Als Kind hörte ich von der
Insel lange nicht mehr als die anderen auch. In der Schule
war sie ein grauer Fleck auf der mürben Karte, weit vor
der Küste. Wir redeten über Gesteinsarten und Schiffahrt,
Rohstoffe und Tourismus. Die Insel war aus Basalt und durch
regelmäßigen Fährverkehr mit dem Festland
verbunden, hatte keine Rohstoffe und wenig Tourismus, genau
wie die dreiunddreißig anderen Inseln vor unserer Küste,
die auch alle aus Basalt waren. Weil niemand ihnen jemals
einen Namen gegeben hatte, waren sie numeriert, sehr selten
ist das, sagte Herr Kohlhas, der Erdkundelehrer, die Menschen
haben für alles einen Namen, jeder Felsen in der Antarktis
heißt irgendwie.
Also mußten wir für die
Klassenarbeiten die Nummern der Inseln auswendig lernen und
sie in ein kleines Raster eintragen, das Herr Kohlhas auf
die Arbeitsblätter gezeichnet hatte. Meine Insel war
Nummer vierunddreißig, weil sie am weitesten weg war.
Die anderen Inseln klebten scharenweise zusammen, es war schwierig,
sie auseinanderzuhalten, niemand schrieb in den Inselarbeiten
gute Noten, aber Nummer vierunddreißig lag auf der Karte
gut drei Fingerbreit entfernt von den Inselscharen, ein kleiner
Vogeldreck im zerkratzten Blau. Alle konnten sich die Nummer
vierunddreißig merken, auch wenn sie sonst nichts wußten.
Vielleicht glaubt deswegen jeder, die Insel zu kennen.
Zankanella zum Beispiel kannte jemanden,
dessen Tante dort leben sollte, ein Frauchen in den Fünfzigern,
sagte Zankanella, aber stell sie dir nicht vor wie die Frauchen
an der Küste, mit geraden Falten auf der Stirn und dreckigen
Fingernägeln und saufenden Ehemännern, die
in der Fischfabrik nicht genug verdienen zum Leben und nicht
genug zum Sterben, nein, so ist das nicht auf der Insel. Diese
Tante, leider nicht meine, sagte Zankanella, denn so eine
hätte ich gerne, diese Tante hat dort drei oder vier
Liebhaber und blüht wie ein Flieder im Mai, ein kleines
altes Persönchen doch eigentlich, aber ich sag dir, die
soll Haare bis auf den Hintern haben und Brüste zum Reinbeißen,
und abends kommen ihre Liebhaber, manchmal einer oder zwei,
manchmal auch alle zusammen, die feiern die Nacht durch, und
die Tante ist nicht die einzige auf der Insel, die es sich
gutgehen läßt. Zankanella hatte sich heißgeredet,
du wärst wohl gerne da, sagte ich, und er rieb sich die
Hände, streckte die Arme über den Kopf und lehnte
sich nach hinten, das kann man wohl sagen. Er stieß
mit seinen gedehnten Armen gegen den Tischnachbarn. Zankanella
ist sehr ausladend, es wäre einfacher, ihn zuhause zu
bewirten, wo er sich ausbreiten könnte und niemanden
behelligen müßte, aber er mag Kellnerinnen, Zuckerstreuer
und Speisekarten, und außerdem hat er viel Geld, das
er in meiner Küche nicht ausgeben kann. Dann fahr doch,
sagte ich, nimm dir ein Motorboot, oder hast du nicht sogar
schon eins, ich komme mit. Zankanella hörte nicht zu,
das ist ein kleines feines Liebesnest dort, jeder mit jedem,
verstehst du, und das Beste ist, es funktioniert. Ich merkte,
daß der Tischnachbar sich leicht zur Seite neigte und
lauschte. Aber es sind doch Fischer, sagte ich, das habe ich
in der Schule gelernt, Fischer leben so nicht. Woher willst
du wissen, wie Fischer leben, sagte Zankanella. Ich glaube
nicht, daß Zankanella weiß, wie Fischer leben.
