26. Tage der deutschsprachigen Literatur

Annette Pehnt
Insel Vierunddreißig

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Als Kind hörte ich von der Insel lange nicht mehr als die anderen auch. In der Schule war sie ein grauer Fleck auf der mürben Karte, weit vor der Küste. Wir redeten über Gesteinsarten und Schiffahrt, Rohstoffe und Tourismus. Die Insel war aus Basalt und durch regelmäßigen Fährverkehr mit dem Festland verbunden, hatte keine Rohstoffe und wenig Tourismus, genau wie die dreiunddreißig anderen Inseln vor unserer Küste, die auch alle aus Basalt waren. Weil niemand ihnen jemals einen Namen gegeben hatte, waren sie numeriert, sehr selten ist das, sagte Herr Kohlhas, der Erdkundelehrer, die Menschen haben für alles einen Namen, jeder Felsen in der Antarktis heißt irgendwie.

Also mußten wir für die Klassenarbeiten die Nummern der Inseln auswendig lernen und sie in ein kleines Raster eintragen, das Herr Kohlhas auf die Arbeitsblätter gezeichnet hatte. Meine Insel war Nummer vierunddreißig, weil sie am weitesten weg war. Die anderen Inseln klebten scharenweise zusammen, es war schwierig, sie auseinanderzuhalten, niemand schrieb in den Inselarbeiten gute Noten, aber Nummer vierunddreißig lag auf der Karte gut drei Fingerbreit entfernt von den Inselscharen, ein kleiner Vogeldreck im zerkratzten Blau. Alle konnten sich die Nummer vierunddreißig merken, auch wenn sie sonst nichts wußten. Vielleicht glaubt deswegen jeder, die Insel zu kennen.

Zankanella zum Beispiel kannte jemanden, dessen Tante dort leben sollte, ein Frauchen in den Fünfzigern, sagte Zankanella, aber stell sie dir nicht vor wie die Frauchen an der Küste, mit geraden Falten auf der Stirn und dreckigen Fingernägeln und saufenden Ehemännern, die

in der Fischfabrik nicht genug verdienen zum Leben und nicht genug zum Sterben, nein, so ist das nicht auf der Insel. Diese Tante, leider nicht meine, sagte Zankanella, denn so eine hätte ich gerne, diese Tante hat dort drei oder vier Liebhaber und blüht wie ein Flieder im Mai, ein kleines altes Persönchen doch eigentlich, aber ich sag dir, die soll Haare bis auf den Hintern haben und Brüste zum Reinbeißen, und abends kommen ihre Liebhaber, manchmal einer oder zwei, manchmal auch alle zusammen, die feiern die Nacht durch, und die Tante ist nicht die einzige auf der Insel, die es sich gutgehen läßt. Zankanella hatte sich heißgeredet, du wärst wohl gerne da, sagte ich, und er rieb sich die Hände, streckte die Arme über den Kopf und lehnte sich nach hinten, das kann man wohl sagen. Er stieß mit seinen gedehnten Armen gegen den Tischnachbarn. Zankanella ist sehr ausladend, es wäre einfacher, ihn zuhause zu bewirten, wo er sich ausbreiten könnte und niemanden behelligen müßte, aber er mag Kellnerinnen, Zuckerstreuer und Speisekarten, und außerdem hat er viel Geld, das er in meiner Küche nicht ausgeben kann. Dann fahr doch, sagte ich, nimm dir ein Motorboot, oder hast du nicht sogar schon eins, ich komme mit. Zankanella hörte nicht zu, das ist ein kleines feines Liebesnest dort, jeder mit jedem, verstehst du, und das Beste ist, es funktioniert. Ich merkte, daß der Tischnachbar sich leicht zur Seite neigte und lauschte. Aber es sind doch Fischer, sagte ich, das habe ich in der Schule gelernt, Fischer leben so nicht. Woher willst du wissen, wie Fischer leben, sagte Zankanella. Ich glaube nicht, daß Zankanella weiß, wie Fischer leben.

