| Nach einem Spaziergang über
die weitläufige Promenade, die den Sandstrand von den
Badehäuschen trennte, trat ich, mehr aus Neugier denn
aus handfestem Interesse, in einen normannischen Spezialitätenladen
und traf dort auf eine Legion auf Eis gelegter lebender Hummer,
„homards vivants“, wie auf einem Schild zu lesen
war. Von dieser Legion rührte sich, betäubt vom
Eis, zunächst keiner, alle schienen zu schlafen und mit
unschliessbaren Augen vom Meer zu träumen, bis auf einen,
dem die Kälte des Eisblocks nicht das Bewusstsein genommen
hatte, sondern der in einem Akt des Aufbäumens einen
seiner Fühler im Zeitlupentempo hob und in meine Richtung
reckte. Ich war erstaunt vor dieser Gruppe Gelähmter
stehengeblieben, hatte mich gebückt, um diese gezackten
und glänzenden, wie mit Spray imprägnierten Kreaturen
aus der Nähe zu betrachten, als der eine mich wahrnahm
und seinen rechten Fühler unendlich langsam in meine
Richtung hob, während in seinem kugelrunden Auge einen
Moment lang etwas aufblitzte, das mich auf eine Weise durchdrang,
dass ich einen körperlichen Schmerz verspürte. Wie
gebannt blickte ich auf dieses Heer Gestrandeter, blickte
in das Auge des einen, der wie magisch mich zu fixieren schien,
sah den Fühler, den er mir entgegenreckte, als wolle
er mich berühren, und wies den Verkäufer an, ihn
mir einzupacken. Für dreihundert Franc kaufte ich ihn
und nahm ihn, auf feuchte Holzwolle und Eisstückchen
gebettet, in einer mit Luftschlitzen versehenen Styroporschachtel
entgegen. Ich trat aus dem Laden und spürte, wie mir
das Herz klopfte: ein lebender Hummer, der mir, wäre
er nicht vom Eis noch betäubt, mit seinen vom Gummiband
befreiten Scheren jederzeit einen Finger hätte zerschneiden
können. Hastig überquerte ich die Strasse und ging
zum Meer, zur grossen Promenade, aber es gab zuviele Leute
am Strand, Touristen, Surfer, Fischer, und ich kam mir lächerlich
vor mit meiner Styroporschachtel, in der der Hummer, vom Eisblock
befreit, langsam wieder zu Kräften kam. Ich suchte einen
Ort, an dem keine Leute waren, fand aber keinen und ärgerte
mich, keinen zu finden, ging bis ans Ende des Strandes, aber
selbst hier gab es Jungen, die den Sand mit Metalldetektoren
nach Münzen oder Uhren durchkämmten. Schliesslich
kletterte ich über eine Reihe von mit Flechten überzogenen
Felsblöcken und kam zu einem schmalen, verlassenen Kieselstreifen.
Ich öffnete die Schachtel, und das aufgeschreckte Tier
reckte die Fühler in die Höhe und schlug ungestüm
mit dem Schwanz gegen die Schachtel. Ich schlüpfte aus
den Schuhen, machte einige Schritte ins Wasser, kippte die
Styroporschachtel um und liess den Hummer ins Wasser klatschen.
Eine Welle spülte ihn gegen meine Füsse, ich fühlte
seine Scheren und schrie auf, aber er packte nicht zu, machte
vielmehr kehrt und krabbelte langsam ins Meer hinaus, krabbelte
ohne sich umzudrehen, als ob er nie auf Eis gelegen hätte.
Unbeirrbar, einem Roboter gleich, entfernte er sich und verschwand
in den Fluten. Ich schaute ihm nach, bis ich ihn nicht mehr
sehen konnte. Vielleicht hatte ich etwas erwartet, ganz sicher
hatte ich etwas erwartet, ein Zeichen, einen Blick, irgendetwas,
aber er setzte sich einfach ab. Hatte mich zuvor das Gefühl
erfüllt, dass wir uns im Grunde ähnlich waren, etwas
Geheimes uns verband, überkam mich nun eine Empfindung
vollkommener Fremdheit.