Ich habe nie so getan, als ob ich
die Insel kenne, und ich bin die einzige, die wirklich hinfahren
wollte, seit ich mehr von ihr weiß. Die Seekarten hatte
ich mir schon gekauft, bevor ich Zankanella überhaupt
kannte. Meine Eltern freuten sich über das heftige Interesse,
das als
milde Neugier begonnen hatte und allmählich immer dringlicher
Besitz von mir ergriff. Sie warteten schon seit Jahren darauf,
daß mein Herz für etwas schlug, wie mein Vater
es ausdrückte. Was willst du denn mal machen, fragte
er alle vier bis sechs Monate, und wenn ich antwortete, Dolmetscherin,
oder Lehrerin, beugte er sich vor und sah mir prüfend
ins Gesicht, und schlägt dein Herz dafür. Ich horchte
in mich hinein und konnte mein Herz nicht hören, ich
weiß nicht, sagte ich, glaube schon.
Mein Vater war jemand, der sich
schnell zum Glühen bringen konnte. Meine Mutter wartete
im Hintergrund und wärmte ihre Hände an seiner Glut.
Du willst doch nicht vor dich hinstümpern, sagte mein
Vater. Ich habe noch nie vor mich hingestümpert, in der
Schule war ich eine der Besten, meine Eltern waren es nicht
anders gewohnt, aber was nützen dir die guten Noten,
sagte mein Vater, wenn kein Herzblut dabei ist. Mein Vater
hatte dickes, sehr weißes Haar und volle Lippen, er
sah prächtig aus. Wenn er für die Kinder aus der
Nachbarschaft den Weihnachtsmann spielte, einen leidenschaftlichen,
polternden Weihnachtsmann, der die Kinder in unserer Wohnung
zusammenrief, um mir als Einzelkind Spielkameraden ins Haus
zu holen, dann brauchte mein Vater keine Perücke, nur
einen dicken Bart und Koteletten aus Watte, die von demselben
reinen Weiß waren wie seine Haare. Ich brachte meine
Mathematikarbeiten und Vokabeltests mit nach Hause und legte
sie auf den Küchentisch, Mutter nickte mir zu, ganz beiläufig
hatte ich wieder die beste Note geschrieben, und Vater war
stolz, das sagte er auch, aber ich wußte schon, was
kommen würde. Er ging zu den Elternsprechtagen und lag
den Lehrern in den Ohren, natürlich ist sie gut, das
weiß ich, aber wo sehen Sie denn ihre besonderen Begabungen,
und enttäuscht kam er zurück, du bist in allem gleich
gut. Ich versuchte, in manchen Fächern noch besser zu
werden und in anderen etwas schlechter, schrieb absichtlich
falschen Subjonctif ab und verworrenes Algebra, legte mir
einen Familienstammbaum der römischen Götter und
eine Karte des römischen Weltreiches an, um in Latein
alle zu übertrumpfen, und in Sport täuschte ich
einseitiges Hinken und Regelschmerzen vor, um beim Geräteturnen
die schwerelose Leichtigkeit zu übertuschen, um die mich
alle beneideten. Geglaubt hat mir nie jemand.
Du machst dir Feinde, sagte mein
Vater, und da hatte er natürlich recht, über Leidenschaft
macht sich niemand lustig, sagte er, aber die, die alles gleich
gut können, die mag niemand. Mich mochten wenige, die
meisten beneideten mich mit eben der Glut, die mir mein Vater
wünschte. Ich ließ immer alle abgucken, erklärte
allen alles, verschenkte meine Hausaufgaben, und sie rissen
sich darum, aber schon in den ersten Sätzen machten sie
Fehler, vergaßen Silben und Buchstaben, wurden ungeduldig,
schrieben noch schneller, und ich erkannte nicht mehr wieder,
was ich geschrieben hatte. Ich konnte nichts dafür, daß
ich besser war.
Als ich klein war, fiel es nicht
so auf, sie spielten mit mir, wie die anderen hatte ich Rollschuhe
und einen häßlichen phosphorenzierenden Schulranzen
und wurde auf Geburtstagsfeiern eingeladen, wo man mit verbundenen
Augen und gefesselten Händen Schokoladentafeln auswickeln
mußte, um die Wette, und wer zuerst fertig war, mußte
alles aufessen. Ich war oft zuerst fertig, weil ich geschickte
Finger habe, aber ich teilte die Schokolade mit den anderen,
die schwerfällig und blindwütig an der Verpackung
herumfetzten, bis sie einen Haufen Schokoladenbrösel
und zerknülltes Aluminiumpapier vor sich hatten. Sie
sind zu ungeduldig, aber sagen
darf ihnen das niemand, sonst sehen sie rot, und alles wird
nur schlimmer.