Ich habe nie so getan, als ob ich die Insel kenne, und ich bin die einzige, die wirklich hinfahren wollte, seit ich mehr von ihr weiß. Die Seekarten hatte ich mir schon gekauft, bevor ich Zankanella überhaupt kannte. Meine Eltern freuten sich über das heftige Interesse, das als

milde Neugier begonnen hatte und allmählich immer dringlicher Besitz von mir ergriff. Sie warteten schon seit Jahren darauf, daß mein Herz für etwas schlug, wie mein Vater es ausdrückte. Was willst du denn mal machen, fragte er alle vier bis sechs Monate, und wenn ich antwortete, Dolmetscherin, oder Lehrerin, beugte er sich vor und sah mir prüfend ins Gesicht, und schlägt dein Herz dafür. Ich horchte in mich hinein und konnte mein Herz nicht hören, ich weiß nicht, sagte ich, glaube schon.

Mein Vater war jemand, der sich schnell zum Glühen bringen konnte. Meine Mutter wartete im Hintergrund und wärmte ihre Hände an seiner Glut. Du willst doch nicht vor dich hinstümpern, sagte mein Vater. Ich habe noch nie vor mich hingestümpert, in der Schule war ich eine der Besten, meine Eltern waren es nicht anders gewohnt, aber was nützen dir die guten Noten, sagte mein Vater, wenn kein Herzblut dabei ist. Mein Vater hatte dickes, sehr weißes Haar und volle Lippen, er sah prächtig aus. Wenn er für die Kinder aus der Nachbarschaft den Weihnachtsmann spielte, einen leidenschaftlichen, polternden Weihnachtsmann, der die Kinder in unserer Wohnung zusammenrief, um mir als Einzelkind Spielkameraden ins Haus zu holen, dann brauchte mein Vater keine Perücke, nur einen dicken Bart und Koteletten aus Watte, die von demselben reinen Weiß waren wie seine Haare. Ich brachte meine Mathematikarbeiten und Vokabeltests mit nach Hause und legte sie auf den Küchentisch, Mutter nickte mir zu, ganz beiläufig hatte ich wieder die beste Note geschrieben, und Vater war stolz, das sagte er auch, aber ich wußte schon, was kommen würde. Er ging zu den Elternsprechtagen und lag den Lehrern in den Ohren, natürlich ist sie gut, das weiß ich, aber wo sehen Sie denn ihre besonderen Begabungen, und enttäuscht kam er zurück, du bist in allem gleich gut. Ich versuchte, in manchen Fächern noch besser zu

werden und in anderen etwas schlechter, schrieb absichtlich falschen Subjonctif ab und verworrenes Algebra, legte mir einen Familienstammbaum der römischen Götter und eine Karte des römischen Weltreiches an, um in Latein alle zu übertrumpfen, und in Sport täuschte ich einseitiges Hinken und Regelschmerzen vor, um beim Geräteturnen die schwerelose Leichtigkeit zu übertuschen, um die mich alle beneideten. Geglaubt hat mir nie jemand.

Du machst dir Feinde, sagte mein Vater, und da hatte er natürlich recht, über Leidenschaft macht sich niemand lustig, sagte er, aber die, die alles gleich gut können, die mag niemand. Mich mochten wenige, die meisten beneideten mich mit eben der Glut, die mir mein Vater wünschte. Ich ließ immer alle abgucken, erklärte allen alles, verschenkte meine Hausaufgaben, und sie rissen sich darum, aber schon in den ersten Sätzen machten sie Fehler, vergaßen Silben und Buchstaben, wurden ungeduldig, schrieben noch schneller, und ich erkannte nicht mehr wieder, was ich geschrieben hatte. Ich konnte nichts dafür, daß ich besser war.

Als ich klein war, fiel es nicht so auf, sie spielten mit mir, wie die anderen hatte ich Rollschuhe und einen häßlichen phosphorenzierenden Schulranzen und wurde auf Geburtstagsfeiern eingeladen, wo man mit verbundenen Augen und gefesselten Händen Schokoladentafeln auswickeln mußte, um die Wette, und wer zuerst fertig war, mußte alles aufessen. Ich war oft zuerst fertig, weil ich geschickte Finger habe, aber ich teilte die Schokolade mit den anderen, die schwerfällig und blindwütig an der Verpackung herumfetzten, bis sie einen Haufen Schokoladenbrösel und zerknülltes Aluminiumpapier vor sich hatten. Sie sind zu ungeduldig, aber sagen

darf ihnen das niemand, sonst sehen sie rot, und alles wird nur schlimmer.

