sie liebt alle Völker, alle Menschen. Sie liebt sogar dich.

Revolución, Castro, católico, United Nations, nuevo mundo, mundo nuevo, und die weltweiten Bananenpreise. Ich habe Kennedy gesehen, ich habe den Präsidenten gesehen, der uns beschützt. Vor Castro und vor den Calderonistas. Weil wir keine Armee mehr haben seit achtundvierzig. Wie er über den Bergen eingeflogen ist, die elegante Schleife, die er geflogen ist. Das weiße Flugzeug mit dem Siegel. Dann die Reden, die Beschwörungen der Freiheit, unidos unidos unidos, haben sie gerufen, und das bedeutet gut, das bedeutet, dass wir sicher sind und dass unser Kaffee konkurrenzfähig ist auf dem Weltmarkt wegen der modernen Anbaumethoden, das ist alles sehr kompliziert, gleichzeitig auch sehr einfach, und diese Jackie, die war so sauber und sie trug ein blaues Kleid und blaue Handschuhe bis hinauf zu den Ellbogen und schläfst du schon und habt ihr die kleine Wolke gesehen, habt ihr es gesehen, als im Osten der Berg explodierte?

© Copyright Gregor Hens 2003

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