Kurz darauf gelangte ich zu einer
Telefonzelle und rief meine Geliebte an, um ihr die Geschichte
zu erzählen, aber es war ihre Tochter, die abnahm und
nach einer Pause, während der man bloss die Schreie der
Seemöwen hörte, auf meine Frage, ob ich rasch ihre
Mutter sprechen könne, erwiderte, sie sei kurzfristig
nach Marokko verreist. Über diese Nachricht war ich so
überrascht wie sie über meine Verwunderung, wie
erstarrt stand ich in der Telefonzelle und blieb noch lange
so stehen, als das Gespräch schon längst zu Ende
war. Marokko, dachte ich, kurzfristig nach Marokko, warum
hatte sie nichts gesagt, warum hatte sie sich nicht gemeldet,
warum war sie nicht nach Deauville gekommen?
Hastig ging ich zum Bahnhof und
bestieg den nächsten Zug nach Paris, aber es waren keine
Pariser Sommerfrischler, die sich zu mir setzten, sondern
drei normannische Studentinnen, die sich während der
gesamten, zwei Stunden dauernden Fahrt nahezu pausenlos und
in ungeheurem Tempo über Sprechstörungen und den
Verlust des Sprachvermögens verbreiteten. Die Geschwindigkeit
und der Nachdruck, mit denen sie sprachen, hatten etwas Betäubendes,
so dass mir die Buchstaben vor den Augen zu verschwimmen begannen
und ich meine Lektüre weglegte, um die Münder zu
betrachten, die so selbstgewiss und ohne einen Hauch von Zweifel
zu sprechen wussten. Diese Münder erschienen mir so fremdartig
wie die Augen der Hummer, und obwohl mir die Normandie vertraut
war, hatte ich das Gefühl, sehr weit in der Fremde zu
sein.
In Paris angekommen, rief ich vom
Bahnhof Saint-Lazare aus den Maler Edouard an, dem ich Photographien
meiner Geliebten zu überbringen hatte, die ihren verstorbenen,
von ihr geradezu vergötterten Vater zeigten. Wenig später
holte mich der Maler, ein Freund des Vaters, ab und fuhr mich
mit seinem verrosteten Deux-Cheveaux zu seinem etwas ausserhalb
gelegenen Haus. Auf den Dielen der verglasten Veranda, auf
die der jugendlich gebliebene Althippie mich zuerst führte,
lag ein toter Skarabäus, der dort Tage zuvor verendet
war. Hin und wieder komme es vor, sagte Edouard, als er mir
das Haus zeigte, dass ein Skarabäus oder ein goldgrün
glänzender Rosenkäfer auf seine Veranda fliege und
sich auf den Dielen ein passendes Plätzchen suche, um
dort reglos zu verharren, bis der letzte Hauch aus ihm gewichen
sei. Er wisse nicht, was es damit auf sich habe, nie aber
wische er solch einen Käfer weg, sondern warte jeweils,
bis ein Luftzug ihn aus dem Haus wehe.
Im Atelier offerierte mir Edouard
einen Weisswein, einen jungen Chardonnay, und als mein Blick
die Aktbilder streifte, die an der Wand hingen, erzählte
er mir von seiner Gepflogenheit, Frauen einzuladen, damit
sie ihm Modell stünden. Er wolle nichts von ihnen, setzte
er hinzu, er wolle sie lediglich malen. Dann erkundigte er
sich nach der Tochter des Verstorbenen, und ich sagte, nicht
ohne eine gewisse Beklemmung, dass sie der Kinder wegen nicht
habe kommen können. Eine Weile sprachen wir über
die Widrigkeiten zeitweiliger Trennung, für die Edouard
sich besonders zu interessieren schien, was mir zusetzte,
bis ich ihm schliesslich die Photographien reichte, auf die
er seit Monaten schon gewartet hatte. So verschwommen und
unscharf, wie sie waren, konnte Edouard seine Enttäuschung
nicht verhehlen. Da ich die Bilder, die er für seine
Arbeit benötigte, bloss aushändigte, machte er es
mir nicht zum Vorwurf, gleichwohl aber fühlte ich im
Laufe unseres Gesprächs einen Groll, als ob ich seine
Ruhe und Abgeschiedenheit grundlos gestört hätte,
und auch ich war, seines Interesses für zeitweilige Trennungen
wegen, ziemlich aufgewühlt. Als ich meinen Chardonnay
getrunken hatte, brach ich deshalb auf, um mit der Schnellbahn
ins Zentrum zurückzufahren.
