26. Tage der deutschsprachigen Literatur

Daniel Zahno
Deauville

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Nach einem Spaziergang über die weitläufige Promenade, die den Sandstrand von den Badehäuschen trennte, trat ich, mehr aus Neugier denn aus handfestem Interesse, in einen normannischen Spezialitätenladen und traf dort auf eine Legion auf Eis gelegter lebender Hummer, „homards vivants“, wie auf einem Schild zu lesen war. Von dieser Legion rührte sich, betäubt vom Eis, zunächst keiner, alle schienen zu schlafen und mit unschliessbaren Augen vom Meer zu träumen, bis auf einen, dem die Kälte des Eisblocks nicht das Bewusstsein genommen hatte, sondern der in einem Akt des Aufbäumens einen seiner Fühler im Zeitlupentempo hob und in meine Richtung reckte. Ich war erstaunt vor dieser Gruppe Gelähmter stehengeblieben, hatte mich gebückt, um diese gezackten und glänzenden, wie mit Spray imprägnierten Kreaturen aus der Nähe zu betrachten, als der eine mich wahrnahm und seinen rechten Fühler unendlich langsam in meine Richtung hob, während in seinem kugelrunden Auge einen Moment lang etwas aufblitzte, das mich auf eine Weise durchdrang, dass ich einen körperlichen Schmerz verspürte. Wie gebannt blickte ich auf dieses Heer Gestrandeter, blickte in das Auge des einen, der wie magisch mich zu fixieren schien, sah den Fühler, den er mir entgegenreckte, als wolle er mich berühren, und wies den Verkäufer an, ihn mir einzupacken. Für dreihundert Franc kaufte ich ihn und nahm ihn, auf feuchte Holzwolle und Eisstückchen gebettet, in einer mit Luftschlitzen versehenen Styroporschachtel entgegen. Ich trat aus dem Laden und spürte, wie mir das Herz klopfte: ein lebender Hummer, der mir, wäre er nicht vom Eis noch betäubt, mit seinen vom Gummiband befreiten Scheren jederzeit einen Finger hätte zerschneiden können. Hastig überquerte ich die Strasse und ging zum Meer, zur grossen Promenade, aber es gab zuviele Leute am Strand, Touristen, Surfer, Fischer, und ich kam mir lächerlich vor mit meiner Styroporschachtel, in der der Hummer, vom Eisblock befreit, langsam wieder zu Kräften kam. Ich suchte einen Ort, an dem keine Leute waren, fand aber keinen und ärgerte mich, keinen zu finden, ging bis ans Ende des Strandes, aber selbst hier gab es Jungen, die den Sand mit Metalldetektoren nach Münzen oder Uhren durchkämmten. Schliesslich kletterte ich über eine Reihe von mit Flechten überzogenen Felsblöcken und kam zu einem schmalen, verlassenen Kieselstreifen. Ich öffnete die Schachtel, und das aufgeschreckte Tier reckte die Fühler in die Höhe und schlug ungestüm mit dem Schwanz gegen die Schachtel. Ich schlüpfte aus den Schuhen, machte einige Schritte ins Wasser, kippte die Styroporschachtel um und liess den Hummer ins Wasser klatschen. Eine Welle spülte ihn gegen meine Füsse, ich fühlte seine Scheren und schrie auf, aber er packte nicht zu, machte vielmehr kehrt und krabbelte langsam ins Meer hinaus, krabbelte ohne sich umzudrehen, als ob er nie auf Eis gelegen hätte. Unbeirrbar, einem Roboter gleich, entfernte er sich und verschwand in den Fluten. Ich schaute ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Vielleicht hatte ich etwas erwartet, ganz sicher hatte ich etwas erwartet, ein Zeichen, einen Blick, irgendetwas, aber er setzte sich einfach ab. Hatte mich zuvor das Gefühl erfüllt, dass wir uns im Grunde ähnlich waren, etwas Geheimes uns verband, überkam mich nun eine Empfindung vollkommener Fremdheit.