Später teilte ich Landjäger, Buntstifte, Käsebrötchen, Abziehbilder mit Silberglitter, Rosinenschnecken, Tintenkiller, Wackelpudding in der Schulkantine, Überraschungseier, Zigaretten, Joints und die Lösungen der Abituraufgaben in Mathematik. Ich gewöhnte mich so an das Teilen, daß ich mich unwillkürlich nach Mitessern umschaute, bevor ich eine Gabel zum Mund führte. Trotzdem mochten mich wenige. Es gab sie hier und dort, aber viele waren es nicht. Als ich mit den Inseln anfing, verebbten die Feindschaften.

In der Schulbibliothek fand ich einen Bildband mit historischen Aufnahmen aller vierunddreißig Inseln vor unserer Küste. Weil die anderen mich hänselten, na gehst du wieder pauken, traute ich mich selten in die Bibliothek und achtete darauf, daß mich niemand auf den mit grünem Teppich beklebten Stufen erwischte. Der Teppich, den sie nirgendwo anders im ganzen Gebäude verlegt hatten, war fleckig und aus Kunststoff, und wenn ich mit den Schuhen darüber schabte, lud ich mich elektrisch auf und knisterte an den Fingerspitzen. Weil ich das Gefühl mochte, schlurfte ich über die Stufen und entlud mich mit einem wohligen Schreck am Türgriff der Bibliothek. Vielleicht könnte ich Bibliothekarin werden, dachte ich und horchte in mich hinein, aber mein Herz schlug nicht schneller. Die Bibliothekarin hielt mich wohl für einen Bücherwurm, aber ich war genauso oft in der Turnhalle, wo ich an Tauen bis zur Decke kletterte, am Reck die Beine spreizte und Medizinbälle auf dem Kopf balancierte, und im Musikraum, wo ich mich zwischen Flöten, Klavier und Bongos nicht entscheiden konnte und stundenlang herumzupfte und in die Tasten griff, bis man mich auf den Schulhof schickte, schön, daß du dich so interessierst, aber

jetzt geh mal an die frische Luft zu deinen Freunden. Die Lehrer ermüdeten oft schneller als ich, sie hatten sich ja auch schon entschieden und mußten nicht alles gleichzeitig machen und dazu noch gemocht werden.

Zwischen den Bildbänden stieß ich auf einen abgestoßenen Lederrücken mit kaum leserlicher Goldschrift: Die Inseln damals und heute. Das Heute war lange her, auf den neueren Inselfotos hatten die Autos noch seltsam gerundete Kühlerhauben, und Eselskarren verstopften die schlammigen Dorfstraßen, aber vielleicht ist es ja dort immer noch so, dachte ich, blätterte zurück und kam zu den älteren Aufnahmen, bräunlichen, leicht verwischten Bildern, auf denen sich Leute mit strengen Mienen zu ordentlichen Grüppchen aufgereiht hatten. Manche hielten feuchte Fische in die Kamera, andere hatten Ziegen oder Schafe neben sich in die Reihe gezerrt und legten ihre Hände besitzergreifend auf Tierhälse und Hörner. Die Kinder waren glattgebürstet und hatten eckige Köpfe.