Später teilte ich Landjäger,
Buntstifte, Käsebrötchen, Abziehbilder mit Silberglitter,
Rosinenschnecken, Tintenkiller, Wackelpudding in der Schulkantine,
Überraschungseier, Zigaretten, Joints und die Lösungen
der Abituraufgaben in Mathematik. Ich gewöhnte mich so
an das Teilen, daß ich mich unwillkürlich nach
Mitessern umschaute, bevor ich eine Gabel zum Mund führte.
Trotzdem mochten mich wenige. Es gab sie hier und dort, aber
viele waren es nicht. Als ich mit den Inseln anfing, verebbten
die Feindschaften.
In der Schulbibliothek fand ich
einen Bildband mit historischen Aufnahmen aller vierunddreißig
Inseln vor unserer Küste. Weil die anderen mich hänselten,
na gehst du wieder pauken, traute ich mich selten in die Bibliothek
und achtete darauf, daß mich niemand auf den mit grünem
Teppich beklebten Stufen erwischte. Der Teppich, den sie nirgendwo
anders im ganzen Gebäude verlegt hatten, war fleckig
und aus Kunststoff, und wenn ich mit den Schuhen darüber
schabte, lud ich mich elektrisch auf und knisterte an den
Fingerspitzen. Weil ich das Gefühl mochte, schlurfte
ich über die Stufen und entlud mich mit einem wohligen
Schreck am Türgriff der Bibliothek. Vielleicht könnte
ich Bibliothekarin werden, dachte ich und horchte in mich
hinein, aber mein Herz schlug nicht schneller. Die Bibliothekarin
hielt mich wohl für einen Bücherwurm, aber ich war
genauso oft in der Turnhalle, wo ich an Tauen bis zur Decke
kletterte, am Reck die Beine spreizte und Medizinbälle
auf dem Kopf balancierte, und im Musikraum, wo ich mich zwischen
Flöten, Klavier und Bongos nicht entscheiden konnte und
stundenlang herumzupfte und in die Tasten griff, bis man mich
auf den Schulhof schickte, schön, daß du dich so
interessierst, aber
jetzt geh mal an die frische Luft zu deinen Freunden. Die
Lehrer ermüdeten oft schneller als ich, sie hatten sich
ja auch schon entschieden und mußten nicht alles gleichzeitig
machen und dazu noch gemocht werden.
Zwischen den Bildbänden stieß
ich auf einen abgestoßenen Lederrücken mit kaum
leserlicher Goldschrift: Die Inseln damals und heute. Das
Heute war lange her, auf den neueren Inselfotos hatten die
Autos noch seltsam gerundete Kühlerhauben, und Eselskarren
verstopften die schlammigen Dorfstraßen, aber vielleicht
ist es ja dort immer noch so, dachte ich, blätterte zurück
und kam zu den älteren Aufnahmen, bräunlichen, leicht
verwischten Bildern, auf denen sich Leute mit strengen Mienen
zu ordentlichen Grüppchen aufgereiht hatten. Manche hielten
feuchte Fische in die Kamera, andere hatten Ziegen oder Schafe
neben sich in die Reihe gezerrt und legten ihre Hände
besitzergreifend auf Tierhälse und Hörner. Die Kinder
waren glattgebürstet und hatten eckige Köpfe.