Kurz darauf gelangte ich zu einer Telefonzelle und rief meine Geliebte an, um ihr die Geschichte zu erzählen, aber es war ihre Tochter, die abnahm und nach einer Pause, während der man bloss die Schreie der Seemöwen hörte, auf meine Frage, ob ich rasch ihre Mutter sprechen könne, erwiderte, sie sei kurzfristig nach Marokko verreist. Über diese Nachricht war ich so überrascht wie sie über meine Verwunderung, wie erstarrt stand ich in der Telefonzelle und blieb noch lange so stehen, als das Gespräch schon längst zu Ende war. Marokko, dachte ich, kurzfristig nach Marokko, warum hatte sie nichts gesagt, warum hatte sie sich nicht gemeldet, warum war sie nicht nach Deauville gekommen?

Hastig ging ich zum Bahnhof und bestieg den nächsten Zug nach Paris, aber es waren keine Pariser Sommerfrischler, die sich zu mir setzten, sondern drei normannische Studentinnen, die sich während der gesamten, zwei Stunden dauernden Fahrt nahezu pausenlos und in ungeheurem Tempo über Sprechstörungen und den Verlust des Sprachvermögens verbreiteten. Die Geschwindigkeit und der Nachdruck, mit denen sie sprachen, hatten etwas Betäubendes, so dass mir die Buchstaben vor den Augen zu verschwimmen begannen und ich meine Lektüre weglegte, um die Münder zu betrachten, die so selbstgewiss und ohne einen Hauch von Zweifel zu sprechen wussten. Diese Münder erschienen mir so fremdartig wie die Augen der Hummer, und obwohl mir die Normandie vertraut war, hatte ich das Gefühl, sehr weit in der Fremde zu sein.

In Paris angekommen, rief ich vom Bahnhof Saint-Lazare aus den Maler Edouard an, dem ich Photographien meiner Geliebten zu überbringen hatte, die ihren verstorbenen, von ihr geradezu vergötterten Vater zeigten. Wenig später holte mich der Maler, ein Freund des Vaters, ab und fuhr mich mit seinem verrosteten Deux-Cheveaux zu seinem etwas ausserhalb gelegenen Haus. Auf den Dielen der verglasten Veranda, auf die der jugendlich gebliebene Althippie mich zuerst führte, lag ein toter Skarabäus, der dort Tage zuvor verendet war. Hin und wieder komme es vor, sagte Edouard, als er mir das Haus zeigte, dass ein Skarabäus oder ein goldgrün glänzender Rosenkäfer auf seine Veranda fliege und sich auf den Dielen ein passendes Plätzchen suche, um dort reglos zu verharren, bis der letzte Hauch aus ihm gewichen sei. Er wisse nicht, was es damit auf sich habe, nie aber wische er solch einen Käfer weg, sondern warte jeweils, bis ein Luftzug ihn aus dem Haus wehe.

Im Atelier offerierte mir Edouard einen Weisswein, einen jungen Chardonnay, und als mein Blick die Aktbilder streifte, die an der Wand hingen, erzählte er mir von seiner Gepflogenheit, Frauen einzuladen, damit sie ihm Modell stünden. Er wolle nichts von ihnen, setzte er hinzu, er wolle sie lediglich malen. Dann erkundigte er sich nach der Tochter des Verstorbenen, und ich sagte, nicht ohne eine gewisse Beklemmung, dass sie der Kinder wegen nicht habe kommen können. Eine Weile sprachen wir über die Widrigkeiten zeitweiliger Trennung, für die Edouard sich besonders zu interessieren schien, was mir zusetzte, bis ich ihm schliesslich die Photographien reichte, auf die er seit Monaten schon gewartet hatte. So verschwommen und unscharf, wie sie waren, konnte Edouard seine Enttäuschung nicht verhehlen. Da ich die Bilder, die er für seine Arbeit benötigte, bloss aushändigte, machte er es mir nicht zum Vorwurf, gleichwohl aber fühlte ich im Laufe unseres Gesprächs einen Groll, als ob ich seine Ruhe und Abgeschiedenheit grundlos gestört hätte, und auch ich war, seines Interesses für zeitweilige Trennungen wegen, ziemlich aufgewühlt. Als ich meinen Chardonnay getrunken hatte, brach ich deshalb auf, um mit der Schnellbahn ins Zentrum zurückzufahren.