Wegen eines Streiks der französischen
Eisenbahner war ein Teil des Schienenverkehrs lahmgelegt,
und ich konnte nicht gleich weiterreisen in die Schweiz, sondern
musste eine Nacht noch in Paris verbringen. In dieser Nacht
tat ich kein Auge zu, verfiel am nächsten Morgen im Zug
jedoch in einen unruhigen Schlaf, träumte von Eislandschaften
voller Hummer, von dunklen Wassern voller Hummer, und noch
im Halbdämmer fragte ich mich, welcher Art wohl ihre
Träume waren, wenn sie nachts die finstere Tiefe vor
ihren unschliessbaren Augen hatten. Erst als der Zug ein paar
hundert Meter vor dem Basler Bahnhof bremste und, da die Strecke
auf einem erhöhten Trassee durch den zoologischen Garten
führt, mitten im Zoo stehenblieb, wachte ich auf und
erblickte von meinem Fenster aus drei Schneeleoparden, die
in ihrem Gehege langsam gleich hinter dem Zaun hin- und hergingen.
Es schien, als wüssten sie, dass es kein Entkommen gab
aus der falschen Welt, in die sie geraten waren. Als sich
der Zug nach einer Weile wieder in Bewegung setzte, wollten
mir die Schneeleoparden nicht mehr aus dem Kopf, und ihr Bild
verflüchtigte sich auch nicht, als der Zug zum Stillstand
kam und das Kreischen der Bremsen überging in völlige
Stille.
Zu Hause hoffte ich eine Nachricht
meiner Geliebten vorzufinden, und tatsächlich waren reichlich
Neuigkeiten eingetroffen, nicht jedoch von ihr. Während
ich die Post durchging, entsann ich mich unseres letzten Gesprächs,
das ich von Deauville aus geführt hatte, ein Gespräch,
in dem ich sie drängte, zu mir zu kommen, und sie zögerlich
erwiderte, dass sie sich nichts lieber wünsche als das,
aber wegen der Kinder noch nicht feststehe, ob sie sich absetzen
könne. Es war nicht eines unserer angeregten, lebhaften
Gespräche, wie wir sie oft geführt hatten, vielmehr
durchzogen von Pausen und Phrasen, zäh und überhastet
zugleich, und ich wusste nicht, lag es an dem neben dem Apparat
stehenden Zähler, der die mir unbekannten Einheiten in
rascher Folge von einer Zahl zur nächsten gleiten liess,
lag es an der räumlichen Distanz oder an etwas anderem,
Verborgenen, das ich nicht durchschaute, auf jeden Fall waren
wir ungewohnt rasch zum Ende gekommen, und obwohl ich mich
freute, sie gesprochen zu haben und zu hören, dass sie
mich vermisste, war ich danach auch traurig gewesen und rastlos
im Zimmer herumgegangen.
Als ich meinen Photoapparat verstaute,
fielen mir meine Alben in die Hände, und ich suchte darin
die Bilder meiner Reise hervor, die ich vor Jahren nach Marokko
unternommen hatte, Bilder mit Hunderten Wespen auf Schnecken
und Honighörnchen, von fliegenden Händlern auf Handwagen
im Souk von Tanger feilgeboten, Wespen, die die Marokkaner
nicht weiter zu stören schienen und sie nicht daran hinderten,
das Gebäck zu kaufen und zu essen, und die noch Stunden
später, wenn der fliegende Händler schon längst
wieder verschwunden war, weiterhin zu Dutzenden an der Stelle,
wo der Wagen gestanden hatte, in der Luft herumschwirrten,
wie betäubt vom Duft des Zuckers, der noch in der Gasse
hing. Und ich stellte mir meine Geliebte vor, wie sie durch
diese Gassen ging, verschleiert und in ein langes Gewand gehüllt,
während links und rechts gefeilscht und geklatscht und
gerufen wurde, die Schreie der Melonenhändler und der
Messerschleifer, das Gekeife der Bäuerinnen und das Gemurmel
der Bettler, derweil sich über allem die Wespen wie trunken
im Kreis bewegten.
Dann kam ihr Brief. Ein Brief aus
Casablanca, ein wirrer, wie im Rausch hingeworfener Brief,
ihre Schrift ganz anders als sonst, ganz anders als in den
Hunderten von Briefen, die ich von ihr erhalten hatte, es
sei etwas passiert, sie könne nicht mehr, dieses ständige
Hin und Her, sie verkümmere und verkomme, ich sass auf
dem Bett und hielt den Brief in meinen Händen und las
ihn noch einmal und liess ihn zu Boden fallen. Das war es
also gewesen, dachte ich seltsam gefasst, als hätte ich
so etwas erwartet, als hätte ich es gewusst, und erst
später, viel später, als ich, um auf andere Gedanken
zu kommen, in den Botanischen Garten zu meinen Lieblingsplätzen,
meinen Lieblingsbäumen ging, traten mir vor einer Zypresse
die Tränen in die Augen.