Ich wendete langsam die Seiten um, nicht ganz bei der Sache, weil gerade die Klimaanlage der Schule anfing zu brausen wie immer um viertel nach vier, als mir von einer halb herausgelösten Seite ein Kind direkt in die Augen schaute. Es hatte weit aufgerissene Augen, Grübchen in den Backen, obwohl es nicht lächelte, und geradegewachsene Augenbrauen, die sich über seiner Nase trafen, noch nie hatte ich bei einem Kind solche Augenbrauen gesehen. Die Augen schaute ich mir genauer an, beugte mich dicht über das wolkige Papier, bis sich der beharrliche, versunkene Blick auflöste in Kratzer und Punkte. Dann suchte ich nach anderen Bildern von Insel Vierunddreißig, fand eine einzige neuere Aufnahme vom Meer aus, auf der Vierunddreißig aussah wie ein aufgeschwemmter Pfannkuchen

in einer riesigen Pfütze, und blätterte zurück zu dem Kind. Ich starrte auf seine Stirn, den geraden Strich seiner Augenbrauen und sein mehlig verwaschenes Kinn, bis der Fünfuhrgong ertönte, ein unsauberer elektronischer C-dur-Dreiklang, das absolute Gehör hat sie auch, sagte der Musiklehrer oft, was meinen Vater zu großen Hoffnungen bewegte, und die Bibliothekarin schaute verständnisvoll, aber entschlossen zu mir herüber. Ich riß mit einer lautlosen Bewegung das Bild aus dem Buch, faltete es und schob es in die Hosentasche. Dann schob ich den Bildband zurück zwischen Antarktis und Beduinen, er hätte dort gar nicht stehen dürfen, und schlurfte über den grünen Teppich nach draußen, bis ich die elektrische Ladung unter den Fingernägeln spürte.

Warum waren wir eigentlich nie auf den Inseln, fragte ich meine Eltern am Abendbrottisch, der wie immer sehr aufwendig gedeckt war mit Tonkrügen voller Saft, frisch aufgeschnittenem Brot und Vaters Lieblingskäse, einem pelzig verschimmelten Ziegenweichkäse, der mich anwiderte. Die Inseln, wieso, sagte mein Vater, kennst du etwa irgendjemanden, der schon einmal dort war. Die Antwort war meines Vaters nicht würdig, er tat nie Dinge, bloß weil irgendjemand sie tat oder nicht tat, und das sagte ich auch. Er stutzte und nickte mir dann anerkennend zu, vielleicht ahnte er schon die ersten Vorläufer meiner neugeborenen Leidenschaft, dafür hat er ein Gespür wie ein Bluthund. Die Inseln, sagte mein Vater und überlegte, die Inseln sind teuer, trist und klimatisch benachteiligt. Ich nahm mir vor, etwas über das Klima auf den Inseln herauszufinden. Man schläft dort nicht gut, sagte meine Mutter. Es gibt dort nichts, was eine Reise wert wäre, sagte mein Vater, ganz und gar nichts, was sollte das auch sein, die Fischer sind doch längst ausgestorben. Nehme ich jedenfalls an. Das ist ein komisches Völkchen dort draußen, sagte meine Mutter, die kommen

ja da nie weg, die braten im eigenen Saft, und das schon seit Jahrhunderten. Jahrtausenden. Plötzlich fiel ihnen immer mehr ein, die Unterhaltung wurde ungewöhnlich lebendig. Ich trank Kirschsaft und sagte nichts mehr, sie hatten meine Frage vergessen und tauschten Inselgeschichten aus, aber woher wissen die das alles, dachte ich.

Bald begann die Leidenschaft aufzukeimen und unübersehbar zu werden. Mein Vater merkte es als erster. Du siehst anders aus, sagte er, als ich drei Stunden zu spät aus der Schule kam, weil ich in der Bibliothek Studien über das Leben in ländlichen Gemeinschaften gelesen und mich mit der Bibliothekarin über die Insel achtundzwanzig unterhalten hatte, auf die sie beinahe früher einmal gereist wäre, ich war drauf und dran, sagte sie mit einer bangen, leicht schwankenden Stimme, drauf und dran. Ganz erhitzt siehst du aus, sagte mein Vater mißtrauisch und hoffnungsvoll, wo hast du denn gesteckt. Ich beschloß, ihm und mir von nun an das Leben zu erleichtern, und sagte so abweisend wie möglich, ich mußte etwas nachsehen. Nachsehen, sagte mein Vater, was denn nachsehen, wenn man fragen darf. Ich wendete mich ab, holte den Spiralblock aus der Tasche, in dem ich von nun an alle Inselnotizen sammelte, und vertiefte mich in mein Gekritzel. Was hast du denn da, sagte mein Vater und stellte sich hinter mich, was denn nachsehen. Über die Inseln, murmelte ich, da gibt es so einiges. Aha, sagte mein Vater laut, trat einen Schritt zurück und musterte mich überrascht, die Inseln also. Na wenn es dich interessiert. Halt mich auf dem Laufenden.