Wegen eines Streiks der französischen Eisenbahner war ein Teil des Schienenverkehrs lahmgelegt, und ich konnte nicht gleich weiterreisen in die Schweiz, sondern musste eine Nacht noch in Paris verbringen. In dieser Nacht tat ich kein Auge zu, verfiel am nächsten Morgen im Zug jedoch in einen unruhigen Schlaf, träumte von Eislandschaften voller Hummer, von dunklen Wassern voller Hummer, und noch im Halbdämmer fragte ich mich, welcher Art wohl ihre Träume waren, wenn sie nachts die finstere Tiefe vor ihren unschliessbaren Augen hatten. Erst als der Zug ein paar hundert Meter vor dem Basler Bahnhof bremste und, da die Strecke auf einem erhöhten Trassee durch den zoologischen Garten führt, mitten im Zoo stehenblieb, wachte ich auf und erblickte von meinem Fenster aus drei Schneeleoparden, die in ihrem Gehege langsam gleich hinter dem Zaun hin- und hergingen. Es schien, als wüssten sie, dass es kein Entkommen gab aus der falschen Welt, in die sie geraten waren. Als sich der Zug nach einer Weile wieder in Bewegung setzte, wollten mir die Schneeleoparden nicht mehr aus dem Kopf, und ihr Bild verflüchtigte sich auch nicht, als der Zug zum Stillstand kam und das Kreischen der Bremsen überging in völlige Stille.

Zu Hause hoffte ich eine Nachricht meiner Geliebten vorzufinden, und tatsächlich waren reichlich Neuigkeiten eingetroffen, nicht jedoch von ihr. Während ich die Post durchging, entsann ich mich unseres letzten Gesprächs, das ich von Deauville aus geführt hatte, ein Gespräch, in dem ich sie drängte, zu mir zu kommen, und sie zögerlich erwiderte, dass sie sich nichts lieber wünsche als das, aber wegen der Kinder noch nicht feststehe, ob sie sich absetzen könne. Es war nicht eines unserer angeregten, lebhaften Gespräche, wie wir sie oft geführt hatten, vielmehr durchzogen von Pausen und Phrasen, zäh und überhastet zugleich, und ich wusste nicht, lag es an dem neben dem Apparat stehenden Zähler, der die mir unbekannten Einheiten in rascher Folge von einer Zahl zur nächsten gleiten liess, lag es an der räumlichen Distanz oder an etwas anderem, Verborgenen, das ich nicht durchschaute, auf jeden Fall waren wir ungewohnt rasch zum Ende gekommen, und obwohl ich mich freute, sie gesprochen zu haben und zu hören, dass sie mich vermisste, war ich danach auch traurig gewesen und rastlos im Zimmer herumgegangen.

Als ich meinen Photoapparat verstaute, fielen mir meine Alben in die Hände, und ich suchte darin die Bilder meiner Reise hervor, die ich vor Jahren nach Marokko unternommen hatte, Bilder mit Hunderten Wespen auf Schnecken und Honighörnchen, von fliegenden Händlern auf Handwagen im Souk von Tanger feilgeboten, Wespen, die die Marokkaner nicht weiter zu stören schienen und sie nicht daran hinderten, das Gebäck zu kaufen und zu essen, und die noch Stunden später, wenn der fliegende Händler schon längst wieder verschwunden war, weiterhin zu Dutzenden an der Stelle, wo der Wagen gestanden hatte, in der Luft herumschwirrten, wie betäubt vom Duft des Zuckers, der noch in der Gasse hing. Und ich stellte mir meine Geliebte vor, wie sie durch diese Gassen ging, verschleiert und in ein langes Gewand gehüllt, während links und rechts gefeilscht und geklatscht und gerufen wurde, die Schreie der Melonenhändler und der Messerschleifer, das Gekeife der Bäuerinnen und das Gemurmel der Bettler, derweil sich über allem die Wespen wie trunken im Kreis bewegten.