Ich wendete langsam die Seiten um,
nicht ganz bei der Sache, weil gerade die Klimaanlage der
Schule anfing zu brausen wie immer um viertel nach vier, als
mir von einer halb herausgelösten Seite ein Kind direkt
in die Augen schaute. Es hatte weit aufgerissene Augen, Grübchen
in den Backen, obwohl es nicht lächelte, und geradegewachsene
Augenbrauen, die sich über seiner Nase trafen, noch nie
hatte ich bei einem Kind solche Augenbrauen gesehen. Die Augen
schaute ich mir genauer an, beugte mich dicht über das
wolkige Papier, bis sich der beharrliche, versunkene Blick
auflöste in Kratzer und Punkte. Dann suchte ich nach
anderen Bildern von Insel Vierunddreißig, fand eine
einzige neuere Aufnahme vom Meer aus, auf der Vierunddreißig
aussah wie ein aufgeschwemmter Pfannkuchen
in einer riesigen Pfütze, und blätterte zurück
zu dem Kind. Ich starrte auf seine Stirn, den geraden Strich
seiner Augenbrauen und sein mehlig verwaschenes Kinn, bis
der Fünfuhrgong ertönte, ein unsauberer elektronischer
C-dur-Dreiklang, das absolute Gehör hat sie auch, sagte
der Musiklehrer oft, was meinen Vater zu großen Hoffnungen
bewegte, und die Bibliothekarin schaute verständnisvoll,
aber entschlossen zu mir herüber. Ich riß mit einer
lautlosen Bewegung das Bild aus dem Buch, faltete es und schob
es in die Hosentasche. Dann schob ich den Bildband zurück
zwischen Antarktis und Beduinen, er hätte dort gar nicht
stehen dürfen, und schlurfte über den grünen
Teppich nach draußen, bis ich die elektrische Ladung
unter den Fingernägeln spürte.
Warum waren wir eigentlich nie auf
den Inseln, fragte ich meine Eltern am Abendbrottisch, der
wie immer sehr aufwendig gedeckt war mit Tonkrügen voller
Saft, frisch aufgeschnittenem Brot und Vaters Lieblingskäse,
einem pelzig verschimmelten Ziegenweichkäse, der mich
anwiderte. Die Inseln, wieso, sagte mein Vater, kennst du
etwa irgendjemanden, der schon einmal dort war. Die Antwort
war meines Vaters nicht würdig, er tat nie Dinge, bloß
weil irgendjemand sie tat oder nicht tat, und das sagte ich
auch. Er stutzte und nickte mir dann anerkennend zu, vielleicht
ahnte er schon die ersten Vorläufer meiner neugeborenen
Leidenschaft, dafür hat er ein Gespür wie ein Bluthund.
Die Inseln, sagte mein Vater und überlegte, die Inseln
sind teuer, trist und klimatisch benachteiligt. Ich nahm mir
vor, etwas über das Klima auf den Inseln herauszufinden.
Man schläft dort nicht gut, sagte meine Mutter. Es gibt
dort nichts, was eine Reise wert wäre, sagte mein Vater,
ganz und gar nichts, was sollte das auch sein, die Fischer
sind doch längst ausgestorben. Nehme ich jedenfalls an.
Das ist ein komisches Völkchen dort draußen, sagte
meine Mutter, die kommen
ja da nie weg, die braten im eigenen Saft, und das schon seit
Jahrhunderten. Jahrtausenden. Plötzlich fiel ihnen immer
mehr ein, die Unterhaltung wurde ungewöhnlich lebendig.
Ich trank Kirschsaft und sagte nichts mehr, sie hatten meine
Frage vergessen und tauschten Inselgeschichten aus, aber woher
wissen die das alles, dachte ich.
Bald begann die Leidenschaft aufzukeimen
und unübersehbar zu werden. Mein Vater merkte es als
erster. Du siehst anders aus, sagte er, als ich drei Stunden
zu spät aus der Schule kam, weil ich in der Bibliothek
Studien über das Leben in ländlichen Gemeinschaften
gelesen und mich mit der Bibliothekarin über die Insel
achtundzwanzig unterhalten hatte, auf die sie beinahe früher
einmal gereist wäre, ich war drauf und dran, sagte sie
mit einer bangen, leicht schwankenden Stimme, drauf und dran.
Ganz erhitzt siehst du aus, sagte mein Vater mißtrauisch
und hoffnungsvoll, wo hast du denn gesteckt. Ich beschloß,
ihm und mir von nun an das Leben zu erleichtern, und sagte
so abweisend wie möglich, ich mußte etwas nachsehen.
Nachsehen, sagte mein Vater, was denn nachsehen, wenn man
fragen darf. Ich wendete mich ab, holte den Spiralblock aus
der Tasche, in dem ich von nun an alle Inselnotizen sammelte,
und vertiefte mich in mein Gekritzel. Was hast du denn da,
sagte mein Vater und stellte sich hinter mich, was denn nachsehen.