Das erste Zeugnis nach der Entwendung des Bildes war mäßig und gespickt mit besorgten Anmerkungen der Fachlehrer. Mein Vater hielt es sich dicht vor die Augen, sah die glatte Eins in Erdkunde, die ich auch früher, eigentlich immer schon gehabt hatte, aber nun fiel sie auf

in all dem ungewohnten Mittelmaß, und lobte mich zum ersten Mal seit Jahren. Beim Abendbrot lag neben meinem Teller ein dickes Buch, dessen Titel ich schon durch das Seidenpapier hindurch erkennen konnte, so daß ich Zeit hatte, mein Gesicht in Form zu bringen. Entdecke Die Küste hieß es, und ich blätterte so freudig wie möglich darin herum, beugte mich über schlecht gezeichnete Seesterne und Algensorten. Die Inseln kamen darin nicht vor.

Im Sommer fuhren wir an die Küste. Die Küste ist gut erreichbar und nicht sehr weit von unserer Stadt entfernt, aber niemand macht dort Ferien. Niemand heißt: gar niemand. Es ist nicht üblich, an der Küste Ferien zu machen. Eher würde man in die Antarktis oder um den halben Erdball fliegen. Fliegen war überhaupt das, was alle taten, und an der Küste gibt es keine Flughäfen. Es gibt Müllverbrennungsanlagen, Fischkonservenfabriken, kleine schmierige Orte, Imbißstuben mit beschlagenen Scheiben und sehr gutem Bratfisch, aber das weiß ich erst seit jenem Sommer, es gibt auch Bushaltestellen und einen Postwagen, der von einem besoffenen Fahrer von Dorf zu Dorf gesteuert wird und drei Tage für eine Runde braucht, aber einen Flughafen gibt es nicht. Es gibt auch keine Hotels und keine Küstenwanderwege, keine Palmen und keinen Fahrradverleih. Die Strände sind aschig und voller Quallen, die von innen heraus stumpf leuchten, das Wasser schwappt müde über den Tang, und niemand hat daran gedacht, Papierkörbe aufzustellen. Geschweige denn Strandkörbe. Manchmal scheint zwar an der Küste die Sonne, aber dann fängt sofort der Tang an zu stinken, Schwärme winziger Stechfliegen hängen in der Luft, und die Einheimischen kommen aus ihren Häusern, hängen orangene Bettlaken auf Wäscheleinen und werfen Müll zwischen die Felsen.


Einmal soll sich ein Eisverkäufer an die Küste verirrt und sich in einer verlassenen Fischräucherei eingerichtet haben, Topfpflanzen hatte er mitgebracht, fünfzehn verschiedene Eissorten und einen Eismann aus Pappe, der im Schotter vor der Räucherei gütig lächelte. Da niemand an der Küste Ferien machte, muß der Eisverkäufer große Hoffnungen auf die Gelüste der Einheimischen gesetzt haben. Aber die Einheimischen hatten keine Gelüste. Sie kauften im Supermarkt neben der Räucherei alles, was sie brauchten, luden ihre riesigen Geländewagen voll mit Familienpackungen unverderblicher Lebensmittel und warfen mißtrauische Blicke auf die frisch dottergelb gestrichene Räucherei. Kindern, die unermüdlich nach Eis quengelten, wurde gelegentlich ein Erdbeereis spendiert, eine Kugel ohne Sahne. Davon konnte der Eisverkäufer nicht satt werden. Als der Pappmann allmählich im Herbstregen aufweichte und vornüberknickte, machte er sich aus dem Staub und überließ die dottergelbe Räucherei dem Salzwind, der an der Küste nie aufhört zu blasen.