Für immer hatten wir gesagt, vor sechs Jahren, ohne Wenn
und Aber, allen Umständen zum Trotz, vor zwei Wochen
noch hatte sie mir einen Liebesbrief geschickt, und jetzt
konnte sie nicht mehr, und ich begriff nicht, wir hatten uns
weder gestritten noch entfremdet, und ich sah auf die Luftwurzeln
der Zypresse, die wie ein hölzernes Miniaturgebirge aus
dem Erdreich ragten, und verharrte reglos. Während ich
meinen Blick nicht von dem Wurzelwerk wandte, entsann ich
mich unserer ersten Begegnung, wie sie mir in einem Zug, in
dem wir uns vorgestellt worden waren, achtlos die Hand gegeben
hatte und, ohne mich richtig anzusehen, gleich weitergegangen
war, wie sie mich später, als wir zufällig im Speisewagen
beieinander sassen, neugierig gemustert hatte, wie wir ins
Gespräch gekommen waren und sie meine Hände und
meine Lippen und meine Worte studiert hatte, und wie wir,
nach einem Glas Chardonnay, einfach glücklich dagesessen
hatten. Unzählige Male während der letzten Jahre
hatte ich diese Szene in meinem Kopf aufleben lassen, doch
immer kam es mir so vor, dass die Erinnerung alles verkürzte
und nicht wiederzugeben war, was an diesem Tag wirklich geschehen
war, wer in welchem Augenblick was gesagt oder gedacht oder
wie empfunden hatte, oder auch nur, wie der Zug ausgesehen
oder die Farbe ihrer Augen während der viereinhalb Stunden
dauernden Fahrt sich verändert hatte, so dass am Schluss
immer nur ein paar beliebige Eindrücke übrigblieben,
wie der Glanz ihres Haars oder das Schimmern ihrer Haut.
Nicht wie ihren Geliebten küsste
sie mich, als wir uns wiedersahen, aber auch nicht wie jemanden,
dessen man sich entledigen will, ein unentschiedener Kuss,
und danach Schweigen und Warten, Sitzen und Starren, bis sie
das Gummiband löste, das ihr Haar zusammenhielt, und
es nur so aus ihr heraussprudelte, wie sie nach einem Zerwürfnis
mit ihrer Mutter das nächste Flugzeug bestiegen habe,
um in Marokko auf den Spuren ihres Vaters zu wandeln, zu sehen,
was er gesehen hatte, als wäre sein Blick dort aufgehoben,
als wäre er dort noch am Leben, sein Ballspiel in den
Gassen seiner Kindheit niemals vergangen, als würde sein
Ball noch immer hinunterrollen zum Petit Socco, wo sie in
einem Fischrestaurant einem älteren Bonvivant begegnet
sei, einem in Zürich und Tanger lebenden Millionär,
der von ihr begeistert gewesen sei und ihr den Hof gemacht
habe, ein Mensch, dessen ausgesuchte Zuvorkommenheit und jeden
Altersunterschied negierende Neigung sie beeindruckt habe,
um so mehr, da sie ihm vor achtzehn Jahren schon einmal begegnet
sei, beim Eislaufen auf dem Silser See, und ob dieses Zufalls
habe sie einen Augenblick gestutzt, so wunderlich sei es ihr
erschienen, bei diesem Essen in Tanger auf eine Engadiner
Bekanntschaft zu stossen, von der sie genau die Hälfte
ihres Lebens entfernt gewesen sei, und auch wenn sie das Ganze
nicht wirklich zu deuten gewusst hätte, sei es ihr gleichwohl
wie ein Fingerzeig aus einer der Vernunft unzugänglichen
Welt erschienen, eine bedeutungsschwere Koinzidenz, weshalb
es passiert sei und sie nun schwanger sei und ein Kind von
ihm erwarte.
Bestürzt ob dieser mir ganz und gar unwirklich anmutenden
Geschichte stützte ich mich auf meine Ellenbogen und
schaute sie an, und mir war, als würde dieser Augenblick
niemals vergehen, als würden ihre Lippen sich unablässig
öffnen, um zu sagen, dass sie nun schwanger sei und ein
Kind erwarte, als würden ihre Worte wie Bälle ohne
Ende auf mich zurollen. Von Schwindel ergriffen sass ich da,
alles schien zu verschwimmen, ihr Gesicht, ihre Augen, ihre
Hände, alles verwischte sich und schien sich aufzulösen.