Über die Inseln, murmelte ich, da gibt es so einiges.
Aha, sagte mein Vater laut, trat einen Schritt zurück
und musterte mich überrascht, die Inseln also. Na wenn
es dich interessiert. Halt mich auf dem Laufenden.
Das erste Zeugnis nach der Entwendung
des Bildes war mäßig und gespickt mit besorgten
Anmerkungen der Fachlehrer. Mein Vater hielt es sich dicht
vor die Augen, sah die glatte Eins in Erdkunde, die ich auch
früher, eigentlich immer schon gehabt hatte, aber nun
fiel sie auf
in all dem ungewohnten Mittelmaß, und lobte mich zum
ersten Mal seit Jahren. Beim Abendbrot lag neben meinem Teller
ein dickes Buch, dessen Titel ich schon durch das Seidenpapier
hindurch erkennen konnte, so daß ich Zeit hatte, mein
Gesicht in Form zu bringen. Entdecke Die Küste hieß
es, und ich blätterte so freudig wie möglich darin
herum, beugte mich über schlecht gezeichnete Seesterne
und Algensorten. Die Inseln kamen darin nicht vor.
Im Sommer fuhren wir an die Küste.
Die Küste ist gut erreichbar und nicht sehr weit von
unserer Stadt entfernt, aber niemand macht dort Ferien. Niemand
heißt: gar niemand. Es ist nicht üblich, an der
Küste Ferien zu machen. Eher würde man in die Antarktis
oder um den halben Erdball fliegen. Fliegen war überhaupt
das, was alle taten, und an der Küste gibt es keine Flughäfen.
Es gibt Müllverbrennungsanlagen, Fischkonservenfabriken,
kleine schmierige Orte, Imbißstuben mit beschlagenen
Scheiben und sehr gutem Bratfisch, aber das weiß ich
erst seit jenem Sommer, es gibt auch Bushaltestellen und einen
Postwagen, der von einem besoffenen Fahrer von Dorf zu Dorf
gesteuert wird und drei Tage für eine Runde braucht,
aber einen Flughafen gibt es nicht. Es gibt auch keine Hotels
und keine Küstenwanderwege, keine Palmen und keinen Fahrradverleih.
Die Strände sind aschig und voller Quallen, die von innen
heraus stumpf leuchten, das Wasser schwappt müde über
den Tang, und niemand hat daran gedacht, Papierkörbe
aufzustellen. Geschweige denn Strandkörbe. Manchmal scheint
zwar an der Küste die Sonne, aber dann fängt sofort
der Tang an zu stinken, Schwärme winziger Stechfliegen
hängen in der Luft, und die Einheimischen kommen aus
ihren Häusern, hängen orangene Bettlaken auf Wäscheleinen
und werfen Müll zwischen die Felsen.
Einmal soll sich ein Eisverkäufer an die Küste verirrt
und sich in einer verlassenen Fischräucherei eingerichtet
haben, Topfpflanzen hatte er mitgebracht, fünfzehn verschiedene
Eissorten und einen Eismann aus Pappe, der im Schotter vor
der Räucherei gütig lächelte. Da niemand an
der Küste Ferien machte, muß der Eisverkäufer
große Hoffnungen auf die Gelüste der Einheimischen
gesetzt haben. Aber die Einheimischen hatten keine Gelüste.
Sie kauften im Supermarkt neben der Räucherei alles,
was sie brauchten, luden ihre riesigen Geländewagen voll
mit Familienpackungen unverderblicher Lebensmittel und warfen
mißtrauische Blicke auf die frisch dottergelb gestrichene
Räucherei. Kindern, die unermüdlich nach Eis quengelten,
wurde gelegentlich ein Erdbeereis spendiert, eine Kugel ohne
Sahne. Davon konnte der Eisverkäufer nicht satt werden.
Als der Pappmann allmählich im Herbstregen aufweichte
und vornüberknickte, machte er sich aus dem Staub und
überließ die dottergelbe Räucherei dem Salzwind,
der an der Küste nie aufhört zu blasen.
Sehr schnell verstand ich, warum
niemand an der Küste Ferien machte. Ich wußte es
schon, als wir von der Stadtautobahn auf eine Landstraße
abbogen, die schnurgerade direkt zur Küste führt.