Dann kam ihr Brief. Ein Brief aus Casablanca, ein wirrer, wie im Rausch hingeworfener Brief, ihre Schrift ganz anders als sonst, ganz anders als in den Hunderten von Briefen, die ich von ihr erhalten hatte, es sei etwas passiert, sie könne nicht mehr, dieses ständige Hin und Her, sie verkümmere und verkomme, ich sass auf dem Bett und hielt den Brief in meinen Händen und las ihn noch einmal und liess ihn zu Boden fallen. Das war es also gewesen, dachte ich seltsam gefasst, als hätte ich so etwas erwartet, als hätte ich es gewusst, und erst später, viel später, als ich, um auf andere Gedanken zu kommen, in den Botanischen Garten zu meinen Lieblingsplätzen, meinen Lieblingsbäumen ging, traten mir vor einer Zypresse die Tränen in die Augen.
Für immer hatten wir gesagt, vor sechs Jahren, ohne Wenn und Aber, allen Umständen zum Trotz, vor zwei Wochen noch hatte sie mir einen Liebesbrief geschickt, und jetzt konnte sie nicht mehr, und ich begriff nicht, wir hatten uns weder gestritten noch entfremdet, und ich sah auf die Luftwurzeln der Zypresse, die wie ein hölzernes Miniaturgebirge aus dem Erdreich ragten, und verharrte reglos. Während ich meinen Blick nicht von dem Wurzelwerk wandte, entsann ich mich unserer ersten Begegnung, wie sie mir in einem Zug, in dem wir uns vorgestellt worden waren, achtlos die Hand gegeben hatte und, ohne mich richtig anzusehen, gleich weitergegangen war, wie sie mich später, als wir zufällig im Speisewagen beieinander sassen, neugierig gemustert hatte, wie wir ins Gespräch gekommen waren und sie meine Hände und meine Lippen und meine Worte studiert hatte, und wie wir, nach einem Glas Chardonnay, einfach glücklich dagesessen hatten. Unzählige Male während der letzten Jahre hatte ich diese Szene in meinem Kopf aufleben lassen, doch immer kam es mir so vor, dass die Erinnerung alles verkürzte und nicht wiederzugeben war, was an diesem Tag wirklich geschehen war, wer in welchem Augenblick was gesagt oder gedacht oder wie empfunden hatte, oder auch nur, wie der Zug ausgesehen oder die Farbe ihrer Augen während der viereinhalb Stunden dauernden Fahrt sich verändert hatte, so dass am Schluss immer nur ein paar beliebige Eindrücke übrigblieben, wie der Glanz ihres Haars oder das Schimmern ihrer Haut.

Nicht wie ihren Geliebten küsste sie mich, als wir uns wiedersahen, aber auch nicht wie jemanden, dessen man sich entledigen will, ein unentschiedener Kuss, und danach Schweigen und Warten, Sitzen und Starren, bis sie das Gummiband löste, das ihr Haar zusammenhielt, und es nur so aus ihr heraussprudelte, wie sie nach einem Zerwürfnis mit ihrer Mutter das nächste Flugzeug bestiegen habe, um in Marokko auf den Spuren ihres Vaters zu wandeln, zu sehen, was er gesehen hatte, als wäre sein Blick dort aufgehoben, als wäre er dort noch am Leben, sein Ballspiel in den Gassen seiner Kindheit niemals vergangen, als würde sein Ball noch immer hinunterrollen zum Petit Socco, wo sie in einem Fischrestaurant einem älteren Bonvivant begegnet sei, einem in Zürich und Tanger lebenden Millionär, der von ihr begeistert gewesen sei und ihr den Hof gemacht habe, ein Mensch, dessen ausgesuchte Zuvorkommenheit und jeden Altersunterschied negierende Neigung sie beeindruckt habe, um so mehr, da sie ihm vor achtzehn Jahren schon einmal begegnet sei, beim Eislaufen auf dem Silser See, und ob dieses Zufalls habe sie einen Augenblick gestutzt, so wunderlich sei es ihr erschienen, bei diesem Essen in Tanger auf eine Engadiner Bekanntschaft zu stossen, von der sie genau die Hälfte ihres Lebens entfernt gewesen sei, und auch wenn sie das Ganze nicht wirklich zu deuten gewusst hätte, sei es ihr gleichwohl wie ein Fingerzeig aus einer der Vernunft unzugänglichen Welt erschienen, eine bedeutungsschwere Koinzidenz, weshalb es passiert sei und sie nun schwanger sei und ein Kind von ihm erwarte.
Bestürzt ob dieser mir ganz und gar unwirklich anmutenden Geschichte stützte ich mich auf meine Ellenbogen und schaute sie an, und mir war, als würde dieser Augenblick niemals vergehen, als würden ihre Lippen sich unablässig öffnen, um zu sagen, dass sie nun schwanger sei und ein Kind erwarte, als würden ihre Worte wie Bälle ohne Ende auf mich zurollen. Von Schwindel ergriffen sass ich da, alles schien zu verschwimmen, ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Hände, alles verwischte sich und schien sich aufzulösen. Nur die Zwiebeln auf der Anrichte sind mir von dem Moment in Erinnerung geblieben, mit ihren hellbraunen, abgestorbenen Schalen, und ein Bund Schnittlauch, der welk auf dem Küchentisch lag.