Nur die Zwiebeln auf der Anrichte sind mir von dem Moment
in Erinnerung geblieben, mit ihren hellbraunen, abgestorbenen
Schalen, und ein Bund Schnittlauch, der welk auf dem Küchentisch
lag.
Nacht für Nacht starrte ich
nun ins Finstere, kreiste über der Stelle, wo nichts
mehr war, nichts ausser einem fernen Duft, kreiste und kreiste
und konnte es nicht fassen, dachte an Rückkehr, Rache,
Rückeroberung, und als mir zu Ohren kam, dass der neue
Mann siebzig Jahre zählte, kreiste ich noch ungestümer
über der Stelle und rettete mich ins Dunkel von Kinosälen,
um mich mit Filmen abzulenken, aber auch hier fand ich keine
Ruhe, wenn sich, wie in „La nuit américaine“,
ein älterer Herr schützend an die Seite einer dreissig
oder vierzig Jahre jüngeren Frau stellte, und obschon
mir diese Bilder zeigten, dass es das tatsächlich gab,
obgleich sie mir den Unglauben nahmen, der mich erfüllte,
obwohl sie mir versicherten, dass ich nicht mit weit offenen
Augen geträumt hatte, waren sie mir weder Trost noch
Zerstreuung.
Auch die Tage wurden mir zur Nacht,
ziellos irrte ich durch die Stadt, legte endlose Wege zurück,
von denen keiner über die Grenzen der Altstadt hinausführte,
als würde ich an gewissen Punkten von einer geheimen
Kraft zur Umkehr gezwungen. Während meiner Gänge
war mir immer, als ginge jemand anderer neben mir her, und
dieser andere erstand Aschenbecher, Mantelknöpfe, Schuhspanner,
Briefbeschwerer, Porzellankatzen, auf die ich zu Hause verständnislos
starrte und von denen ich nicht wusste, was sie mit mir zu
schaffen hatten. Als ahnten die Schuhspanner selber, dass
ich mehr ihnen gehörte als sie mir, lagen sie da, mit
einem gewissen Hochmut, der mir klar machte, dass ich irgendwann
in der Vergangenheit einen Fehler begangen hatte, der durch
nichts mehr gutzumachen war.
Einmal noch begegneten wir uns,
und ich sah ihr Kind, das sie Alexander getauft hatte und
das mich unablässig aus dem Kinderwagen heraus anstrahlte.
Das Baby entsprach in keiner Weise der Vorstellung, die ich
mir von ihm gemacht hatte, etwas Sonderbares lag in seinem
Blick, als wüsste oder ahnte es Dinge, die es nicht artikulieren
konnte, und als ich in seine Augen schaute, schaute ich nicht
in Kinderaugen, sondern glaubte die Augen eines alten Mannes
zu sehen, so dass ich, als hätte ich die Sprache verloren,
keinen Laut mehr herausbrachte aus meinem wie von unsichtbarer
Hand verschlossenen Mund.
Später träumte mir, wie
ich, nach einem Spaziergang über die Promenade, dem Alten
am Zürichsee begegnete, wie er, während die Feuchtigkeit
des Morgens über dem Wasser hing, am Ufer entlangspazierte
und stehenblieb, um in den schwappenden Wellen sein verschwommenes
Spiegelbild zu betrachten, wie ich ihm im Vorbeigehen einen
Stoss versetzte, ihn mit einer unmerklichen Bewegung zweier
Finger über den Steg stiess, so dass er aufschrie und
so plötzlich verschwand, wie er aufgetaucht war, während
auch ich untertauchte in den sich kräuselnden Schwaden,
die über das Pflaster krochen.