Sie war frisch geteert, aber ab und zu lagen überfahrene
Möwen am Straßenrand. Ich war dagegen, sagte meine
Mutter. Sie sagte es nicht triumphierend, und trotzdem wurde
mein Vater gleich ungehalten und sagte, jetzt fang nicht so
an, wir haben lange darüber gesprochen, und schließlich
geht es nicht um uns.
Es ging um mich. Niemand hatte mich
gefragt, ob ich an der Küste Ferien machen wollte, und
ich wollte überhaupt nicht, was sollte ich an der Küste,
auf die Insel Vierunddreißig wollte ich. Aber für
meinen Vater waren Inseln und Küste Jacke wie Hose, er
wollte meinem jung
erblühten Forschergeist Nahrung schenken, und die gäbe
es reichlich zu finden hier an der See, glaubte er, und schließlich
könnte man die Inseln ja wohl sehen von der Küste
aus. Da irrte er sich, die Inseln lagen während der vier
langen Wochen, in denen wir vom vielen Bratfisch Pickel auf
der Stirn bekamen und seltsame Ekzeme an den Händen,
hinter einem milchigen Dunst verborgen. An einem einzigen
Vormittag mit starkem Föhn, der meinen Eltern dröhnende
Schädel verpaßte und sie bis zum Mittagessen im
Bett hielt, konnte ich in der Ferne Inseln eins bis acht erahnen,
aber nur, weil ich wußte, daß sie dort sein mußten,
sechs Seemeilen von mir entfernt. Ich machte Fotos, die ersten
meiner Sammlung, auf denen man zwischen überbelichteten
Grauschwaden einige längliche Flecke erkennen kann.
Es gab drei Pensionen Meeresblick
an der Küste, und wir hielten an allen. Die erste Pension
Meeresblick stand zwischen zwei Hochspannungspfosten und war
verrammelt, die zweite hatte eine pausenlos knackende Gegensprechanlage
und Vorhänge, die sich deutlich bewegten. Meine Mutter
öffnete den Mund, ich wußte, was sie sagen wollte,
aber sie sagte es nicht. Die dritte war unsere, sie stand
auf einem Felsen, der Brandung bedenklich nah, und vom Frühstücksraum
aus blickte man nicht nur auf das Meer, sondern auf den Algensaum,
der sich hinter der Pension zwischen den Liegestühlen
abgelagert hatte, und auf die Salzschlieren am Panoramafenster.
Wir waren die einzigen Gäste.
Ich wußte nicht, was mein
Vater von mir erwartete. Wegen mir waren wir hier, also konnte
ich die vernieselten Tage schlecht im Wintergarten zwischen
den rostigen Schaukelstühlen vertrödeln oder im
Fernsehraum auf dem rostigen Sofa. Schaukelstühle und
Sofas können eigentlich gar nicht rosten, aber an der
Küste rostet alles,
sogar die rostfreie Armbanduhr meines Vaters hatte schon nach
vier Wochen Flecken. Die Besitzerin des Meeresblicks hatte
braune, antoupierte Haare, die ebenfalls rostig aussahen,
und erneuerte alle drei Wochen die Zeitschriften im Fernsehraum,
wenn das Papier anfing, Wellen zu schlagen. In unsere Zimmer
kam sie nie, und mir war das recht. Meine Mutter, die Wert
auf frische Bettlaken und aufgeschüttelte Kopfkissen
legte, fühlte sich vernachlässigt. Mein Vater fühlte
sich vernachlässigt, weil ich meinen Forschergeist brachliegen
und ihn nicht an meiner neuen Herzensglut teilhaben ließ.
Aber ich wußte einfach nicht,
was ich hätte tun sollen. Ich machte ein paar Fotos von
den Inseln im Nebel, ich ging morgens nach dem Frühstück
manchmal in den Garten, stocherte im Tang herum und kritzelte
wahllos in meinen Notizblock, und wenn es nicht regnete, lieh
ich mir das rostige Damenfahrrad der Besitzerin, kaufte meinem
Vater im nächsten Ort eine Zeitung und schaute durch
das Fernglas auf den leeren Strand. Mir war nicht klar, wie
die vier Wochen vergehen sollten.