Sehr schnell verstand ich, warum niemand an der Küste Ferien machte. Ich wußte es schon, als wir von der Stadtautobahn auf eine Landstraße abbogen, die schnurgerade direkt zur Küste führt. Sie war frisch geteert, aber ab und zu lagen überfahrene Möwen am Straßenrand. Ich war dagegen, sagte meine Mutter. Sie sagte es nicht triumphierend, und trotzdem wurde mein Vater gleich ungehalten und sagte, jetzt fang nicht so an, wir haben lange darüber gesprochen, und schließlich geht es nicht um uns.

Es ging um mich. Niemand hatte mich gefragt, ob ich an der Küste Ferien machen wollte, und ich wollte überhaupt nicht, was sollte ich an der Küste, auf die Insel Vierunddreißig wollte ich. Aber für meinen Vater waren Inseln und Küste Jacke wie Hose, er wollte meinem jung

erblühten Forschergeist Nahrung schenken, und die gäbe es reichlich zu finden hier an der See, glaubte er, und schließlich könnte man die Inseln ja wohl sehen von der Küste aus. Da irrte er sich, die Inseln lagen während der vier langen Wochen, in denen wir vom vielen Bratfisch Pickel auf der Stirn bekamen und seltsame Ekzeme an den Händen, hinter einem milchigen Dunst verborgen. An einem einzigen Vormittag mit starkem Föhn, der meinen Eltern dröhnende Schädel verpaßte und sie bis zum Mittagessen im Bett hielt, konnte ich in der Ferne Inseln eins bis acht erahnen, aber nur, weil ich wußte, daß sie dort sein mußten, sechs Seemeilen von mir entfernt. Ich machte Fotos, die ersten meiner Sammlung, auf denen man zwischen überbelichteten Grauschwaden einige längliche Flecke erkennen kann.

Es gab drei Pensionen Meeresblick an der Küste, und wir hielten an allen. Die erste Pension Meeresblick stand zwischen zwei Hochspannungspfosten und war verrammelt, die zweite hatte eine pausenlos knackende Gegensprechanlage und Vorhänge, die sich deutlich bewegten. Meine Mutter öffnete den Mund, ich wußte, was sie sagen wollte, aber sie sagte es nicht. Die dritte war unsere, sie stand auf einem Felsen, der Brandung bedenklich nah, und vom Frühstücksraum aus blickte man nicht nur auf das Meer, sondern auf den Algensaum, der sich hinter der Pension zwischen den Liegestühlen abgelagert hatte, und auf die Salzschlieren am Panoramafenster. Wir waren die einzigen Gäste.

Ich wußte nicht, was mein Vater von mir erwartete. Wegen mir waren wir hier, also konnte ich die vernieselten Tage schlecht im Wintergarten zwischen den rostigen Schaukelstühlen vertrödeln oder im Fernsehraum auf dem rostigen Sofa. Schaukelstühle und Sofas können eigentlich gar nicht rosten, aber an der Küste rostet alles,

sogar die rostfreie Armbanduhr meines Vaters hatte schon nach vier Wochen Flecken. Die Besitzerin des Meeresblicks hatte braune, antoupierte Haare, die ebenfalls rostig aussahen, und erneuerte alle drei Wochen die Zeitschriften im Fernsehraum, wenn das Papier anfing, Wellen zu schlagen. In unsere Zimmer kam sie nie, und mir war das recht. Meine Mutter, die Wert auf frische Bettlaken und aufgeschüttelte Kopfkissen legte, fühlte sich vernachlässigt. Mein Vater fühlte sich vernachlässigt, weil ich meinen Forschergeist brachliegen und ihn nicht an meiner neuen Herzensglut teilhaben ließ.

Aber ich wußte einfach nicht, was ich hätte tun sollen. Ich machte ein paar Fotos von den Inseln im Nebel, ich ging morgens nach dem Frühstück manchmal in den Garten, stocherte im Tang herum und kritzelte wahllos in meinen Notizblock, und wenn es nicht regnete, lieh ich mir das rostige Damenfahrrad der Besitzerin, kaufte meinem Vater im nächsten Ort eine Zeitung und schaute durch das Fernglas auf den leeren Strand. Mir war nicht klar, wie die vier Wochen vergehen sollten.