Und ich dachte an meinen Stiefvater,
der auch ein älterer Herr gewesen war, dreissig Jahre
älter als meine Mutter, erinnerte mich an unseren Ausflug
an den Silser See, wie wir gebadet hatten am Fusse des Piz
Lunghin, wie meine Mutter und ich im Gras gesessen hatten
und sie mich, der ich vom Planschen noch schlotterte, mit
dem Badetuch abrieb, um sich dann mit mir in die Sonne zu
legen und zu bräunen, während mein Stiefvater, ohne
dass wir weiter darauf achteten, mit dem Schnorchel hinausschwamm,
und ich erinnerte mich, wie meine Mutter sich nach einer Weile
aufrichtete und auf den See hinausschaute und ausser ein paar
Segelbooten nichts entdecken konnte, wie sie in Panik geriet
und Hilfe herbeirief, wie nichts zu erkennen war auf der gleissenden
Wasserfläche, wie wir schliesslich, als die Taucher erfolglos
zurückkehrten und das Unfassbare mehr und mehr Gewissheit
wurde, mit angezogenen Knien ganz eng auf dem Tuch beieinander
sassen, und ich sie, die völlig aufgelöst zitterte,
zu trösten versuchte, indem ich sagte, sie müsse
nicht traurig sein, wir hätten ja noch unser Meerschweinchen,
den Strubbel. Ich fühlte einen kalten Hauch im Nacken,
als ich an diese Szene dachte, an die weit offenen Augen des
später Geborgenen, daran, dass sich auf unbegreifliche
Weise alles stets von neuem zu wiederholen schien, als wäre
das Vergangene nie wirklich vergangen, als hätten die
Ereignisse ein Gedächtnis, das sich unfehlbar an uns
erinnerte.
Kurz darauf fuhr ich ein weiteres
Mal nach Deauville, wo mir am Bahnhof ein heftiger Wind das
Haar zerzauste. Nach einem Spaziergang über die Promenade
kam ich zur lichtdurchfluteten Veranda des Restaurants „Le
Chantilly“, trat in die Gaststube und bestellte eine
Karaffe Chardonnay. Nach einer Weile erst bemerkte ich weiter
hinten im Raum das grosse Aquarium, das zwei Hummer sich teilten.
Kaum hatte ich sie erblickt, trat der Koch aus der Küche,
schritt zu dem Behälter, wägte kurz ab und griff
hinein, um den einen am Panzer zu fassen, ihn aus dem Wasser
zu heben und, während das Tier mit den Scheren ruderte
und mit dem Schwanz heftig gegen den eigenen Bauch schlug,
in Richtung Küche zu tragen. Als er im Durchgang verschwand,
erinnerte ich mich, wie ich als Kind der Zubereitung eines
Hummers beigewohnt hatte, wie die Köchin das Tier unter
fliessendem Wasser mit einer kleinen Bürste gesäubert
und kopfüber in das siedende Wasser gedrückt hatte
und wie darauf ein Pfeifen aus dem Topf gekommen war, ein
markdurchdringendes Pfeifen. Und ich entsann mich, wie die
Köchin das Tier, als das Pfeifen nach und nach leiser
wurde und schliesslich ganz abriss, aus dem Topf nahm, um
es auf die Anrichte zu legen, und wie das Pfeifen gleichwohl
noch zu hören war in der darauffolgenden Stille. Und
wie es, als sie das Tier mit einem schweren Messer in zwei
Hälften teilte, mit einem kleineren das Ungeniessbare
entfernte, schliesslich mit einer feinen Pinzette einen hellen
Faden aus dem Schwanzteil zog, um das Fleisch aus Schwanz
und Scheren auszulösen und in Stücke zu tranchieren,
noch immer pfiff und nicht aufhören wollte zu pfeifen.
Mit diesem Pfeifen im Ohr trat ich
aus dem Restaurant auf die Gasse, in der eine frische, salzige
Brise wehte. Am Kasino und dem Kurzentrum vorbei eilte ich
zum Strand hinunter, zu der um diese Zeit vollkommen verlassenen
Promenade. Nur die Seemöwen waren noch da, sonst war
alles wie ausgestorben. Ich passierte die flatternden bunten
Zelte, ging bis ans Ende des Strandes, kletterte über
die Felsblöcke und gelangte zu dem schmalen Kieselstreifen.
Ich schlüpfte aus den Schuhen und den Kleidern. Nackt
stand ich da, mit einem leichten Frösteln lauschte ich
dem unablässigen Tosen und tauchte die Zehen ins Wasser.
So kalt war es nicht. Ich sah, wie die Wellen sich wie kleine
Schlangen um meine Knöchel wanden, wie sie an meinen
Füssen leckten, stellte mir vor, wie ich einige Schritte
ins Wasser machte und mich in die Brandung warf, wie ich die
Arme nach vorne streckte, sie auseinander-, zusammen- und
wieder auseinanderführte, wie ich, ohne mich umzudrehen,
hinausschwamm, immer weiter hinaus, während die Wellen
weiter an meinen Füssen leckten und es in meinem Ohr
noch immer pfiff und nicht aufhören wollte zu pfeifen.
Mai 2002
Originaltext
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