Nacht für Nacht starrte ich nun ins Finstere, kreiste über der Stelle, wo nichts mehr war, nichts ausser einem fernen Duft, kreiste und kreiste und konnte es nicht fassen, dachte an Rückkehr, Rache, Rückeroberung, und als mir zu Ohren kam, dass der neue Mann siebzig Jahre zählte, kreiste ich noch ungestümer über der Stelle und rettete mich ins Dunkel von Kinosälen, um mich mit Filmen abzulenken, aber auch hier fand ich keine Ruhe, wenn sich, wie in „La nuit américaine“, ein älterer Herr schützend an die Seite einer dreissig oder vierzig Jahre jüngeren Frau stellte, und obschon mir diese Bilder zeigten, dass es das tatsächlich gab, obgleich sie mir den Unglauben nahmen, der mich erfüllte, obwohl sie mir versicherten, dass ich nicht mit weit offenen Augen geträumt hatte, waren sie mir weder Trost noch Zerstreuung.

Auch die Tage wurden mir zur Nacht, ziellos irrte ich durch die Stadt, legte endlose Wege zurück, von denen keiner über die Grenzen der Altstadt hinausführte, als würde ich an gewissen Punkten von einer geheimen Kraft zur Umkehr gezwungen. Während meiner Gänge war mir immer, als ginge jemand anderer neben mir her, und dieser andere erstand Aschenbecher, Mantelknöpfe, Schuhspanner, Briefbeschwerer, Porzellankatzen, auf die ich zu Hause verständnislos starrte und von denen ich nicht wusste, was sie mit mir zu schaffen hatten. Als ahnten die Schuhspanner selber, dass ich mehr ihnen gehörte als sie mir, lagen sie da, mit einem gewissen Hochmut, der mir klar machte, dass ich irgendwann in der Vergangenheit einen Fehler begangen hatte, der durch nichts mehr gutzumachen war.

Einmal noch begegneten wir uns, und ich sah ihr Kind, das sie Alexander getauft hatte und das mich unablässig aus dem Kinderwagen heraus anstrahlte. Das Baby entsprach in keiner Weise der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte, etwas Sonderbares lag in seinem Blick, als wüsste oder ahnte es Dinge, die es nicht artikulieren konnte, und als ich in seine Augen schaute, schaute ich nicht in Kinderaugen, sondern glaubte die Augen eines alten Mannes zu sehen, so dass ich, als hätte ich die Sprache verloren, keinen Laut mehr herausbrachte aus meinem wie von unsichtbarer Hand verschlossenen Mund.

Später träumte mir, wie ich, nach einem Spaziergang über die Promenade, dem Alten am Zürichsee begegnete, wie er, während die Feuchtigkeit des Morgens über dem Wasser hing, am Ufer entlangspazierte und stehenblieb, um in den schwappenden Wellen sein verschwommenes Spiegelbild zu betrachten, wie ich ihm im Vorbeigehen einen Stoss versetzte, ihn mit einer unmerklichen Bewegung zweier Finger über den Steg stiess, so dass er aufschrie und so plötzlich verschwand, wie er aufgetaucht war, während auch ich untertauchte in den sich kräuselnden Schwaden, die über das Pflaster krochen.