Als ich später mit Zankanella auf die Inseln wollte, brachte ich die Fotos und meine alten Seekarten mit und legte den ganzen Haufen auf den geflochtenen Tisch, den sich Zankanella nahe bei der verspiegelten Bar ausgesucht hatte, um den Kellnerinnen unauffällig hinterherschauen zu können. Hier, sagte ich, wir fahren auf die Inseln, da kannst du dich endlich richtig ausleben. Zankanella schob die Fotos hin und her, er war fahrig und nicht bei der Sache und sah ständig schräg hinter mir auf die Spiegel, bis ich ihm mit der Landvermessungskarte Abschnitt acht auf das Handgelenk schlug, Zankanella, jetzt hör mal zu, wann fahren wir. Zankanella fand meine Leidenschaft unterhaltsam, es war ein neues Spiel für ihn, und wenn

ihm meine Berichte zuviel wurden, riß er mich hoch und fuhr mich ins Kino, wo er meinen Hals schleckte und an meinen Knien herumfingerte. Es störte mich nicht, ich ließ es mir gefallen, weil Zankanella nach Vanille und Zigaretten roch und nach einem Schweiß, der vom Einkaufen, Küssen und Autofahren kommt und nicht vom Forschen. Und er brachte mir bei, wie man viel trinkt, ohne am nächsten Morgen einen stumpfen Geschmack im Mund zu haben, und daß man im Bett schreien kann und sogar soll. Ich wollte, daß Zankanella mit auf die Insel kam, er hatte sie verdient. Aber er wehrte sich. Er raffte die Fotos zusammen, klopfte sie auf der Tischplatte zu einem ordentlichen Stapel und sagte heftig, ich habe zwei Wochen Urlaub im Jahr, verstehst du, und wenn ich mich ausleben will, fliege ich woanders hin, schön weit weg. Aber die Insel wäre doch viel näher, rief ich, und viel billiger. Das ist keine Frage des Geldes, sagte Zankanella, das solltest du wissen, und er stand auf und ging.

Meine Eltern versuchten es mit Ausflügen: die westlichste Klippe des Festlandes, die sich nur durch einen gelben Wimpel von den Klippen ringsherum unterschied. Die Robbenbucht, wo wir mit Hilfe des Fernglases weit draußen im öligen Wasser kleine runde Köpfe vor sich hindümpeln sahen, das mußten Robben sein, denn an der Küste geht kein Mensch freiwillig ins Wasser. Ich machte mir Aufzeichnungen. Mein Vater schaute mir über die Schulter, aber er konnte mein Gekritzel nicht lesen, ich hatte mir eine Art geheime Schmierschrift zugelegt. Am schönsten war der Abstecher zum Leuchtturm.

Der Leuchtturm war vergammelt und mit Maschendraht gegen Besucher abgeschirmt. Er stand auf einem blaugrünen, dichtgewachsenen Rasenstreifen. Unsere Augen ruhten auf der satten,

frischen Farbe, sie schillerte fast, obwohl die Sonne nicht schien. Dort trafen wir zum ersten Mal andere Fremde, mehrere erschöpft aussehende Leute mit Regenhüten, die auch alle vor dem Rasen standen und auf das Grün starrten. Es war fast windstill. Niemand sagte etwas. Wir verharrten vor dem Rasenstück, eine Art Sanfmut senkte sich über uns, oder vielleicht war es auch nur Erleichterung, daß die Welt nicht nur salzig und grau war, und sie verflüchtigte sich gleich, als einer der Fremden anfing zu niesen und sich murmelnd und schniefend aus der Gruppe löste. Ich knipste den schäbigen Leuchtturm von allen Seiten und versuchte mich auch an dem Rasenstreifen, aber auf den Abzügen später sah er schleimig grün und eher unappetitlich aus. Als ich mit dem Fotografieren fertig war, sah ich mich nach meinen Eltern um. Sie standen am Parkplatz, mein Vater hatte den Arm um meine Mutter gelegt, die sich unter dem ungewohnten Druck etwas nach vorne beugte.

Mich hatten sie endlich vergessen.

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