Als ich später mit Zankanella
auf die Inseln wollte, brachte ich die Fotos und meine alten
Seekarten mit und legte den ganzen Haufen auf den geflochtenen
Tisch, den sich Zankanella nahe bei der verspiegelten Bar
ausgesucht hatte, um den Kellnerinnen unauffällig hinterherschauen
zu können. Hier, sagte ich, wir fahren auf die Inseln,
da kannst du dich endlich richtig ausleben. Zankanella schob
die Fotos hin und her, er war fahrig und nicht bei der Sache
und sah ständig schräg hinter mir auf die Spiegel,
bis ich ihm mit der Landvermessungskarte Abschnitt acht auf
das Handgelenk schlug, Zankanella, jetzt hör mal zu,
wann fahren wir. Zankanella fand meine Leidenschaft unterhaltsam,
es war ein neues Spiel für ihn, und wenn
ihm meine Berichte zuviel wurden, riß er mich hoch und
fuhr mich ins Kino, wo er meinen Hals schleckte und an meinen
Knien herumfingerte. Es störte mich nicht, ich ließ
es mir gefallen, weil Zankanella nach Vanille und Zigaretten
roch und nach einem Schweiß, der vom Einkaufen, Küssen
und Autofahren kommt und nicht vom Forschen. Und er brachte
mir bei, wie man viel trinkt, ohne am nächsten Morgen
einen stumpfen Geschmack im Mund zu haben, und daß man
im Bett schreien kann und sogar soll. Ich wollte, daß
Zankanella mit auf die Insel kam, er hatte sie verdient. Aber
er wehrte sich. Er raffte die Fotos zusammen, klopfte sie
auf der Tischplatte zu einem ordentlichen Stapel und sagte
heftig, ich habe zwei Wochen Urlaub im Jahr, verstehst du,
und wenn ich mich ausleben will, fliege ich woanders hin,
schön weit weg. Aber die Insel wäre doch viel näher,
rief ich, und viel billiger. Das ist keine Frage des Geldes,
sagte Zankanella, das solltest du wissen, und er stand auf
und ging.
Meine Eltern versuchten es mit Ausflügen:
die westlichste Klippe des Festlandes, die sich nur durch
einen gelben Wimpel von den Klippen ringsherum unterschied.
Die Robbenbucht, wo wir mit Hilfe des Fernglases weit draußen
im öligen Wasser kleine runde Köpfe vor sich hindümpeln
sahen, das mußten Robben sein, denn an der Küste
geht kein Mensch freiwillig ins Wasser. Ich machte mir Aufzeichnungen.
Mein Vater schaute mir über die Schulter, aber er konnte
mein Gekritzel nicht lesen, ich hatte mir eine Art geheime
Schmierschrift zugelegt. Am schönsten war der Abstecher
zum Leuchtturm.
Der Leuchtturm war vergammelt und
mit Maschendraht gegen Besucher abgeschirmt. Er stand auf
einem blaugrünen, dichtgewachsenen Rasenstreifen. Unsere
Augen ruhten auf der satten,
frischen Farbe, sie schillerte fast, obwohl die Sonne nicht
schien. Dort trafen wir zum ersten Mal andere Fremde, mehrere
erschöpft aussehende Leute mit Regenhüten, die auch
alle vor dem Rasen standen und auf das Grün starrten.
Es war fast windstill. Niemand sagte etwas. Wir verharrten
vor dem Rasenstück, eine Art Sanfmut senkte sich über
uns, oder vielleicht war es auch nur Erleichterung, daß
die Welt nicht nur salzig und grau war, und sie verflüchtigte
sich gleich, als einer der Fremden anfing zu niesen und sich
murmelnd und schniefend aus der Gruppe löste. Ich knipste
den schäbigen Leuchtturm von allen Seiten und versuchte
mich auch an dem Rasenstreifen, aber auf den Abzügen
später sah er schleimig grün und eher unappetitlich
aus. Als ich mit dem Fotografieren fertig war, sah ich mich
nach meinen Eltern um. Sie standen am Parkplatz, mein Vater
hatte den Arm um meine Mutter gelegt, die sich unter dem ungewohnten
Druck etwas nach vorne beugte.
Mich hatten sie endlich vergessen.
Originaltext
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