Und ich dachte an meinen Stiefvater, der auch ein älterer Herr gewesen war, dreissig Jahre älter als meine Mutter, erinnerte mich an unseren Ausflug an den Silser See, wie wir gebadet hatten am Fusse des Piz Lunghin, wie meine Mutter und ich im Gras gesessen hatten und sie mich, der ich vom Planschen noch schlotterte, mit dem Badetuch abrieb, um sich dann mit mir in die Sonne zu legen und zu bräunen, während mein Stiefvater, ohne dass wir weiter darauf achteten, mit dem Schnorchel hinausschwamm, und ich erinnerte mich, wie meine Mutter sich nach einer Weile aufrichtete und auf den See hinausschaute und ausser ein paar Segelbooten nichts entdecken konnte, wie sie in Panik geriet und Hilfe herbeirief, wie nichts zu erkennen war auf der gleissenden Wasserfläche, wie wir schliesslich, als die Taucher erfolglos zurückkehrten und das Unfassbare mehr und mehr Gewissheit wurde, mit angezogenen Knien ganz eng auf dem Tuch beieinander sassen, und ich sie, die völlig aufgelöst zitterte, zu trösten versuchte, indem ich sagte, sie müsse nicht traurig sein, wir hätten ja noch unser Meerschweinchen, den Strubbel. Ich fühlte einen kalten Hauch im Nacken, als ich an diese Szene dachte, an die weit offenen Augen des später Geborgenen, daran, dass sich auf unbegreifliche Weise alles stets von neuem zu wiederholen schien, als wäre das Vergangene nie wirklich vergangen, als hätten die Ereignisse ein Gedächtnis, das sich unfehlbar an uns erinnerte.

Kurz darauf fuhr ich ein weiteres Mal nach Deauville, wo mir am Bahnhof ein heftiger Wind das Haar zerzauste. Nach einem Spaziergang über die Promenade kam ich zur lichtdurchfluteten Veranda des Restaurants „Le Chantilly“, trat in die Gaststube und bestellte eine Karaffe Chardonnay. Nach einer Weile erst bemerkte ich weiter hinten im Raum das grosse Aquarium, das zwei Hummer sich teilten. Kaum hatte ich sie erblickt, trat der Koch aus der Küche, schritt zu dem Behälter, wägte kurz ab und griff hinein, um den einen am Panzer zu fassen, ihn aus dem Wasser zu heben und, während das Tier mit den Scheren ruderte und mit dem Schwanz heftig gegen den eigenen Bauch schlug, in Richtung Küche zu tragen. Als er im Durchgang verschwand, erinnerte ich mich, wie ich als Kind der Zubereitung eines Hummers beigewohnt hatte, wie die Köchin das Tier unter fliessendem Wasser mit einer kleinen Bürste gesäubert und kopfüber in das siedende Wasser gedrückt hatte und wie darauf ein Pfeifen aus dem Topf gekommen war, ein markdurchdringendes Pfeifen. Und ich entsann mich, wie die Köchin das Tier, als das Pfeifen nach und nach leiser wurde und schliesslich ganz abriss, aus dem Topf nahm, um es auf die Anrichte zu legen, und wie das Pfeifen gleichwohl noch zu hören war in der darauffolgenden Stille. Und wie es, als sie das Tier mit einem schweren Messer in zwei Hälften teilte, mit einem kleineren das Ungeniessbare entfernte, schliesslich mit einer feinen Pinzette einen hellen Faden aus dem Schwanzteil zog, um das Fleisch aus Schwanz und Scheren auszulösen und in Stücke zu tranchieren, noch immer pfiff und nicht aufhören wollte zu pfeifen.

Mit diesem Pfeifen im Ohr trat ich aus dem Restaurant auf die Gasse, in der eine frische, salzige Brise wehte. Am Kasino und dem Kurzentrum vorbei eilte ich zum Strand hinunter, zu der um diese Zeit vollkommen verlassenen Promenade. Nur die Seemöwen waren noch da, sonst war alles wie ausgestorben. Ich passierte die flatternden bunten Zelte, ging bis ans Ende des Strandes, kletterte über die Felsblöcke und gelangte zu dem schmalen Kieselstreifen. Ich schlüpfte aus den Schuhen und den Kleidern. Nackt stand ich da, mit einem leichten Frösteln lauschte ich dem unablässigen Tosen und tauchte die Zehen ins Wasser. So kalt war es nicht. Ich sah, wie die Wellen sich wie kleine Schlangen um meine Knöchel wanden, wie sie an meinen Füssen leckten, stellte mir vor, wie ich einige Schritte ins Wasser machte und mich in die Brandung warf, wie ich die Arme nach vorne streckte, sie auseinander-, zusammen- und wieder auseinanderführte, wie ich, ohne mich umzudrehen, hinausschwamm, immer weiter hinaus, während die Wellen weiter an meinen Füssen leckten und es in meinem Ohr noch immer pfiff und nicht aufhören wollte zu pfeifen.

Mai 2002

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